Ich pflege: Brigitte Rechert (50)

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“Ich kann nur geben, wenn ich etwas zu geben habe”

Brigitte Rechert (Foto: WGFS)

Kurzsteckbrief
Name: Brigitte Rechert
Alter: 50
Ort: Filderstadt
In der Pflege seit: 2004
Beruf: Palliativschwester, Altenpflegerin, Pflegedienstleiterin
Arbeitsumfeld: Ambulante Pflege

Frau Rechert, weshalb sind Sie in der Pflegebranche?

Ich liebe meinen Beruf und arbeite gerne mit Menschen zusammen. Als palliative Fachkraft setze ich mich für Lebensqualität auch in der Sterbephase ein. Irgendwann im Alter sind wir vielleicht alle an den Punkt, wo wir auf Hilfe angewiesen sind und dann sind wir froh, wenn man unsere Hilflosigkeit nicht anprangert sondern das Gefühl von Geborgenheit vermittelt bekommt.

Wie sehen besonders schöne Momente zum Beispiel aus?

Oft können unsere Pflegebedürftigen erst in Ruhe sterben, wenn sie mit anderen und sich Frieden geschlossen haben. Mit diesem Ziel vor Augen, stellen wir nach Möglichkeit z.B. abgebrochene Kontakte zu Angehörigen wieder her. Die Menschen haben so die Möglichkeit, sich voneinander zu verabschieden.

Doch der Pflegealltag kann sicher auch hart sein?

Ja, viele von unseren pflegebedürftigen Kunden sind schwerkranke Menschen in einer kritischen Lebensphase. Unsere Patienten können dank unserer Arbeit daheim wohnen und dort sterben, darüber sind die meisten sehr froh. Auch in dieser schweren Zeit gibt es gemeinsame gute Momente. Als Gegensatz bekommen wir durch den engen Kontakt wie alle in der Branche aber auch Frustration, Ängste, Depressionen und Wut der Betroffenen und Angehörigen als Erste mit.

Wie gehen Sie damit um?

Das ist sicher bei jedem anders. Wenn ich einen Menschen begleite oder versorge, bin ich ganz für ihn da. Eine halbe Stunde kann manchmal prägend sein und viel Gutes anstoßen. Ich fühle, schweige oder weine dann auch mal mit. Denn viele brauchen eben jemanden, der für sie da ist und auch mal nur zuhören kann. Wenn ich dann gehe und die Haustüre des Seniors schließe, muss ich in der Lage sein, diese Momente zeitweilig abzustellen, um für den nächsten Kunden genauso da zu sein.

Das hört sich sehr schwierig an.

Das ist auch nicht jedermanns Sache, aber ich kann gut damit umgehen. Viel Fachwissen bringe ich aus meiner Ausbildung sowie Fort-und Weiterbildungen als Palliativfachkraft mit. Darüber hinaus bietet die Wohngemeinschaft für Senioren zweimal jährlich die Fortbildung „E–in–sich-t“ für die Mitarbeiter an. Das ist fast einzigartig in der Branche. Hier geht es darum, sich selbst zu finden, sich einzuschätzen und auch persönliche Grenzen zu entdecken. Wenn dies mal in der täglichen Arbeit nicht besonders gut gelingt, wird uns ein persönlicher Coach zur Verfügung gestellt und Supervision angeboten. Ich arbeite in einem wunderbaren Team, dass sich austauscht, wo man gegenseitig auf sich achtet und wenn notwendig bei Entscheidungsfindungen mithilft.

Was ist der Knackpunkt, um mit den schweren Teilen des Alltags klarzukommen?

Es ist die Einsicht, dass wir nur geben können, wenn wir etwas zu geben haben. Dafür wappnen wir uns mit Gesprächen, Supervisionen und Fortbildungen. Das Wichtigste war für mich zu verstehen, dass ich als Pflegerin vor allem eines mache: Ich gebe dem Menschen das Gefühl, er selbst zu sein. Seine Identität steht im Mittelpunkt. Die besteht aus leiblichen Anteilen, aber auch sozialen Bindungen, der Leistungsfähigkeit, aus materieller Sicherheit und letztlich den eigenen Werten. An der Stelle, wo es am meisten bröckelt, hören wir zu, pflegen und klären Probleme mit Ärzten und Verwandten. Eine gute medikamentöse Versorgung ist dabei genauso wichtig wie jeder Pflegeeinsatz.

Ist diese Teamarbeit entlastend?

Ja, sehr und vor allem ist sie effektiv. Neben uns ambulanten Pflegekräften lindern zum Beispiel Physiotherapeuten Schmerzen mit Lymphdrainagen, der Arzt ist informiert oder eine Hospizdame leistet einfach nur freundliche Gesellschaft. Allein schon zu wissen, dass rund um die Uhr zu fast jedem Anliegen jemand da sein kann, gibt vielen Senioren aber auch den Pflegekräften Orientierung und Sicherheit.

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1 KOMMENTAR

  1. Danke für diese lesenswerten Informationen. Ich mache seit Herbst an der Rems-Murr-Klinik in Winnenden eine Ausbildung zum ehrenamtlichen Klinikseelsorger. Dabei erfährt man viel über sich selbst und vor allem den Umgang mit Kranken, Dementen, Nicht-Sprachfähigen oder Sterbenden. Ein solches Engagement kann ich psychisch stabilen Menschen empfehlen. Bei Interesse einfach in einem katholischen oder evangelischen Pfarramt nachfragen. Sicher kann man dort weiterhelfen.

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