Normalerer Umgang mit Homosexualität

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Gay and Gray: Offene Diskussionen und Tabu-Brüche in Pflegeheimen machen Heime zukunftsfähiger

Der Verein Rubicon nimmt sich der homosexuellen Senioren an (Foto: Fotolia)

Tabuisiert, in eine Ecke gedrängt, nur auf den Geschlechtsverkehr reduziert: Viele Leute gehen mit Homosexuellen objektiv gesehen sehr unfair um. Denn wer sich auf Diskussionen und einen genaueren Blick einlässt, sieht etwas anderes: Vor allem Menschen, die genauso komplex sind wie jeder andere.

Von mehr Respekt profitieren Pflegeheime

„Manche reden vielleicht offener über Sexualität, weil sie sich in ihrem Leben mehr damit auseinandergesetzt haben“, sagt Thomas Peters. Er ist Einrichtungsleiter des Koblenzer Seniorenhauses Wohnstift St .Martin und stört sich nicht an den diversen sexuellen Orientierungen seiner Bewohner oder Pflegekräfte. „Die Bedürfnisse sind da. Sie sollten respektiert und nicht hochgekocht werden. Das macht Menschen jeden Alters glücklicher. Und davon profitiert unser Haus“, ist der 47-Jährige überzeugt.

Einrichtungsleiter Thomas Peters setzt sich für einen normaleren Umgang mit Homosexualität ein. (Foto: privat)

Offenheit zählt: Lösungen für das Ausleben gesunder Sexualität

So ergeben sich oft Situationen, die Lösungen brauchen, anstatt totgeschwiegen zu werden. Etwa wie vor kurzem, als ein 93-Jähriger eine Pflegerin auf gerade noch charmante Art offensiv anflirtete. Genauso könnte theoretisch auch ein Bewohner offen über seine Homosexualität reden. „Wenn sich daran andere Bewohner stören, wird zunächst in einem Dialog, also Aufklärungsgespräch versucht, Verständnis für Menschen mit sexueller Vielfalt zu erlangen. Sollte es dennoch zu keiner Akzeptanz oder Toleranz kommen, werden sie gebeten, sich eine andere Pflegeeinrichtung zu suchen. Ich toleriere in unserem Seniorenhaus keine Diskriminierung. Alle haben das Recht, über Sexualbegleiter, -begleiterinnen oder andere Wege, ihre Sexualität auszuleben“, so Peters. Er stellt gerne einen Kontakt für seine Bewohner her, beispielsweise zu dem Begleiterdienst Nessita.

Noch zu viele Vorurteile und Ängste vor Homosexualität

Leider sei das noch nicht selbstverständlich für Heimträger und -leiter. Thomas Peters bedauert das: „Ich habe schon oft mitbekommen, dass viele Träger nicht bereit sind, sich den Ängsten und Vorurteilen der Angehörigen und Bewohner zu stellen. Stattdessen lassen viele Träger lieber ein Zimmer und Bett unbelegt. Bevor sie einen Homosexuellen aufnehmen, der offen damit umgeht und dem Ruf des Hauses schaden könnte.” Nur wenn ein Senior zu seiner Sexualität schweigt und diese nicht auslebt, sei er oftmals toleriert und geduldet.

Geschichte, die unverarbeitet belastet

Der Koblenzer Gemeinderat führt es auf die Geschichte zurück, warum sich dieses Stigma in bestimmten Gegenden nicht ungezwungen abschütteln lässt. Unter vielen anderen gesellschaftlichen Demütigungen stand Homosexualität beispielsweise unter dem Paragraf 175 von 1872 bis 1994 unter Strafe.

Homosexuelle Pflegekräfte vor Diskriminierung schützen

Zudem besteht der Einrichtungsleiter auch darauf, dass die Bewohner seine Pflegekräfte respektieren, falls diese homosexuell sein sollten. „Denen irgendwelche Absichten zu unterstellen und gegen sie Stimmung zu machen, ist nicht drin“, sagt Peters, der selbst homosexuell ist.

