Uli & die Demenz: Demente Menschen haben mehr Zeit verdient

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Besser die Umstände verändern, als drüber zu klagen

Ob spielen, Geschichten erzählen oder zusammen basteln. Oft bleiben Tipps zur Aktivierung aufgrund von Zeitmangel unberührt
Häufig fehlt in der Altenpflege die Zeit, sich um die Bewohner intensiv zu kümmern. Dabei wirken schon die kleinsten Bemühungen (Foto: Fotolia)

Astrid arbeitet in der Pflege. Sie hat sich intensiv damit auseinandergesetzt, wie man mit dementen Menschen umgehen kann. Aber sie kommt zum Fazit: „Das Problem ist leider die Zeit. In der Praxis haben Pflegekräfte doch ohnehin keine Zeit, um all diese guten Anregungen umzusetzen.“ Das sagt sie immer wieder.

Ich finde, Astrid hat recht. Pflegekräfte haben wenig Zeit. Viel zu wenig Zeit. Aber dennoch können wir einiges verändern.

Kleine Anfänge

Astrid hat das Gefühl, dass sie die vielen guten Tipps zum Thema Demenz nicht umsetzen kann. Aber: Niemand kann alle guten Tipps umsetzen, die andere Leute für ihn haben. Warum nicht nur einen Tipp nehmen – und probieren. Zum Beispiel, dass ich mich zu Beginn der Schicht jeweils namentlich bei den Bewohnern mit Demenz vorstelle (Diesen Tipp finden Sie übrigens hier ). Kleiner Aufwand – große Wirkung.

Veränderungen anstoßen

Wenn ich mich daran störe, dass Herr Maier von nebenan abends seine Musik zu laut dreht, muss ich mit Herrn Maier reden. Es bringt mir nichts, wenn ich am Stammtisch über Herrn Maier schimpfe. Damit mache ich nur schlechte Stimmung gegen Herrn Maier. So ähnlich erlebe ich das auch in der Pflege. Wer bei Kollegen und Freunden über die schlechten Arbeitsbedingungen schimpft, braucht sich nicht zu wundern, wenn er immer weniger Lust darauf hat, in der Pflege zu arbeiten – und auch anderen den Spaß am Beruf nimmt. Alternativ kann Astrid einen Brief an ihren Abgeordneten schreiben, Petitionen starten (oder sich daran beteiligen), sich in einer Gewerkschaft organisieren – und mit Aktionen wie „Pflege am Boden“ auf die Missstände in der Pflege aufmerksam machen. So funktioniert Demokratie.

Sich selber treu bleiben

Ich selber habe auch meine Konsequenzen gezogen. Unter anderem, weil ich in der Altenpflege zu wenig Zeit für die Bewohner hatte. Seit einigen Jahren arbeite ich nicht mehr als Pfleger. Seither bin ich teilzeitlich in der zusätzlichen Betreuung tätig – mit dem Schwerpunkt Seelsorge. Ich habe jetzt Zeit für die Betroffenen. Die Zeit, die ich mir immer gewünscht habe. Seither fühle ich mich gesünder und belastbarer, habe keine Schlafstörungen mehr. Ich bin glücklich, ausgeglichen und zufrieden. Und habe den Eindruck, in dem Bereich arbeiten zu können, in dem ich auch Erfüllung finde. Nebenher habe ich sogar noch Zeit, um Vorträge und Seminare zum Umgang mit Demenz zu geben – und Bücher für demente Menschen und ihre Angehörigen zu schreiben.

Für Astrid und alle Pflegenden würde ich mir wünschen, dass sie entweder Erfüllung in ihrem Beruf finden oder eine andere sinnvolle Aufgabe. Und dass wir alle zusammen genügend Energie haben, um die Umstände positiv zu verändern.


Uli Zeller (Jahrgang 1976) arbeitete mehrere Jahre als Krankenpfleger im Bereich der ambulanten und stationären Altenhilfe. Sein Theologiestudium schloss er mit einer Masterarbeit zum Thema „Demenz und Seelsorge“ ab. Seit 2008 ist er als Betreuer und Seelsorger in einem Altenheim in Singen tätig. Menschen mit Demenz lieben seine humorvollen Geschichten, Andachten, Rätsel und Gedichte.

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Uli Zeller (Jahrgang 1976) arbeitete mehrere Jahre als Krankenpfleger im Bereich der ambulanten und stationären Altenhilfe. Sein Theologiestudium schloss er mit einer Masterarbeit zum Thema „Demenz und Seelsorge“ ab. Seit 2008 ist er als Betreuer und Seelsorger in einem Altenheim in Singen tätig. Menschen mit Demenz lieben seine humorvollen Geschichten, Andachten, Rätsel und Gedichte.

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