Demenz-WG: Nicht im Heim, sondern Zuhause

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Wie Demenz-WG-Bewohner den Alltag meistern

Beim Tisch decken, müssen die grauen Zellen ran (Foto: Gemeinsam statt einsam)

Mittwochmorgen, 10 Uhr: Frieda Demel* sitzt am Frühstückstisch. Vor ihr eine dampfende Tasse Tee und ein Brot mit Erdbeermarmelade – die, die sie so gerne mag. Ihre Mitbewohnerin Hedwig Müller* ist schon lange fertig mit essen und erzählt fröhlich von ihren Erlebnissen, während Gerda Falk* noch im Bett liegt und schläft. Ein ganz normaler Morgen in einer Wohngemeinschaft. Doch Frieda Demels Haare sind weiß, ihre Jugendtage hat die heute 85-Jährige vor Jahrzehnten hinter sich gelassen. Sie hat Demenz und lebt in einer Demenz-WG. * Namen von der Redaktion geändert

Acht Damen, 245 Quadratmeter

Pause auf der Dachterasse (Foto: Gemeinsam statt einsam)

Im Herzen des schwäbischen Städtchens Kirchheim/Teck teilen sich acht demenzkranke Damen zwischen 60 und 94 Jahren eine 245 qm große Wohnung. In sechs Einzelzimmern, einem Doppelzimmer, zwei Bädern und einem großen Wohn-Essbereich mit angeschlossener Küche leben sie hier zusammen. Auch eine große Dachterrasse gehört zur WG. Täglich mit dabei: Zwei speziell geschulte Alltagsbegleiterinnen, die ihre Schützlinge motivieren, unterstützen und aktiv ins Tagesgeschehen einbinden.

Alle packen mit an

Tisch decken, einkaufen, Wäsche waschen – jeder hat hier seine Aufgaben. Denn wie in einer Studenten-WG macht sich der Haushalt auch im württembergischen Kirchheim nicht von allein. „Anders als in Pflegeheimen brauchen wir keine Beschäftigungstherapie, wir haben den Haushalt. Anstatt Gymnastik zu machen, hängen wir Wäsche auf“, erklärt Petra Kißler, „diese Normalität gibt unseren Bewohnerinnen Sicherheit.“

Petra Kißler: “Hier haben wir Zeit” (Foto: Gemeinsam statt einsam)

„Wir haben Zeit“

Seit drei Jahren begleitet sie „ihre Alten“ durch den Tag. Die gelernte Krankenschwester mit Fachausbildung in Gerontopsychiatrie hat sich nach ihrer Kinderpause für die Stelle entschieden. Den Unterschied zum Pflegeheim geben hier familiäre Strukturen. „Außerdem haben wir Zeit. Wenn sich eine Bewohnerin eine halbe Stunde lang das Gesicht wäscht, dann dauert es eben eine halbe Stunde.“

Vor zehn Jahren war es eine Idee

Frisch geduscht bahnt sich eine andere Mitbewohnerin den Weg zum Tisch. Eine Fachkraft vom ambulanten Pflegedienst FaVis stützt sie. Herzlich verabschieden sich die beiden voneinander. Die Frauen von FaVis kommen morgens und abends – genau wie bei der Pflege Zuhause. Denn das soll die Wohngruppe sein „ein richtiges Zuhause“, so hat es sich Sybille Mauz, die Vorsitzende des Trägervereins Gemeinsam statt einsam, für ihre an Demenz leidende Mutter gewünscht. Eine 24-Stunden-Betreuung, die auf die Bedürfnisse der Demenz- oder Alzheimer-Kranken eingeht. Durch einen Presseartikel erfuhr sie von einer Berliner Demenz-WG.

Prinzip der geteilten Verantwortung

Zusammen mit vier Angehörigen, Altenpflegern und einer Sozialpädagogin gründete sie den Verein, suchte passende Räumlichkeiten und rief das Projekt trotz vieler Hindernisse ins Leben. Heute, zehn Jahre später, ist die Warteliste lang. 15 Personen stehen aktuell darauf. „Keine andere Wohnform bietet Demenzkranken eine so individuelle und intensive Zuwendung“, ist sich die 57-Jährige sicher. Die Kirchheimer Demenz-WG basiert laut Mauz auf geteilter Verantwortung. Der Verein, die aus Angehörigen bestehende Auftraggeber-Gemeinschaft und der ambulante Pflegedienst arbeiten Hand in Hand.

