In Teilzeit zur Pflegefachkraft

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BZG Basel gewinnt IT-Innovationspreis von Easysoft

Teilnehmer der Teilzeit-Pflegeausbildung diskutieren über E-Learning-Aufgaben. FOTO: BZG Basel

Kind zu Hause und damit scheitert eine Pflege-Ausbildung. Zumindest in Basel ist damit Schluss. Das dortige Bildungszentrum Gesundheit (BZG) bietet eine dreijährige Teilzeit-Ausbildung für die Pflege an. Damit gewann das BZG den IT-Innovationspreis der Firma Easysoft und des Deutschen Pflegerates.

Gardenia Ahmed freut sich jeden Tag. Sie lernt einen neuen Beruf, verdient dabei Geld und kann sich noch um ihren neunjährigen Sohn kümmern. Nach zehn Jahren zu Hause kam die alleinerziehende Chemielaborantin wegen der technologischen Entwicklung in ihrem alten Job nicht mehr unter – wollte sie auch nicht: „Ich möchte lieber mit Menschen arbeiten.“ Auf dem Arbeitsamt stieß sie auf das Pilotprojekt des Bildungszentrums Gesundheit Basel-Stadt (BZG).

Flexibel den Pflegeberuf erlernen

Dort können seit Mai 2013 Interessierte mit großer Flexibilität den Pflegeberuf erlernen: Montag bis Mittwochmittag die Schulbank drücken. Den Rest der Woche zu Hause am PC Aufträge bearbeiten. Daneben das kleine Kind betreuen oder Geld für den Lebensunterhalt hinzuverdienen. So lassen sich für die Lernenden Familie, Beruf und Ausbildung vereinen. Umgekehrt: So lässt sich für Spitäler und Pflegeeinrichtungen eine neue Klientel gewinnen, um den prognostizierten Pflegebedarf und auch das steigende Bedürfnis nach flexiblen Nachqualifizierungen decken zu können.

Easysoft-Chef Nau: Neue Zielgruppen, neue Lernformen

Damit gewann das BZG kürzlich den IT-Innovationspreis 2015 des Deutschen Pflegerates (DPR) und der Easysoft GmbH. Der fünfköpfigen Jury aus Pflegeverbänden und Wissenschaft war diese komplexe Problemlösung 10.000 Euro Preisgeld wert. Easysoft-Geschäftsführer Andreas Nau, der zusammen mit DPR-Präsident Andreas Westerfellhaus, den Preis auf dem Deutschen Pflegetag überreichte, sagte: „Das Ausbildungskonzept spricht neue Zielgruppen an, setzt neue Formen des Lehrens und Lernens ein und erhält dabei den Klassenverband.“ Erstmalig würde in einer Ausbildung nämlich systematisch ein blended Learning Konzept umgesetzt, verbunden mit flexiblen Arbeitszeitmodellen, die unterschiedliche Einstiegs- und Endzeitpunkte ermöglichen. Es sei in dieser Form eine pädagogische (neue Ziele, neue Methoden) und eine technologische (neue Technologien) Innovation.

Bereits seit Jahren schließen etwa 150 Teilnehmer jährlich beim BZG den Bildungsgang Pflege HF ab: der dauert in Vollzeitausbildung drei Jahre. Dasselbe Curriculum durchlaufen demnächst bis zu 25 Studierende als Teilzeitausbildung – zwischen 60 und 80 Prozent je nach finanziellen und familiären Rahmenbedingungen und je nach Vorkenntnissen mit einem unterschiedlichen Einstiegszeitpunkt. So begannen vor zwei Jahren zehn Absolventen, die kaum über pflegerisches Wissen verfügten, mit der ersten Stufe, wie etwa Gardenia Ahmed. Dagegen stiegen weitere neun Fachleute Gesundheit (FaGe) direkt im 2. Bildungsjahr ein. Für sie beträgt die Ausbildungszeit lediglich 3600 Lernstunden in Theorie und Praxis statt der üblichen 5400. Und wer eine dreijährigen Ausbildung zur Gesundheits- und Krankenpflege bereits hinter sich hat, kann sogar erst in der 3. Stufe (3. Ausbildungsjahr) beginnen und benötigt nur noch 1200 Stunden.

