Ich pflege: Harald Stubbe (60)

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„Die Menschen erzählen mir Lebensgeschichten“

Harald Stubbe (Foto: privat)

Kurzsteckbrief
Name: Harald Stubbe
Alter: 60
Ort: Frankfurt/M.
In der Pflege seit: 2014
Beruf: Koch, Metzger, Industriekaufmann
Arbeitsumfeld: Pfleger im Pflegedienst

 

Herr Stubbe, wie sind Sie Altenpfleger geworden?

Ich habe als Koch in einer Kantine gearbeitet und bin mit 58 Jahren arbeitslos geworden. In dem Alter ist es schwierig, wieder einen Job zu finden. Da es überall heißt, dass Altenpfleger gesucht werden, habe ich mich bei einer Zeitarbeitsfirma beworben und nach einem Monat hat mich der Pflegedienst sogar übernommen.

Und, wie sieht Ihr erster Eindruck aus?

Es ist eine schöne Arbeit. Viele Kollegen klagen über die schwere körperliche Arbeit. Aber ich bin groß und kräftig und habe früher schwierigere Jobs gehabt. Außerdem schätze ich die große Selbstständigkeit und Arbeitseinteilung. Ob ich fünf oder 15 Minuten bleibe und zumindest ein bisschen mit unseren Kunden rede, da lässt mir mein Arbeitgeber viele Freiheiten. Außerdem habe ich aktuell das Glück, dass ich nur in der Spätschicht von 14.45 bis vielleicht 22 Uhr arbeite.

Worüber reden Sie mit den Menschen?

Ich betreue täglich etwa 20 Menschen, die meisten warten regelrecht darauf, dass ich komme, weil ich ihr einziger sozialer Kontakt bin. Es gibt keine bestimmten Themen, es geht um menschliche Zuwendung und das Zuhören. Allerdings habe ich viele am 8. Mai gefragt, was sie bei Kriegsende erlebt haben. Da höre ich Lebensgeschichten und lerne Menschen näher kennen. Das ist auch für mich eine Erfüllung.

Sie sagen, Sie sind oft der einzige soziale Kontakt für die Pflegebedürftigen.

Es ist wirklich ein Elend, wie manche Menschen vereinsamen und sich keiner um sie kümmert, auch die Angehörigen nicht. Ich betreue eine Frau, die zwar einen Rollator besitzt, aber es aus dem 1. Stock nicht auf die Straße schafft. Die ist den ganzen Tag zu Hause. Das finde ich tragisch. Bei anderen müsste man beispielweise die Wohnung aufräumen. Wieder einer anderen Frau bringe ich auf eigene Kosten Wundsalbe mit, weil sich ihr Hund am Halsband aufgescheuert hat. Für derartige Kleinigkeiten haben viele kein Geld. Es ist wirklich erbärmlich, dass einige Frauen aufgrund einer geringeren Witwenrente in Armut leben.

Sie sind kein gelernter Pfleger?

Nein, leider nicht. Ich wollte eine einjährige Ausbildung zum Altenpflegehelfer machen. Ich hätte dafür sogar auf Lohn verzichtet. Aber ich konnte keinen Hauptschulabschluss nachweisen. Den habe ich zwar, aber das Zeugnis habe ich nie gebraucht. Auch die Schulbehörde konnte es mir nicht mehr organisieren. Und meine drei Berufsabschlüsse zählen nicht. Also hat mich die Schule nicht genommen.

Was machen Sie konkret bei den älteren Menschen?

Das ist unterschiedlich. Aber es sind einfache pflegerische Tätigkeiten: Angefangen davon, dass ich die Tabletteneinnahme kontrolliere über Insulinspritzen bis zum Windeln wechseln.

Sie sind auch mit dem Thema Tod konfrontiert. Wie gehen Sie damit um?

Tatsächlich wachsen mir die betreuten Menschen schnell ans Herz. Und es ist für mich komisch, wenn sie dann plötzlich weg sind. Aber größere Schwierigkeiten macht mir der Umgang mit den Angehörigen. Ich muss ja die Betreuungsmappe wieder holen. Ich habe da keine Worte des Trostes und die Situation ist bedrückend.

Viele Pfleger klagen über Arbeitszeiten und geringen Lohn. Sie auch?

Wir sind nur ein kleiner Pflegedienst mit zehn Mitarbeitern. Fällt jemand durch Krankheit aus und einer ist im Urlaub, dann arbeite ich schon mal neun Tage am Stück. Das ist viel und es wäre gut, wenn das anders organisiert werden könnte. Da ich momentan nur in einer Schicht arbeite, habe ich keine Umstellungsschwierigkeiten wie manche Kollegen.

Und das Gehalt?

Ja, das könnte besser sein. Ich habe früher gut verdient und meine Frau bekommt bereits eine Rente. Damit kommen wir hin. Mehr aber auch nicht.


Jens Gieseler ist Kommunikationsberater, Journalist und Heilpraktiker für Psychotherapie. In den letzten beiden Lebensjahren war sein Vater pflegebedürftig. Deshalb hat er sich mit der Pflegebürokratie herumschlagen müssen und viel Sensibilität für das Altern und Sterben entwickelt. Erkenntnis: Beziehungen werden immer wichtiger.

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