Sechs Stunden Tag für Pflegeberufe – ein Göteborger Experiment

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In Schweden läuft ein Pilot-Projekt: Sechs statt acht Stunden arbeiten.

In Göteborg (by night) arbeiten Pfleger künftig weniger – zumindest in einem Experiment (Foto: Fotolia)

Das Experiment ist auf zwei Jahre ausgelegt, eine Zwischenbilanz belegt jedoch: das Projekt kommt gut bei Pflegekräften an.

Auswertung Ende 2016

Im Göteborger Svartedalans-Altenheim arbeiten Pfleger seit Anfang Februar nur noch sechs Stunden täglich – bei gleichem Gehalt. Die Idee zu diesem Experiment hatte die Linkspartei. Ende kommenden Jahres soll ausgewertet werden, ob sich Mitarbeiter weniger krank melden, was sich dadurch vielleicht einsparen lässt und wie sich die Heimbewohner damit fühlen.

Mehr Schlaf und entspannter zur Arbeit

Die Pflegerinnen berichten bisher von mehr Energie. Sie bekämen mehr Schlaf, seien entspannter und könnten Dinge tun, zu denen früher die Zeit fehlte – wie zum Beispiel zuhause Kochen. Auch Heimleiterin Ann-Charlotte Dahlbom Larsson ist zufrieden: „Früher sind die Mitarbeiter müde zur Arbeit gekommen und müde nach Hause gegangen“. Im Umgang mit Senioren sei Geduld besonders wichtig. Wer erschöpft sei, habe weniger Geduld, berichtete sie vor kurzem der Stuttgarter Zeitung.

Kürzere Arbeitszeiten könnten mehr Menschen in den Beruf locken

Der Job als Pfleger gilt in Schweden genauso wie in Deutschland als harte Arbeit. „Hart für Körper und Geist“, sagt Dahlbom Larsson. Kürzere Arbeitszeiten könnten mehr Menschen in den Beruf locken, hofft sie. An der Göteborger Uni-Klinik hat das bereits geklappt. Dort fand die Orthopädie nicht genug Krankenschwestern, die bei anstrengenden Operationen assistieren wollten. Nachdem die Abteilungsleiterin die Arbeitszeit für diese Schwestern um zwei Stunden täglich kürzte, hatte sie wieder genügend Interessenten. Für das laufende Experiment hat die Stadt 14 neue Mitarbeiter eingestellt und umgerechnet etwa 860.000 Euro ausgeben.

Autohersteller reduziert ebenso

Dass sich die Investition lohnen kann, zeigt ein anderes Göteborger Beispiel: Eine Toyota Werkstatt war früher acht Stunden geöffnet. Nun arbeiten die Mechaniker von sechs Uhr morgens bis mittags sowie von mittags bis sechs Uhr abends. Die Werkstatt ist nun zwölf Stunden lang geöffnet. Kunden müssen nicht mehr drei bis vier Wochen auf einen Termin warten. Toyota-Marketingchef Martin Banck, der die Idee hatte, sagt: „Die Mitarbeiter sind viel effizienter geworden“. Sie freuen sich über die geschenkte Zeit. Im ersten Jahr sei der Profit um 25 Prozent gestiegen.

Eine Pflegeeinrichtung lässt sich nur schwer mit einer Autowerkstatt vergleichen. „In der Industrie kann man die Produktivität messen, wir können das nicht“ sagt Berater Bengt Lorentzon, der das Projekt für die Stadt Göteborg auswertet. Ob sich ein Sechs-Stunden-Tag rechnet, wird nur schwer herauszufinden sein.

In Deutschland nur schwer vorstellbar

In Deutschland sehen Pflegeheim-Betreiber das schwedische Experiment eher kritisch. Für Stefan Ebert ist ein Sechs-Stunden-Tag in Pflegeberufen „schwer vorstellbar“. Der Geschäftsführer der Kleeblatt Pflegeheime im Kreis Ludwigsburg findet das Göteborger Experiment zwar interessant; für kürzere Arbeitszeiten bei gleichem Gehalt sieht er aber aktuell keinen Handlungsspielraum. „Die Rahmenbedingungen sind dafür bei uns zu eng gestrickt“, so Ebert mit dem Verweis auf die anstehende Pflegereform. Das zweite Pflegestärkungsgesetz soll am 1. Januar 2016 in Kraft treten. Unter anderem hat künftig jeder Versicherte Anspruch auf zusätzliche Betreuungsangebote. Die Einrichtungen müssen mit den Pflegekassen verhandeln und gegebenenfalls zusätzliche Betreuungskräfte einstellen.

Konservative dagegen

In Schweden waren die konservative moderaten Politiker von Anfang an gegen das Experiment. Stadtratsmitglied Maria Rydén hält es für eine „schreckliche Idee“. Andere Probleme seien viel drängender. „Auf keinen Fall kann Göteborg sich das leisten“, sagt sie über den Sechs-Stunden-Tag.

Laut Daniel Bernmar von den Linken sei es der konservativen Regierung jahrelang nur darum gegangen, mehr anstatt besser zu arbeiten. Er weiß, die Arbeitszeitreform ist „unmöglich für eine Kommune allein“. Die Ergebnisse müssen daher mehr Menschen überzeugen, als den Göteborger Stadtrat. Sonst wird es nur ein Experiment bleiben.

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Michael Sudahl
Michael Sudahl (Jahrgang 1973) ist Pflegebibel-Initiator und greift am liebsten zu brisanten Themen in die Tasten. Der gelernter Banker, Journalist und Körpertherapeut ist seit Jahren in der Pflege unterwegs: Er berät soziale Organisationen in der Kommunikation und geht als Lebensberater und Schattenjäger den Dingen gerne auf den Grund. Michaels Motto: “Sei du selbst die Veränderung, die Du Dir wünschst für diese Welt” (Ghandi)

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