Osteuropäerin Anna: Pflegen in der Fremde

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Eine polnische Altenpflegerin im Gespräch

Für viele Senioren gehören sie zur Familie: Osteuropäische Pflegekräfte (Foto: Fotolia)

Rentner Rudi atmet zufrieden die frische Herbstluft ein. Er liebt die Natur und freut sich, wenn sein „Goldschatz“ Anna ihn im Rollstuhl durch den Stadtpark schiebt. 24 Stunden am Tag ist die Osteuropäerin für ihren Schützling da. Und das obwohl sie selbst Familie hat – in Polen. Wir haben mit Anna gesprochen.

Anna, wie gefällt Ihnen das Leben in Deutschland?

Sehr gut. Das ist aktuell mein dritter Aufenthalt in einem deutschen Haushalt. Zuvor war ich bereits bei zwei anderen Senioren tätig und konnte meine Sprachkenntnisse noch mehr vertiefen.

Sie konnten also schon Deutsch als Sie erstmals eine Stelle als Pflegekraft antraten?

Ja, selbstverständlich. Das ist Grundvoraussetzung. Sonst kann ich mich nicht mit den älteren Herrschaften austauschen. Gerade am Anfang sind die Senioren oft kritisch, ob ich sie und ihre Bedürfnisse überhaupt verstehe. Nicht nur sprachlich. Hätte ich als Pflegekraft dann Schwierigkeiten mich verständlich zu machen, wäre gleich das ganze Vertrauen futsch. Ein Beispiel: Ich kümmere mich um die pünktliche Medikation meines Patienten. Könnte ich die Wochentage nicht richtig benennen, hätte er sicherlich Angst vor einem Fehler.

Wie kamen Sie auf die Idee, sich in einer Agentur für polnische Pflegekräfte registrieren zu lassen?

Ich habe in Polen eine Ausbildung an der Fachhochschule gemacht und bin Magister für Altenpflege. Trotz dieses langen Ausbildungswegs wurde ich in meinem Land schlecht für meine Arbeit bezahlt. Die meisten Polen pflegen ihre Großeltern und Eltern selbst – da bin ich überflüssig. Weil die Familienkonstellationen in Deutschland anders sind und viele alte Leute alleine leben, sah ich hier eine berufliche Perspektive. Ich habe mich im Internet schlau gemacht und schickte eine Bewerbung an die Agentur Ost-Profi. Jetzt bin ich schon seit vier Jahren dabei.

Erzählen Sie von Ihrem Alltag! Wie läuft ein klassischer Arbeitstag ab?

Ich wohne im Haus meines Patienten. Das heißt, lange Anfahrten bleiben mir erspart. Morgens kann ich so eine halbe Stunde länger liegen bleiben. Gegen sieben Uhr bereite ich in der Küche für uns beide das Frühstück vor. Dann helfe ich beim Anziehen, Aufstehen, Waschen und Essen. Wir gehen außerdem mindestens zweimal die Woche gemeinsam einkaufen. Mein derzeitiger Schützling sitzt im Rollstuhl und kann sich aus eigener Kraft kaum mehr bewegen, ist aber gerne draußen in der Natur. Darum machen wir fast täglich Ausflüge in den benachbarten Park. Mittags koche ich und wir essen gemeinsam.

Und nachmittags?

Während er ein Mittagsschläfchen macht, kümmere ich mich um die Wäsche, räume auf, sauge die Böden oder putze das Bad. Weil ich einen acht Stunden Tag habe, wäre normalerweise gegen 15 Uhr Feierabend. Kaum umsetzbar, denn mein Patient braucht meine Hilfe auch abends. Ich kann zwar zwischendurch auf meinem Zimmer tun und lassen was ich will, muss aber immer ansprechbar, sprich im Haus bleiben.

Bei dieser 24-Stunden-Betreuung bleibt nicht viel Freizeit. Haben Sie selbst Familie?

Ja, ich habe zwei erwachsene Töchter und einen Ehemann. Obwohl ich meinen Beruf liebe und mich in meinem aktuell ostdeutschen Seniorenhaushalt absolut wohl fühle, vermisse ich die drei schrecklich. Eine Woche ohne Heimweh und Tränen gibt es eigentlich nicht. Daran kann man sich nicht gewöhnen. Mein Patient weiß das. Darum hat er extra eine Flatrate einrichten lassen, mit der ich so lange und so oft ich will nach Polen telefonieren darf.

Warum nehmen Sie die weite Entfernung trotz des Heimwehs in Kauf?

Nur so kann ich meine Familie mit etwas Geld unterstützen. Ich möchte meinen Kindern eine gute Zukunft mit allen Möglichkeiten bieten. Einen anderen Job zu machen, kann ich mir nicht vorstellen. Es macht mir einfach Spaß, mich um Menschen zu kümmern.

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Jahrgang 1989, „Die Pflegebiblerin“ hat Medienwirtschaft in Stuttgart studiert, langjährige Jugendleiterin, lernte den Online-Journalismus bei ProSiebenSat.1 Digital kennen, arbeitete in einer Londoner Nachrichtenagentur, hat die besten Ideen beim Wandern und ist begeisterte Köchin. Ihr Lebensmotto: Wenn Plan A nicht funktioniert, bleiben noch 25 andere Buchstaben.

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