Ich pflege: Hermann Beck (56)

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„Pflege gehört mitten rein in die Gesellschaft“

(Foto: Privat)

Kurzsteckbrief
Name: Hermann Beck
Alter: 56
Beruf: Altenpflegehelfer
Arbeitsumfeld: Alten- und Pflegeheim
Ort: Lindau
In der Pflege seit: 1990

Herr Beck, Sie sind seit 25 Jahren Altenpflegehelfer. War das schon immer ihr Traumberuf?

Nein, überhaupt nicht. Ich habe Einzelhandelskaufmann gelernt. Zur Pflege kam ich über einen Umweg. Meine erste Ehefrau war in der Branche tätig. Wir hatten einen Nachbarn, der an Multiple Sklerose litt. Seine Frau wurde operiert und bat meine Gattin, für ein paar Tage die Pflege ihres Mannes zu übernehmen. Dann wurde meine Frau selbst krank und ich ließ mich überreden, für sie einzuspringen. Völlig ohne Vorkenntnisse. Es machte mir Spaß. In meinem damaligen Job war ich nicht glücklich, also beschloss ich zu wechseln.

Warum die Pflege?

Weil meine Arbeit mir sinnvoll vorkommt. Die alten Menschen sind einem so dankbar.

Aber es gibt auch schwierige Situationen.

Ja, manchmal muss ich schlucken. Etwa wenn Bewohner sehr leiden und ich nicht helfen kann. Doch dann kümmere ich mich um den nächsten Senior und sehe, wie er sich über meine Hilfe freut. Für mich überwiegt das Positive.

Warum haben Sie nie die Ausbildung zur Fachkraft absolviert?

Ich wollte. Hatte aber bereits zwei Kinder und hätte Unterstützung vom Amt gebraucht. Da ich als Einzelhandelskaufmann aber einen vermittelbaren Beruf hatte, bekam ich kein Geld. So blieb ich Altenpflegehelfer. Ich darf deshalb beispielsweise keine Medikamente stellen und manche nicht verabreichen.

Wenn Sie die Chance hätten, etwas in der Pflege zu ändern, was wäre es?

Ich würde die Öffentlichkeit über das Thema Demenz aufklären und mehr finanzielle Hilfen für betroffene Familien zur Verfügung stellen. Demenzkranke gehören mitten in unsere Gesellschaft. Ich würde Angebote schaffen, die Familien die Chance geben trotz Demenz zusammenzuleben.

Dazu bräuchte es Personal. Viele Junge wollen nicht mehr in die Pflege. Verstehen Sie das?

Ich kann das nicht bestätigen. In unserer Einrichtung ist die Jugend gut vertreten. Wir kooperieren mit einem Kindergarten, einer Musikschule und einer Fachoberschule. So lernen junge Menschen von klein auf das Pflegeumfeld kennen. Viele merken durch Praktika, dass ihnen die Arbeit gefällt und kommen als Azubis wieder. Also: Wenn die Jugend kein Interesse an der Pflege hat, kann das nur daran liegen, dass sie nie damit konfrontiert wurde.

Was war das Highlight ihrer bisherigen Karriere?

Eine Studienreise nach New York, bei der wir Einrichtungen besuchten, die das Eden-Prinzip wunderbar umgesetzt haben.

Das Eden-Prinzip?

Das ist ein Betreuungskonzept, dass davon ausgeht, dass die meisten Leiden im Alter davon kommen, dass sich Menschen langweilen, einsam und nutzlos fühlen. Deshalb gibt es in den USA viele sogenannte Demenzdörfer. Dort leben Demenzkranke in mehreren Wohngemeinschaften und bewältigen mit Alltagshelfern und Pflegekräften den Alltag. Sie waschen Wäsche, kochen, backen, räumen auf… All die Dinge, die man auch Zuhause macht. Die Dörfer liegen inmitten normaler Städte. Die Demenzkranken sind ins gesellschaftliche Leben integriert.

Vielen Dank für Ihre Zeit, Herr Beck.

 

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Jahrgang 1989, „Die Pflegebiblerin“ hat Medienwirtschaft in Stuttgart studiert, langjährige Jugendleiterin, lernte den Online-Journalismus bei ProSiebenSat.1 Digital kennen, arbeitete in einer Londoner Nachrichtenagentur, hat die besten Ideen beim Wandern und ist begeisterte Köchin. Ihr Lebensmotto: Wenn Plan A nicht funktioniert, bleiben noch 25 andere Buchstaben.

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