Ich pflege: Florian Tress (26)

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„Weniger Dokumentation bitte“

Florian Tress (Foto: privat)

Kurzsteckbrief
Name:
Florian Tress
Alter: 26
Ort: Nürnberg
In der Pflege seit: 2010
Beruf: Gesundheits- und Krankenpfleger mit Bachelor-Abschluss
Arbeitsumfeld: Krankenhaus, Station Früh-Reha, Alterstraumatologie

Als junger Mann in der Pflege bist du eine Rarität. Wie ist das für dich?

Florian: Angenehm. Alle freuen sich über den Mann im Haus (lacht). Die Damen sind froh über den „Quoten-Mann“. Ich hab also einen kleinen Bonus. Schwierig wird es bei Streitigkeiten zwischen den Kolleginnen. Da muss ich mir gut überlegen, ob ich mich einmische oder raushalte.

Wie kamst du auf die Branche?

Durch meinen Zivildienst im Krankenhaus. Anschließend wollte ich Medizin studieren, hab aber keinen Platz bekommen. Deshalb entschloss ich mich zur Überbrückung für eine Pflege-Ausbildung. Während meiner Recherchen stieß ich auf das duale Studium. Das klang spannend für mich, ich wusste nicht, dass es sowas gibt. Also schickte ich meine Bewerbung los.

Wie sieht ein duales Pflege-Studium aus?

Es besteht aus drei Teilen: Ausbildung im Betrieb, Pflege- und Hochschule. Ich war drei bis vier Wochen pro Semester an der Hochschule. Den Rest der dreijährigen Ausbildungszeit arbeitete ich als Azubi im Krankenhaus. Hochschule bedeutet viel Selbststudium: Wir bekamen Aufgaben, die wir während unserer Praxisphasen bearbeiten mussten. Die Ausbildung endet wie üblich mit dem Pflege-Examen. Danach kommen für Studenten noch drei Semester Vollzeitstudium bis zum Bachelor. In Summe dauert die Kombi aus Studium und Lehre 4,5 Jahre.

Jetzt arbeitest du fest im Krankenhaus. Erzähl mal.

Ich hab Früh-, Spät- und Nachtdienste. Meine Aufgaben variieren je nach Schicht. Morgens zum Beispiel unterstütze ich Patienten bei der Körperpflege und bin bei diversen Visiten dabei. Ich bringe die Leute zu OPs und hole sie ab, bereite Untersuchungen vor oder nehme Neuzugänge auf. Alles was ich tue, dokumentiere ich.

Schränkt der Schichtdienst dich in deiner Freizeitplanung ein?

Ich bin ein Schichten-Fan. Sie bringen Abwechslung in den Alltag. Ich hab keinen festgelegten Tagesablauf. Wochenendschichten sind für mich okay, solange ich nicht jeden Sams- und Sonntag arbeiten muss. Normal sind zwei WE-Schichten im Monat, es sei denn, man springt mal ein. Während des Studiums musste ich öfter ran, damit ich meine 50-Prozent-Stelle erfüllte.

Wie belastend ist dein Arbeitsalltag?

Das variiert. Mal läuft alles nach Plan, ein anderes Mal verlierst du den Überblick. Ich finde solche Momente interessant. Demente zum Beispiel haben keine Strukturen, das Krankenhaus aber schon. Das führt unweigerlich zu Kollisionen. Es ist eine Herausforderung auf diese zu reagieren.

Hast du ein Beispiel für uns?

Es kommt vor, dass ein dementer Patient nachts um zwei klingelt und fragt, warum wir seinen Schrank und das Sofa rausgetragen haben. Er bekomme doch gleich Besuch.

Wie reagierst du darauf?

Ich erklär ihm, dass die Möbel zu groß für das Zimmer waren, der Besuch erst um sechs kommt und wir vorher gemeinsam aufräumen. Das macht ihn glücklich. Leider lässt sich nicht jeder Patient leicht beruhigen und uns fehlt die Zeit ihm lange beizustehen.

Die Zeit fehlt. Das hören wir oft. Wo bleibt sie denn?

Ein wesentlicher Teil geht für die Dokumentation drauf. Wir sollten uns dringend überlegen, ob es sinnvoll ist, alles drei Mal abzuzeichnen oder ob das nur Panikmache ist. Das zu ändern, ist eines meiner großen Ziele.

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Jahrgang 1989, „Die Pflegebiblerin“ hat Medienwirtschaft in Stuttgart studiert, langjährige Jugendleiterin, lernte den Online-Journalismus bei ProSiebenSat.1 Digital kennen, arbeitete in einer Londoner Nachrichtenagentur, hat die besten Ideen beim Wandern und ist begeisterte Köchin. Ihr Lebensmotto: Wenn Plan A nicht funktioniert, bleiben noch 25 andere Buchstaben.

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