Querschnittslähmung – Mehr als ein gebrochenes Rückgrat

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Erster Pflegeexpertenkurs zum Thema Para- und Tetraplegie in Deutschland

Neue Erfahrung – Neue Aktivierung: Heike von Bodelschwingh mit einem betreuten Kind beim Strandurlaub. (Foto: privat)

„Ich habe gelernt, die Eigenmobilität der Kinder besser zu nutzen“, erzählt Heike von Bodelschwingh über den ersten Pflegeexpertenkurs zum Thema Para- und Tetraplegie. Die gelernte Krankenschwester arbeitet zwar seit zwölf Jahren im André-Streitenberger-Haus in Datteln, doch etliche neue Kniffe und Handgriffe, die ihr Physiotherapeuten gezeigt haben, machen ihr den Pflegealltag etwas leichter.

Die sieben Kinder im Alter zwischen acht und 26 Jahren, die sie betreut, haben eine hohe Querschnittslähmung. Ihnen ein familienähnliches Leben zu ermöglichen, ist sehr pflegeaufwändig. So müssen alle langzeitbeatmet werden und Heike von Bodelschwingh hat sich deshalb bereits zur Pflegeexpertin für außerklinische Beatmung weitergebildet.

Bewegung ist auch für Querschnittsgelämte wichtig

Querschnittslähmung ist nicht nur ein gebrochenes Rückgrat. Neben der gegebenenfalls notwendigen Beatmung gibt es den Kreislauf von Psyche und Körper. Denn wer resigniert und lieber liegen bleibt, muss relativ schnell mit körperlichen Komplikationen rechnen. Deshalb ist es so wichtig, dass sich auch Menschen mit Para- oder Tetraplegie bewegen, so wie es eben geht. „Kopf und Körper bleiben fitter“, so die Pflegekraft.

Umgang mit Querschnittslähmung beinhaltet unterschiedliches Wissen

Psychologie und Kommunikation, etwa der Umgang mit Depression, ist ein Ausbildungsblock in dem Pflegeexpertenkurs, den die Bawig GmbH erstmals in Deutschland anbot. Neben den fachlichen Inhalten wie Berührung, Inkontinenz, Magen- und Darmmanagement oder Beatmung war dem Geschäftsführer Marcello Ciarrettino wichtig, dass die Teilnehmer lernen, das neuerworbene Wissen auf ihre individuellen Herausforderungen umzusetzen. Dazu gehören Netzwerke, Teamarbeit und Medienkompetenz.

Vieles ist machbar

Auch für die Dattelner Pflegekraft war der Austausch mit den anderen vier Teilnehmern ein wichtiger Bestandteil der 250-stündigen Weiterbildung, die in vier Blöcken à fünf Tagen innerhalb von acht Monaten abläuft. „Ich habe festgestellt, dass wir insgesamt eine gute Arbeit leisten“, sagt Heike von Bodelschwingh, denn sie konnte viele Ideen weitergeben: Vor allem ihre Erkenntnis, dass in der außerklinischen Betreuung von Querschnittsgelähmten vieles machbar ist.

Umgekehrt hat sie von Kolleginnen gelernt, die Erwachsene pflegen. Beruhigend ist für sie allerdings auch, dass es Pflegern in anderen Einrichtungen nicht entscheidend besser oder schlechter geht. Denn die Belastung in diesem Bereich ist hoch. Die Kinder müssen rund um die Uhr betreut werden. Etwa 30 Menschen in Teil- und Vollzeit arbeiten im André-Streitenberger-Haus im 24-Stunden-Dienst. Das bedeutet, dass sie immer wieder fünf, sechs Tage am Stück Nachtdienst hat.

Der Fahrradrolli ermöglicht Ausflüge in die Natur. Foto: privat

Neuer Kurs in 2016

Marcello Ciarrettino, der selbst Intensivpfleger ist und noch Pflegepädagogik studiert hat, hat den Kurs mit Experten anderthalb Jahre vorbereitet. Ihm kam es nicht auf „Hirngespinste“ an, wie Computeranzüge, die als Zukunftsvision durch die Medien geistern. Sondern auf übergreifendes Fach- und Fallwissen, so dass die Teilnehmer etwas an die Hand bekommen, mit dem sie Hoch-Querschnittsgelähmte besser fördern können. Dafür haben beispielsweise der Oberarzt Dr. Sven Hirschfeld, die Pflegewissenschaftlerin Dr. Ute Haas oder der Fachkinderkrankenpfleger für pädiatrische Intensivpflege Malte Hanelt gesorgt. Der Kurs soll 2016 wiederholt werden.


 

 

Jens Gieseler ist Kommunikationsberater, Journalist und Heilpraktiker für Psychotherapie. In den letzten beiden Lebensjahren war sein Vater pflegebedürftig. Deshalb hat er sich mit der Pflegebürokratie herumschlagen müssen und viel Sensibilität für das Altern und Sterben entwickelt. Erkenntnis: Beziehungen werden immer wichtiger.

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