Rollator hält Gesellschaft mobil

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Gehbehinderte Schwedin erfindet 1978 den mobilisierenden Helfer

Mit Gehwägelchen sind Senioren bis ins hohe Alter mobil (Foto: Fotolia)

Was 1978 als clevere Idee einer gehbehinderten Frau in Schweden begonnen hat, ist längst zu einer milliardenschweren Industrie geworden: Der Rollator. In dem Maß, in dem Kinderwägen aus dem bundesdeutschen Stadtbild verschwinden, rücken die Gummi-Metall-Konstruktionen nach.

Rund 200.000 dieser Gehwägelchen werden laut Branchenschätzungen pro Jahr in Deutschland verkauft. Das Marktvolumen wächst demnach um zwei Prozent pro Jahr. Objektive Zahlen sind schwierig zu erheben, denn das Gros der Rollatoren kommt über Orthopädiegeschäfte in den Markt. Typischerweise verleihen sie die Gehhilfe an Bedürftige, deren Krankenversicherung dann monatlich mit dem Verleiher abrechnet. Stirbt ein Benutzer, geht die Gehhilfe zurück an den Reha-Anbieter, der häufig Sitzpolster, Griffe oder Räder ersetzt und das Wägelchen dann erneut verleiht. So kommen die medizinischen Hilfsmittel im Schnitt auf eine Laufzeit von 15 Jahren. Hinzu kommt, dass die bundesweit 12500 Pflegeheime, viele Kliniken oder Privatleute ihrerseits die im Schnitt 250 Euro teuren Hilfsmittel erwerben.

Ein Schwergewicht als Grundmodell

Aina Wifalk, die wegen Kinderlähmung gehbehindert war, erfand in Schweden das Grundmodell. Über einen staatlichen Entwicklungsfonds kam sie mit einer Firma in Kontakt, die nach ihren Vorstellungen einen Prototypen fertigte. Anfang der 1990er-Jahre war die Serienreife so weit fortgeschritten, dass die ersten Wägelchen auch in Deutschland zu sehen waren. In dieser Zeit setzte sich der Begriff Rollator durch. Erste Modelle wogen noch neun bis zwölf Kilo und waren sperrig und unhandlich. Doch auch in diesem wachsenden Markt setzte ein Wettbewerb ein, in dem sich heute international rund 80 Anbieter tummeln. Die Folge: Im Kampf um Marktanteile werden die Produkte günstiger, handlicher, leichter oder komfortabler.

Leichtes Aluminium und hohle Röhren

Mit 55.000 Rollatoren pro Jahr gehört die Dietz GmbH zu den Marktführern. Der Mittelständler aus Karlsbad-Ittersbach setzt ganz klar auf Gewichtsreduktion. Sein Leichtgewichtsrollator wiegt noch 6,2 Kilo, das Spitzenprodukt gar nur noch 4,3 Kilo. Die Innovationstreiber heißen: Stahl durch Aluminium ersetzen, Steifigkeit erhöhen und Röhren dünnwandiger machen. Kein Wunder, orientiert sich die Branche an der Fahrradindustrie, wobei Carbon noch kein Thema zu sein scheint.

Auf die Haltung kommt es an!

Doch bei aller Technik erfolgt das Bedienen des Rollators in aller Regel nicht intuitiv. Fälschlicherweise sieht man viele Senioren, die mit gestreckten Armen und gebeugtem Körper die Gehhilfe vor sich herschieben. Dabei kann sie ihren sichernden Anspruch im Fall einer Schwäche oder eines Stolperers aber nicht entfalten. Richtig ist es, beim Gehen stets mit dem Körper zwischen den beiden Griffen zu bleiben. Die Griffe sollten so eingestellt sein, dass sie auf der Höhe der Handwurzel sind. So findet der Körper Halt am Gerät.

Für jeden Geschmack das passende Wägelchen

In der Regel bewilligen die Kassen nur ein Basismodell. Wer ein leichteres, bordsteinkantentauglicheres oder individuell zugeschnittenes Modell haben möchte, muss dafür 400 bis 500 Euro berappen. Auch XXL-Versionen mit einer Tragkraft bis 250 Kilogramm sind auf dem Markt. Diese sind in der Statik stabiler und die Bremskraft ist auf mehr Masse ausgelegt. Dafür sind etwa die Rollen weniger auf Geschwindigkeit und große Distanzen ausgelegt. Manche der rund 200 verfügbaren Modelle sind für Kinder oder Kleinwüchsige konzipiert, andere für Patienten mit Rheuma oder Arthritis. Es gibt Varianten mit drei Rädern für zu Hause oder aus Holz, die weniger nach Medizin und mehr nach Möbel aussehen. Sogar für Golfer gibt es ein geländegängiges Modell, das zudem Platz für die Schläger bietet. An Zubehör gibt es Beleuchtung, Gepäcktaschen, Gehstockhalter, Klingel oder Drittgriff für eine Begleitperson. Auch Klammern für Infusionsständer oder Sonnenschirme sind verfügbar.

Frauen laufen öfter mit Rollator

Zwar ist der Rollator für Zehntausende eine ideale Hilfe, trotz körperlicher Einschränkungen sich Mobilität und damit Teilhabe am gesellschaftlichen Leben zu sichern, doch manchem steht seine persönliche Eitelkeit dabei im Wege. Nach Zahlen der Technischen Krankenkassen sind gut 60 Prozent der Rollatorenbenutzer Frauen, die damit offenbar mehr auf den Nutzen setzen als auf die Außenwirkung. 2013 hat die TK übrigens 30.807 Versicherten einen Rollator bewilligt – 14 Prozent mehr als 2012. In den Jahren zuvor hatte der Zuwachs nur bei rund zwei Prozent gelegen. Schwachpunkte sind nach wie vor die Mitnahme von Rollatoren in öffentlichen Verkehrsmitteln wegen der mittigen Zustiegshilfen für Reisende. Und obwohl viele Gehhilfen zusammenklappbar sind, bleiben sie für viele Kofferräume von Autos zu sperrig.

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Leonhard Fromm (Jg. 1963) ist Gründer der Pflegebibel. Der Theologe und Wirtschaftsjournalist, der sich vielfach sozial engagiert, schreibt vor allem über Management in der Pflege. Der zweifache Vater interessiert sich für Zahlen, Daten, Fakten: „Verändern kann das System nur, wer seine Spielregeln versteht.“

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