Abwechslung darf sein: Familie und Freunde sind immer willkommen (Foto: Gemeinsam statt einsam)

Die Familie gehört dazu

Inzwischen ist das Frühstück beendet. Frieda Demel erzählt von ihrem Sohn, der sie wöchentlich besucht. „Es ist schön zu sehen, wie entspannt der Umgang zwischen den Bewohnern und ihren Angehörigen funktioniert“, lächelt Kißler. Was bei pflegenden Familien oft nicht die Regel ist: Sie befinden sich häufig in einer angespannten Situation, weil der Umgang mit Dementen kräfteraubend sein kann.

Engagierte Familien als Standbein

Die Demenz-WG bietet einen Ausweg ohne den Angehörigen ihr Mitgestaltungsrecht am Alltag ihrer Lieben zu nehmen. Sie sind jederzeit willkommen und werden miteinbezogen. Mauz weiß: „Ohne engagierte Familien, kann das Konzept Demenz-WG nicht bestehen.“ Wer will, kann selbst bis zu 20 Stunden im Monat mitarbeiten. So lässt sich der finanzielle Aufwand senken.

„Alt aber lustig“

Inzwischen zeigt die Uhr halb zwölf. Die Vorbereitungen für’s Mittagessen laufen auf Hochtouren. Frieda Demel schneidet Schinken in Stückchen und summt dabei vergnügt vor sich hin. „Ich bin zwar alt, aber das heißt nicht, dass ich nicht lustig bin“, sagt sie. Heute gibt es pikante Pfannkuchen mit Blumenkohl und Schinken. Alle Bewohnerinnen sitzen schon wartend am Tisch. Sogar Erna Binger*, die am Morgen noch im Krankenhaus war.

Zwischen Hilfe und Selbstbestimmung

Essensduft strömt aus der offenen Küche. Frieda Demel verteilt Teller. Auch gerne mal einen zu viel. „Ich brauche keine zwei“, ruft ihr eine der Damen zu. Kurze Zeit später findet sich auf jedem Platz die richtige Anzahl an Tellern, Messern und Gabeln. Petra Kißler hat helfend eingegriffen. Erwartungsvolle Gesichter und Vorfreude prägen die Runde. Das Bild erinnert an Essenzeiten im Kindergarten. Und wie bei den kleinen Rabauken geht es auch in der WG mitunter turbulent zu. Nicht jede will mithelfen. Dennoch findet das gemeinsame Essen statt.

Demenzkranke werden gebraucht

Vorsitzende Sybille Mauz (Foto: Gemeinsam statt einsam)

Die Atmosphäre entspannt sich. Sybille Mauz bringt es auf den Punkt: „Bei uns werden die Demenzkranken gebraucht. Wir zeigen ihnen, was sie noch selbst können. Gleichzeitig gehen wir auf ihre Ängste und Unsicherheiten ein. Sollte ich selbst eines Tages an Demenz erkranken, ich würde in solch einer Gemeinschaft leben wollen.“

Niemand stirbt allein

Wichtig für Petra Kißler ist zudem ein weiterer Aspekt: Bewohner können bis zum Tod in der WG bleiben. Keiner werde herausgerissen, weil das Abschiednehmen auch für die Wohngruppe wichtig sei.

Kaum teurer als ein Pflegeheim
Insgesamt kostet ein Demenz-WG-Zimmer etwa 1960 Euro pro Monat. Jeder Bewohner bezahlt gleich viel, egal welcher Pflegestufe er angehört. Die Kosten setzen sich aus folgenden Posten zusammen:
– Zimmermiete warm 300 Euro
– Allgemeine Nebenkosten 50 Euro
– Beitrag zur Haushaltskasse 160 Euro
– Pflegeleistungen 1450 Euro
Zum Vergleich: Bei Pflegestufe II muss für einen Heimplatz mit circa 1900 Euro Eigenanteil gerechnet werden.
Dank des neuen Pflegestärkungsgesetzes bekommen WG-Bewohner zusätzlich zum Pflegegeld einen Zuschlag von etwa 200 Euro.

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Jahrgang 1989, „Die Pflegebiblerin“ hat Medienwirtschaft in Stuttgart studiert, langjährige Jugendleiterin, lernte den Online-Journalismus bei ProSiebenSat.1 Digital kennen, arbeitete in einer Londoner Nachrichtenagentur, hat die besten Ideen beim Wandern und ist begeisterte Köchin. Ihr Lebensmotto: Wenn Plan A nicht funktioniert, bleiben noch 25 andere Buchstaben.

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