Uli & die Demenz: Geborgen durch Sprüche aus dem Poesiealbum

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Schöne Erinnerungen verhelfen oft zur inneren Ruhe

Gedichte, Sprüche oder Geschichten helfen Menschen mit Demenz sich zu erinnern
In einem Poesiealbum stecken häufig Erinnerungen, die geweckt werden wollen (Foto: Fotolia)

Frau Maier schreit: „Nein, ich will nach hause.“ Sie schimpft mit der Pflegerin. Leider darf Frau Maier das Haus nicht verlassen. Das ist so angeordnet. Drei Betreuer versuchen nacheinander, Frau Maier zu beruhigen. Ich bin einer von ihnen. Aber – keiner hat Erfolg. Was nun?

Da kommt Sebastian, der Praktikant. Er geht ins Zimmer von Frau Maier. Und bleibt dort. Zehn Minuten. Eine halbe Stunde. Eine Stunde. Zwei Stunden. Danach ist Frau Maier wie ausgewechselt. Ruhig, zufrieden – lieb und charmant. „Wie hast du das gemacht?“, staunen wir alle.

Sebastian erzählt: Frau Maier hatte ein altes Poesiealbum auf dem Nachttisch liegen. Daraus haben wir zusammen gelesen. Viele nette Sprüche standen drin. Und dann hat Frau Maier angefangen aus ihrem Leben zu erzählen.

Am besten ist natürlich immer, wenn man Sprüche hat, die den Betroffenen einmal bewegt, berührt, begleitet haben. Aber manche Sprüche sind auch so bekannt, dass man sie fast so gut kennt wie Redensarten. Ein fröhlicher und ermutigender Spruch aus Frau Maiers Poesiealbum:

„Mach es wie die Sonnenuhr.
Zähl die heiteren Stunden nur.
Lach und sing.
Sei froher Ding.“

Oder:

„Das will ich mir schreiben in Herz und Sinn,
dass ich nicht für mich allein auf Erden bin.
Dass ich die Liebe, von der ich leb,
liebend an andere weitergeb.“

Als Seelsorger freut mich natürlich darüber, wenn Gott ins Spiel kommt:

„Mit Gott fang an. Mit Gott hör auf.
Das ist der beste Lebenslauf.“

Frau Maier hat mich noch eine Weile beschäftigt. Woran lag es, dass es erst bei der vierten Person geklappt hat, dass sie zur Ruhe fand? Ich weiß nicht, was der letzte Grund dafür ist. Aber ich habe ein paar Vermutungen:

– Sebastian hatte einfach Zeit.

– Er war ganz bei Frau Maier.

– Er tat das Nächstliegende.

– Er war nicht zu verkopft, sondern hörte auf sein Herz.

Und manchmal weiß man auch nicht wirklich, woran es liegt … sondern es hat halt einfach die nächste Person mehr Glück.


Uli Zeller (Jahrgang 1976) arbeitete mehrere Jahre als Krankenpfleger im Bereich der ambulanten und stationären Altenhilfe. Sein Theologiestudium schloss er mit einer Masterarbeit zum Thema „Demenz und Seelsorge“ ab. Seit 2008 ist er als Betreuer und Seelsorger in einem Altenheim in Singen tätig. Menschen mit Demenz lieben seine humorvollen Geschichten, Andachten, Rätsel und Gedichte.

 

 

 

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Uli Zeller (Jahrgang 1976) arbeitete mehrere Jahre als Krankenpfleger im Bereich der ambulanten und stationären Altenhilfe. Sein Theologiestudium schloss er mit einer Masterarbeit zum Thema „Demenz und Seelsorge“ ab. Seit 2008 ist er als Betreuer und Seelsorger in einem Altenheim in Singen tätig. Menschen mit Demenz lieben seine humorvollen Geschichten, Andachten, Rätsel und Gedichte.

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