Uli & die Demenz: Überfordern Sie Ihre Lieben nicht!

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Wie Gespräche mit dementen Menschen unsere Gesprächskultur verbessern

Demente Menschen fühlen sich leicht überfordert. Deshalb gilt: Lassen sie sich und Ihrem Schützling Zeit (Foto: Fotolia)

„Was? Ich soll in die Zeitung? Mit Namen und Bild? Nein, danke.“ – als Journalist musste ich auf die harte Tour lernen, was der Seelsorger in mir längst wusste: Menschen reagieren ungehalten, wenn ich sie durch abrupte Fragen aus ihrem Alltag reiße.

Ich arbeite in zwei gegensätzlichen Bereichen. Als Seelsorger geht es mir um den Menschen. Hier heißt es Verschwiegenheit bewahren. Als Reporter recherchiere ich Geschichten und berichte über Erlebnisse. Ich suche die Öffentlichkeit. Die beiden Berufe haben eine Schnittmenge: Seelsorger und Journalist müssen den richtigen Zugang zum Menschen finden, um an ihr Ziel zu kommen. Der Seelsorger, damit der Mensch sich entfalten kann. Der Journalist, um an Information zu gelangen.

Lassen Sie sich Zeit

In der Pflege fällt es uns oft schwer, dem dementen Gesprächspartner die nötige Zeit einzuräumen. Aus unserem Alltag sind wir schnellen Informationsaustausch gewöhnt. Highspeed-Unterhaltungen, quasi.

Im Gespräch mit dementen Menschen müssen wir uns daher immer wieder in Erinnerung rufen:

  • Kommen Sie von vorne auf ihren Gesprächspartner zu und überrumpeln sie ihn nicht.
  • Überfordern Sie Ihr Gegenüber nicht.
  • Helfen Sie ihm, dass er Ihnen inhaltlich folgen kann.

Entschleunigung tut gut – nicht nur bei Demenz

Aber diese Verhaltensregeln gelten nicht nur für den Umgang mit dementen Menschen. Wenn wir uns im Alltag bewusst auf unseren Gegenüber einlassen, dann bekommt das Gespräch eine neue Qualität. Eine entschleunigte Gesprächskultur für mehr menschliches Miteinander. Kann mir diese Erkenntnis auch bei meiner journalistischen Tätigkeit nutzen?

Ich habe den Praxistest gemacht:

Wenn in unserem Städtchen Tengen im Hegau der Schätzele-Markt stattfindet, schreibe ich zahlreiche Vor- und Nachberichte für die Stadt und die Lokalpresse. Damit nicht in jedem Bericht die gleichen Dinge stehen, brauche ich Stimmen von vielen Festbesuchern. Also mische ich mich unter die Leute und befrage sie. Früher habe ich willkürlich Marktbesucher angesprochen: „Können Sie mir sagen, was Ihnen hier gefällt?“ Diesmal konfrontiere ich die Leute nicht. Ich gehe an den Wurst-Stand der Feuerwehr.

„Das sollte die Welt erfahren.“

Die Würste brutzeln und duften. Ich genieße meine Wurst. Und komme dabei mit anderen Besuchern ins Gespräch: „Das Wetter ist so mild in diesem Jahr.“ „Sind Sie auch schon Riesenrad gefahren?“ „Haben Sie an den Marktständen etwas Besonderes entdeckt?“ Dann sagt vielleicht jemand: „Ja, ich habe einen Knopf für meine Arbeitshose gekauft.“ Dann frage ich: „Das sollte die Welt erfahren. Ich suche Stimmen für die Presse. Darf ich das als Zitat verwenden?“ Das Erstaunliche: Die Marktbesucher stimmen so gut wie immer zu. Fast immer ergänzt noch jemand etwas wie: „Und ich habe mir Käse gekauft. Riechen Sie mal. Schön würzig, gell? Das können Sie ruhig auch schreiben.“ Mit anderen Worten: Wer nicht überrumpelt wird, erzählt bereitwilliger von sich. Meine Mit-Wurst-Esser solidarisieren sich mit mir. Sie sind so hilfsbereit, dass sie mir Informationen geben – und sich sogar noch drüber freuen, dass sie in die Zeitung erscheinen.

Bereiten Sie ihre Lieben vor, suchen Sie das Gespräch

Es ist normal, dass ein Mensch sich nicht überfahren lassen will – sondern erst Vertrauen sucht und auf dieser Ebene in eine Beziehung einsteigt. Bei Menschen mit Demenz ist das auch nicht anders. Sie wollen nicht überrumpelt werden. Es kann einen dementen Menschen überfordern, wenn ich aus dem Nichts heraus zu ihm sage: „Das Wetter ist schön. Wir sollten spazieren gehen.“ Besser ich bereite ihn vor und suche das Gespräch. Zuerst kann ich sagen: „Schau mal. Die Sonne scheint.“ Dann gehen wir gemeinsam ans Fenster und beobachten das schöne Wetter. Weiter kann ich fragen: „Wie wäre es mit einem Spaziergang?“ Dann ist die Wahrscheinlichkeit viel höher, dass er auch spazieren möchte.

 


Über Uli Zeller
Uli Zeller schreibt die Pflegebibel-Kolumne Uli & Die Demenz. Der Buchautor, Theologe und Krankenpfleger ist Experte im Umgang mit dementen Menschen. Sein aktuelles Buch Frau Janzen geht tanzen steckt voller humorvoller Vorlesegeschichten über Geburtstage, Jahreszeiten, Tiere, Sprichwörter und vieles mehr. Menschen mit Demenz erinnern sich dabei an vieles, das ihnen vertraut ist.
Bei uns schreibt der Autor über seinen Pflegealltag und gibt nützliche Tipps für Pflegekräfte und pflegende Angehörige. Wenn Sie Fragen, Anregungen oder Themenvorschläge haben, erreichen Sie Uli Zeller über info@die-pflegebibel.de oder die Kommentarfunktion.

 

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