Pflege-Rap: Atemlos in der Pflege

0
1492

Dustin Struwe geht als Pfleger-Rapper Dena selten die Luft aus

Dustin Struwe aka Dena: Dustin einfach nur anders. (Foto: Privat)

Angefangen hat alles mit zwei Todesfällen in einer Schicht. Mit Schuldgefühlen und Sinnkrise. Als Dustin Struwe nach Hause kommt, schnappt er sich Stift und Papier und schreibt sich den Frust von der Seele.

Dann rappt der gelernte Altenpfleger das Ganze ein. In mieser Qualität, da ihm das nötige technische Rüstzeug fehlt. Der 24-Jährige lädt den Song trotzdem auf YouTube hoch. Für sich und weil er hinter dem Geschriebenen steht: „Letzte Tür“ ist seine persönliche Ode an die Altenpflege. Sein Motivationslied für alle Pflegekräfte.

Als Dustin das nächste Mal auf sein Handy schaut, ist er ein kleiner Star. Pflegekräfte identifizieren sich mit seinen Zeilen. Der Song verbreitet sich rasend schnell in sozialen Netzwerken. Die Klickzahlen explodieren. Mit diesem Erfolg hatte der gebürtige Berliner nicht gerechnet. Aber seitdem ist er überzeugt: „In der Musik setzt sich durch, was vom Herzen kommt. Das Publikum spürt die Ehrlichkeit.“

Jede Schicht gleicht einem Kampf/Den man verwundet übersteht/Nach außen zeigt man keinen Stress/Niemand soll die Wahrheit sehen – Dena, Gegen die Zeit

Dena am Mic: Dustin Struwe begeistert mit seinem Pflege-Rap Pflegekräfte und Auszubildende. (Foto: Privat)

Dustin füllt mit seinem Pflege-Rap zwar keine Konzerthallen, dafür aber Pflegeschulen. Die Auftritte vor Auszubildenden kommen gut an. „Ich hätte nie gedacht, dass das funktioniert. Live erreicht man die Menschen ganz anders. Plötzlich fangen Menschen im Publikum an zu weinen. Weil ich aus ihrem Alltag rappe. Weil sie merken, sie sind nicht allein. Und darum geht’s mir, ich möchte Menschen erreichen. Das ist wichtiger als Ruhm oder Geld.“

Pflege-Rap mit Message

Er will seinen Kollegen Mut machen, für ihre Arbeitsbedingungen und das Ansehen des Berufsstandes einzustehen. Gewerkschaftlich organisiert ist er zwar nicht, Arbeitskämpfe findet er aber trotzdem gut. „Wenn Lokführer und Kindergärtner erfolgreich streiken, warum dann nicht Pflegekräfte? Soll das Pflegepersonal doch morgens um 6 Uhr am Arbeitsplatz erscheinen. Aber nicht auf der Station, sondern vor der Tür. Mit Plakaten und Trillerpfeifen.“, fordert er kämpferisch. Doch unter seinen Kollegen sei die Angst vor dem Jobverlust trotz Personalmangels groß.

Pflege-Rapper vs. Gesundheitsexperte Jens Spahn

Dustin Struwe im Gespräch mit Jens Spahn (CDU). (Foto: Privat)

Dustin selbst scheut vor der politischen Auseinandersetzung nicht zurück. In dem YouTube-Format „Bitte anschnallen!“ von RAPutation.tv stellte Dustin den Gesundheitsexperten zur Rede. Mehr Pflegepersonal, weniger Bürokratie. Das waren seine Forderungen. Spahn bremste. Das koste alles Geld. Doch Dustin ließ nicht locker. Seine Argumentation: Wie lassen sich Gesundheit der Pflegekräfte und Menschenwürde der Bewohner in Geld bemessen? Darauf fand auch der Politprofi keine Antwort. Und war beeindruckt.

