Uli & die Demenz: Drei Tipps bei Fassadenverhalten

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So reagieren Sie richtig, wenn sich Menschen mit Demenz hinter Fassaden verstecken

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Menschen mit Demenz bauen eine Fassade auf, wenn sie nicht mehr weiter wissen. Sie verstecken sich hinter einer Maske aus falscher Souveränität, um Ihre Schwäche zu verbergen. (Foto: Fotolia)

Frau Käfer – eine Frau mit Demenz – lächelt mich an. Aber sie scheint mich nicht zu verstehen. Und dennoch verhält sie sich so, als wenn sie alles unter Kontrolle hätte. Bei Menschen mit Demenz nennt man das „Fassadenverhalten“. Eine Fassade, um Schwäche zu überspielen: Ich kenne das aus Situationen in meinem eigenen Leben.

Was Schlange stehen mit Fassadenverhalten zu tun hat

Ich stehe im Aldi. In der Schlange. An der Kasse. Vor mir ein Mann. Seine Art, sich zu bewegen, kommt mir bekannt vor. Woher kenne ich ihn bloß? In diesem Moment dreht er sich zu mir.

Er begrüßt mich: „Ah, der Uli. Hallo, wie geht’s denn?“

„Ja gut, danke“, murmle ich verlegen.

Leider habe ich keine Ahnung, wer der Mann ist. Ich will Zeit gewinnen: „Und wie geht’s selber?“

Er beginnt zu erzählen. Ich fange an,  Informationen durchzuscannen, die er mit anbietet. Fällt ein Stichwort, woher wir uns kennen?

Ich habe in diesem Moment versucht, eine Fassade aufrecht zu erhalten. Mein Gegenüber sollte nicht gleich merken, dass ich ihn nicht kenne. Aber – eine ungeschickte Fragen und die Blamage wäre perfekt gewesen. Meine Fassade hätte gebröckelt. Und womöglich wäre das ganze Haus eingestürzt.

 

Die Fassade bei dementen Menschen bröckelt

Bei Menschen mit Demenz spricht man von Fassadenverhalten: Nach außen sieht der Betroffene aus, als ob er alles im Griff hätte. Unterhält man sich mit ihm, bemerkt man schnell: Er kennt die Zusammenhänge nicht mehr. Er kann seinen eigenen Namen nicht sagen. Außerdem weiß er nicht, wer die anderen sind – und wo er sich befindet.

Als Frau Käfer ins Altenheim kam,  wollte ich die fit wirkende Frau kennenlernen. Also frage ich sie nach ihren Hobbys. Ich habe mit Antworten gerechnet wie: „Stricken, Dekoration basteln, Wandern gehen.“ Aber sie erwiderte: „Der eine so. Der andere so.“ Sie hat offenbar den Inhalt meiner Frage nicht verstanden und wollte mit Floskeln die Fassade aufrecht erhalten.

Immer wieder kommt es zu ähnlichen Begegnungen mit Menschen mit Demenz. Der Betroffene baut eine Fassade auf, die er aufrecht erhalten will. Dies ist nicht moralisch negativ zu bewerten. Es ist keine Lüge. Es ist ein Schutzmechanismus, eine naheliegende Verhaltensweise.

Wie kann ich diesem Menschen nun begegnen?

Drei konkrete Tipps zum Umgang mit Fassadenverhalten

  1. Halten Sie das Gespräch am Laufen. Wiederholen Sie Teile seiner Aussagen. Stellen Sie einfache Fragen. Sagen Sie immer wieder mal „ja“ und „ach so“, „hmmm“ oder „genau“. Nicht, um den Anderen zu veräppeln. Sondern, um ihm das Gefühl zu geben, dass er einen Dialog mit Ihnen auf Gefühlsebene führt.
  2. Achten Sie auf Ihre eigene Mimik. Schauen Sie Ihr Gegenüber freundlich an. Lächeln Sie. Schauen Sie ihm immer wieder einmal in die Augen.
  3. Gehen Sie nicht auf den Wahrheitsgehalt seiner Worte ein – sondern auf das Gefühl, das er zum Ausdruck bringt. Wenn Ihr 98-jähriger Opa fragt: „Wo ist denn meine Mutti?“, antworten Sie NICHT: „Die ist doch schon längst tot.“ Sagen Sie besser: „Was bedeutet dir deine Mutter?“

Ach ja, wenn ich nächstes Mal jemanden im Aldi treffe, den ich nicht kenne, frage ich ihn lieber gleich: „Entschuldigung. Woher kennen wir uns schon wieder?“ Ich glaube, das ist entspannter für alle Beteiligten.