Lern-Konzept in neuen Gefäßen

„Diese hohe Flexibilität ist schon ganz schön kiffelig“, gibt Bernd Haag zu, „im Prinzip sind jeweils 25 individuelle Lösungen möglich.“ Der Leiter Fachstelle mediengestütztes Lernen entwickelt das Projekt zusammen mit Brigitte Rappl, der Programmleiterin Teilzeitausbildung BG Pflege HF.TZ. und Charles Graf, dem Leiter der Ausbildungsentwicklung. Das Team trifft sich regelmäßig und plant strategisch die nächsten Lernschritte. „Das Konzept steht schließlich“, sagt der 53-Jährige, der schon durch seine Ausbildung Pflege und Pädagogik verbindet, „wir gießen es nur in neue Gefäße“. Diese Umsetzung erfolgt relativ zeitnah, so bekommen die Drei unmittelbares Feedback von den Auszubildenden, ob der Stoff zu komplex für die Heimarbeit ist oder zu viel Zeit beansprucht.
„Es gibt starke Lernphasen“, meint Gardenia Ahmed, gerade jetzt zum Ende des zweiten Bildungsjahres ist der Stoff reichlich dicht. Aber genau weil die Teilzeitausbildung ein Pilotprojekt ist, erwartet sie nicht, dass alles rund läuft und freut sich, dass die Klasse bei der Ausbildungsleitung auf offene Ohren trifft und gemeinsam Lösungen gefunden werden. Auch wenn ihr Sohn oder Angehörige anderer Teilnehmer mal krank sind. Schließlich sitzt man im gleichen Boot.

Disziplin ist gefragt

Beim E-Learning ist Selbstdisziplin gefragt. Am Donnerstagvormittag kann Gardenia Ahmed konsequent lernen, weil ihr Sohn in der Schule ist. Ebenso sind am Samstag und Sonntag die frühen Morgenstunden für die Ausbildung reserviert, denn wöchentliche Lernkontrollen müssen bis Sonntagabend erledigt sein. Diese festgelegte Arbeitsstruktur hilft ihr kontinuierlich zu lernen. In ihrer Schulzeit ist die Familienorganisation noch relativ einfach zu erledigen. Der Sohn ist beim Mittagstisch und bis 18 Uhr in der Nachmittagsbetreuung. Trotzdem: Ohne Unterstützung durch ihre Mutter käme sie ab und zu in Not.
Wesentlich problematischer sind die Praktikumszeiten, wenn Schichtdienst üblich ist – von 7 bis 16 Uhr oder von 13 bis 22 Uhr. Auch wenn der Neunjährige während der Frühschicht morgens eine Stunde allein zu Hause bleibt, ist dann nicht nur ihre Mutter, sondern hin und wieder auch der Bruder gefragt. Wenn alles glatt läuft, hat sie ihre Ausbildung im Februar 2017 abgeschlossen mit dem Ziel eine Arbeit im Kinderspital oder einer Wochenbettabteilung zu finden. Das motiviert die gebürtige Baselerin durch die freizeitarmen Jahre.

Infokasten:

Jede Stufe und jedes Lehrjahr umfasst zwei Schulblöcke und zwei Praktika. Der schulische Teil entspricht einem Teilzeitpensum von 70 Prozent gegenüber der Vollausbildung. Von den 900 Lektionen sind 770 durch das Curriculum inhaltlich festgelegt und werden in der Schule und zu Hause als e-Learning absolviert. Die restlichen 130 Lektionen stehen für individuelles Selbststudium zur Verfügung. Die Arbeitszeit für die obligatorischen Praktika beträgt je nach individueller Belastbarkeit zwischen 60 und 80 Prozent. Da die Dauer insgesamt gleich ist, bleiben die „60-Prozentigen“ eben länger in der Ausbildung.Alle nominierten Projekte des „IT-Innovationspreises für die Pflege“ finden Sie auf der Internetseite www.easysoft.info.


Jens Gieseler ist Kommunikationsberater, Journalist und Heilpraktiker für Psychotherapie. In den letzten beiden Lebensjahren war sein Vater pflegebedürftig. Deshalb hat er sich mit der Pflegebürokratie herumschlagen müssen und viel Sensibilität für das Altern und Sterben entwickelt. Erkenntnis: Beziehungen werden immer wichtiger.

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