 

Wir sind Pfleger, eine Familie/Deren Zusammenhalt nicht bricht/Geben auf, jetzt zusammen/Stehen wieder auf, jetzt zusammen/Ballen die Faust, jetzt zusammen/Nur keiner weiß, noch wie lange – Dena, Pflege am Boden

Denas erstes Album: Die Stimme der Pflege. (Foto: Privat)

Der junge Pfleger arbeitet seit sieben Jahren in seinem Beruf. Jeden Tag erlebt er Personalmangel und Stress auf den Stationen. Heute, fast ein Jahr später, haben Pflege-Rapper und Politiker immer noch Kontakt. „Jens Spahn ist sehr engagiert. Er hat durchgesetzt, dass jetzt auch Betreuungskräfte Essen anreichen dürfen. Das ist eine enorme Entlastung für das Pflegepersonal“, erzählt Dustin: „Aber solche Entscheidungen trifft er natürlich nicht allein. Das sind langwierige politische Prozesse.“

Straight outta Coburg: Dena

Allein auf die Politik will sich der rappende Altenpfleger nicht verlassen. Ihn frustriert, dass politische Entscheidungen und Personalmangel so viel Einfluss auf die Qualität seiner Arbeit haben. Denn er liebt seinen Job. Und das spüren Zuhörer, wenn der Beat beginnt. Am Mikrofon wird aus Dustin Dena. Dena, das steht für „Dustin einfach nur anders“. Für den Pflege-Rapper ist es wichtig, dass sein bürgerlicher Name Teil seines Alter Ego ist. Schließlich ist es sein Leben, sind es seine Erfahrungen von denen er singt.

Denn ich war nie ein Pfleger/ Ich hab mir alles selber beigebracht/Beigebracht wie man Schönes aus der Scheiße macht/Guck mich jetzt an/Sechs Jahre später, Mann/Ich mache das mein Leben lang – Dena, Nie ein Pfleger

Kaum ein Berufsfeld bekomme so viel Öffentlichkeit wie die Pflege, glaubt Dena. In neuen Medien, sozialen Netzwerken und Kommentarspalten sei Pflege ein heiß diskutiertes Thema. Und Dena ist immer mitten drin. In Kommentaren und Videobotschaften nimmt er zu politischen Themen Stellung, die er in seinen Songs nicht im Detail besprechen kann. Mit seiner direkten Art eckt der Wahl-Franke an. Als er seinen Standpunkt zur aktuellen Flüchtlingssituation auf Facebook äußert, löst er einen Mini-Shitstorm aus. Dena stellt sich der Diskussion, fühlt sich im Recht:

Ein bettlägeriger Bewohner, der mir anvertraut ist, muss monatelang auf die Bewilligung einer Zahnprothese warten. Gleichzeitig versetzt die Bundesregierung Berge, um Flüchtlingen zu helfen. Das macht mich wütend. Und das muss dann raus.

Harte Worte, die laut Dena aber keine Hetze gegen Flüchtlinge sein sollen. Er stellt klar:„ Mir zeigt die Flüchtlingssituation in Deutschland, dass Lösungsansätze gefunden werden, sobald der politische Wille da ist. In der Pflege haben wir eine dauerhafte Krise. Trotzdem passiert kaum etwas.“ Das liege auch an der Berichterstattung der traditionellen Medien, die sich immer nur auf einzelne Themen konzentrierten. Mal sei das Griechenland, dann wieder die Flüchtlingskrise. Die Pflege falle da hinten hinüber.

Immer ein Pfleger

Auch deshalb gründete der Rapper zusammen mit dem Admin der Facebook-Gruppe „Mehr Respekt und Anerkennung für Altenpfleger und Senioren“, Sandro P., im Mai 2014 den YouTube Kanal Pflege Du und Ich.
Darauf veröffentlichte er das Helene-Fischer-Cover „Atemlos in der Pflege“. Das Video wurde bereits über 80.000 Mal aufgerufen. Ein unfassbarer Erfolg für Dena. Mittlerweile beobachten zwei Musiklables den jungen Künstler. „Die eigene CD bei itunes oder im Media Markt zu sehen, das wäre schon ein Traum.“, schwärmt Dustin. Pfleger will er aber trotzdem bleiben – so lange der Rücken mitmacht.

 

HINTERLASSEN SIE EINE ANTWORT

Please enter your comment!
Please enter your name here