„Die Bedürfnisse sind da. Sie sollten respektiert und nicht hochgekocht werden. Das macht Menschen jeden Alters glücklicher. Und davon profitiert unser Haus.“

Mehr Outings: Pflegeheime sollten sich tolerant positionieren

Es ist für Homosexuelle immer noch nicht einfach, aber leichter geworden, sich zu outen. Deshalb gewinnt das Thema im Alter auch immer mehr an Bedeutung. Sich als Pflegeheim hier zu positionieren, kann Vorteile schaffen. Vor allem ist fair. „Das bedeutet für mich als Einrichtungsleiter, mich mit Angehörigen, Bewohnern und Pflegekräften und den Ängsten vor gesunder Sexualität auseinanderzusetzen. Das funktioniert mit Workshops, Diskussionsforen und Veranstaltungen“, sagt der Rheinländer

Projekte sorgen für Aufklärung

Thomas Peters plant zusammen mit einem Institut für Sexualpädagogik in Dortmund und Koblenz  ein Projekt, das sich ganz allgemein mit Sexualität im Alter beschäftigt. Ein Unterthema sei dabei die Diversität in der Sexualität. Ein weiteres Beispiel gab es vor mehreren Jahren, als Peters in Nordrhein-Westfalen an einem Projekt des Kölner Vereins Rubicon sowie des Landesministeriums für Gesundheit, Emanzipation und Alter mitarbeitete. Es nennt sich Kultursensible Pflege für Lesben und Schwule. „Fazit dieses Projekts ist, dass sich die Pflege von Homo- und Transsexuellen gar nicht von Heterosexuellen unterscheidet. Der Punkt ist, dass man sich nur mit der Geschichte des Themas und der Menschen etwas befassen sollte, um sie besser zu verstehen“, fasst der gelernte Altenpfleger zusammen.

Doch dieser Ansatz greift nicht nur bei Homosexuellen. Viele Senioren wurden in ihrem Leben früh traumatisiert und stigmatisiert. Bei einem so identitätsstiftenden Thema wie der eigenen Sexualität griffen Traumata besonders tief. Um zufriedene Bewohner und Angehörige zu haben, sei Biografiearbeit, die Sexualität nicht ausspare, unbedingt nötig, so Peters.

Seniorenstift für Schwule

Weil viele Homosexuelle den Vorurteilen und beschämten Blicken anderer Bewohner aus dem Weg gehen wollen, ist der Run wie in Berlin auf ein Seniorenstift für Schwule groß: Kaum eröffnet, was das Mehrgenerationenhaus schon ausgebucht: Auf der Warteliste stehen über 200 Namen.

1 KOMMENTAR

  1. Ein Leben in Würde und Selbstbestimmung: Wer im fortgeschrittenen Alter oder aber durch Einschränkungen wie Krankheit oder Behinderung auf sich allein gestellt ist, für den rückt dieser ganz selbstverständliche menschliche Wunsch nicht selten in weite Ferne. Besonders ausgeprägt ist dieses Phänomen in der schwulen Community, wo Alter, Krankheit oder Behinderung entweder komplett ausgeblendet oder aber als „Makel“ wahrgenommen und im schlimmsten Fall sogar stigmatisiert werden. Für die Betroffenen ist das nur äußerst schwer zu ertragen, denn sie geraten dadurch in eine noch viel stärkere Isolation, als sie es durch ihre persönliche Situation nicht ohnehin schon sind.

    Gut, wer sich auf zuverlässige und engagierte Unterstützung durch Partner, Freunde oder Verwandte verlassen kann. Doch diese Hilfe ist nicht immer bzw. nicht immer ausreichend gegeben. Auch mangelt es bei einer Betreuung durch Dritte häufig an dem notwendigen Verständnis und Fingerspitzengefühl für die spezifischen Bedürfnisse und Empfindungen homosexueller Frauen und Männer (u. a. nachzulesen in der aktuellen Broschüre „Kultursensible Pflege für Lesben und Schwule“ des Kölner Vereins Rubicon).

    In Hamburg biete ich – zusammen mit einer Berufskollegin – schon seit geraumer Zeit spezielle Unterstützung, Alltagsbegleitung und Zuwendung für ältere, kranke oder behinderte Schwule und Lesben an. Unsere „Betreuung queerbeet“ stellen wir als ausgebildete und qualifizierte Senioren-Assistenten (Plöner Modell) aktuell auf zwei Veranstaltungen während der PRIDE WEEK im PRIDE HOUSE (CVJM, An der Alster 40) vor: am Sonntag, 26. Juli, um 19.30 Uhr, sowie am Donnerstag, 30. Juli, um 17.00 Uhr.

    Das Recht auf Würde, Selbstbestimmung und Lebensqualität darf in keiner Lebenssituation aufgegeben oder auch nur in Frage gestellt werden. Wir wollen durch professionelle Unterstützung und authentische Zuwendung dazu beitragen, dass sich hilfsbedürftige Schwule und Lesben nicht auch noch verstecken oder ihre sexuelle Orientierung – und damit ihre Identität – verleugnen müssen. Deshalb wollen wir im Anschluss das Gespräch mit Verantwortlichen in Hamburger Senioren-Einrichtungen suchen.

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