Pflegende Kinder

1
438

Wenn unter 18-Jährige die häusliche Pflege übernehmen

Kinder und Jugendliche geben sich Mühe den Schein zu wahren. (Foto: Fotolia)

In unserem wohlhabenden Land ist es kaum tolerierbar, dass Kinder und Jugendliche die häusliche Pflege ihrer Familienangehörigen übernehmen. Dabei schaffen sie oft Tätigkeiten, mit denen selbst Erwachsene überfordert wären. Leider ist dieser Missstand in Deutschland Realität.

Auf Kosten der Kindheit

Dass es immer mehr Kinder gibt, die in die Pflege ihrer Eltern und Großeltern „hineinwachsen“, ist leider kaum jemanden bekannt. In Deutschland gibt es keine offiziellen Zahlen, für Österreich liegt eine Studie vor, dass etwa vier Prozent der Fünf- bis 18-Jährigen Tätigkeiten rund um die Pflegebedürftigkeit ihrer Familienmitglieder schultern. Dabei geht es um Haushaltsaufgaben wie Kochen und Einkaufen gehen. Aber auch die Betreuung der Geschwister und Botengänge. Je älter die Kinder und Jugendlichen, in fast 70 Prozent Mädchen, werden, desto mehr verschlimmert sich in der Regel der Gesundheitszustand der Pflegebedürftigen. Immer häufiger kommen mit der Zeit echte pflegerische Tätigkeiten wie Waschen, Wickeln und Füttern dazu.

Zu viel Verantwortung fordert Tribut

Pflegende Kinder sind laut Studie müde, leiden unter Kopf- und Rückenschmerzen. Den Aussagen „ich mache mir oft Sorgen“ und „ich bin oft traurig“ stimmen pflegende Kinder deutlich öfter zu, als nicht pflegende Kinder. Eine unbeschwerte Kindheit sieht anders aus. Kein Wunder, dass die Auswirkungen so massiv sind. Denn die meisten „Young Carers“, so der Fachbegriff, sind über viele Jahre mit der belastenden Situation konfrontiert. Die meisten wachsen mit der Erkrankung des Angehörigen vom Kleinkindalter auf. Ein Ende der Pflege tritt meist erst mit dem Tod des Familienmitglieds ein.

Schlecht erforschte Minderheit

Oft leiden die statistisch etwa Zwölfjährigen unter Schuldgefühlen, weil sie annehmen, die hätten die Krankheit ihrer Eltern oder Großeltern mit verursacht. In vielen Fällen bemerken weder Lehrer noch Verwandte die schlimme Familiensituation, denn pflegende Kinder möchten nichts sehnlicher, als den Schein des „normalen“ Familienlebens aufrechterhalten. Auch gibt es keine offiziellen Zahlen über die Anzahl der Betroffenen in Deutschland. In Österreich sollen es fast 43.000 Kinder sein. Von einer Dunkelziffer und einer hohen Risikogruppe wird ausgegangen. Eine der wenigen Wissenschaftlerinnen, die sich mit dem Thema beschäftigen, ist Sabine Metzing, Juniorprofessorin an der Universität Witten/Herdecke. Sie schrieb 2007 bereits ihre Promotion über Kinder und Jugendliche als pflegende Angehörige. Weil die Situation pflegender Kinder so schlecht erforscht ist, blieben praxistaugliche Hilfsangebote bisher aus.

Echte Hilfe für pflegende Kinder fehlt

Das Jugendamt ist leider oft negativ besetzt. Familien wagen es nicht, sich hier Hilfe zu holen, aus Angst, dass eine Kindeswohlgefährdung attestiert wird und die Kinder die Familie verlassen müssen. Projekte wie SupaKids in Hamburg oder JUMP, die Kindern Hilfestellung anbieten, wurden meist nach kurzer Zeit aus Kostengründen wieder eingestellt. Gebraucht werde, so Experten, eine wohnortnahe und unkomplizierte Hilfe für die ganze Familie.

TEILEN
Leila Haidar
Leila Haidar ist freie Wirtschaftsjournalistin aus Stuttgart. Sie ist für verschiedene überregionale Tageszeitungen tätig, schreibt für Fachmagazine und beschäftigt sich mit den verschiedensten Themen, darunter Personal, Industrie und Logistik.

1 KOMMENTAR

  1. So ganz allmählich kommt das Thema auch in DE auf die Agenda. Der Verein wir pflegen e.V.: http://www.wir-pflegen.net/jump hat dazu eine AG aufgebaut, die sich um die stärkere Sensibilisierung bei potenziellen Unterstützern kümmert. Es gab dazu eine Veranstaltung in Hamburg am 23. Juni 16, bei der auch über Beispiele guter Praxis aus dem Ausland berichtet wurde. Wir freuen uns über neue Mitstreiterinnen. Bitte melden bei: Dr. Hanneli Döhner, doehner@wir-pflegen.net. Außerdem gibt es Initiativen bei der Fachstelle für pflegende Angehörige in Berlin und beim ZQP in Berlin. Auch was die Forschung betrifft, ist etwas auf dem Weg, wieder in Witten-Herdecke und auch an der Uni Oldenburg.

HINTERLASSEN SIE EINE ANTWORT

Please enter your comment!
Please enter your name here