Falls Sie das Thema interessiert, kann ich folgende Fachliteratur empfehlen:

– Vicki de Klerk-Rubin: Mit dementen Menschen richtig umgehen. Validation für Angehörige

– Naomi Feil & Vicki de Klerk-Rubin: Validation. Ein Weg zum Verständnis verwirrter alter Menschen

– Petra Fercher & Gunvor Sramek: Brücken in die Welt der Demenz. Validation im Alltag


Über Uli Zeller
Uli Zeller schreibt die Pflegebibel-Kolumne Uli & Die Demenz. Der Buchautor, Theologe und Krankenpfleger ist Experte im Umgang mit dementen Menschen. Sein aktuelles Buch Frau Janzen geht tanzen steckt voller humorvoller Vorlesegeschichten über Geburtstage, Jahreszeiten, Tiere, Sprichwörter und vieles mehr. Menschen mit Demenz erinnern sich dabei an vieles, das ihnen vertraut ist.
Bei uns schreibt der Autor über seinen Pflegealltag und gibt nützliche Tipps für Pflegekräfte und pflegende Angehörige. Wenn Sie Fragen, Anregungen oder Themenvorschläge haben, erreichen Sie Uli Zeller über info@die-pflegebibel.de oder die Kommentarfunktion.

6 KOMMENTARE

  1. Für gute Tipps ist man als Pflegende gerne aufgeschlossen. Mein Mann macht immer die gleichen Sprüche wie z.B. “Ordnung müsse sein sprach der Hahn und kletterte von der Ente”. Dies bekommt jeder zu hören, dem er neu begegnet. Oder er sagt sehr oft “aua”, wobei aua keine Schmerzen bedeuten, denn die erkenne ich, wenn es sich um Schmerzen handelt. Aber fremde Menschen sind von diesem häufigen aua irritiert. Oder, wenn er etwas mental aufgenommen hat und gut findet, klopft er lautstark mit der Hand auf den Tisch oder die Sessellehne, was auch sowohl die anderen in der Tagesbetreuung irritiert als auch mich oft nervt. Aber bei solchen Fragen gibt es sicher keine Pflegetipps, oder doch? Viele Grüsse und dank für gute Anregungen M.-A. v. der Marwitz-Plaue

  2. Da mir nicht klar wurde, was Ihre eigentliche Frage ist,, weiss ich nicht, aus welcher Richtung ich antworten soll.. Ich werde aber gern versuchen, in künftigen Kolumnen immer wieder auf einzelne Aspekte Ihres Kommentars einzugehen.

    • Danke Herr Zeller für Ihre Antwort. Stimmt, ich habe mich nicht klar ausgedrückt. Meine Frage: gibt es Tipps für mich wenn ich merke, dass ich genervt bin und anfange unausgeglichen und gelegentlich auch unfreundlich zu reagieren. Pflegepersonal im Heim oder Krankenhaus verlassen nach Dienstende ihre Patienten. Ich bin aber 24 Std. mit meinem Mann zusammen. Mein Mann ist lieb und dankbar und ich kann ungnädig reagieren, wenn ich zum 15 mal sage, was ich ihm schon gesagt habe. Aber ich liebe ihn trotz allem und möchte nicht verletzen.

  3. Jeder Betroffene und jede Situation ist anders. Daher möchte ich hier keine Tipps geben, was genau zu Ihnen passen könnte, um (inneren) Abstand und Ausgeglichenheit zu finden.

    Allerdings habe ich zwischen den Zeilen einige Themen heraus gelesen und notiert, zu denen ich gelegentlich eine Kolumne auf die-pflegebibel.de veröffentlichen möchte. Diese Kolumnen sind dann aber allgemeiner gehalten, damit möglichst viele Leser etwas davon haben. Angedachte Themen für solche Kolumnen sind etwa
    – ¨Abstand als Angehöriger bekommen – (wie) geht das?¨ oder
    – ¨Vergebung im Pflegealltag¨.
    Von den Tipps brauchen Sie dann nicht jeden Aspekt auf Ihre persönliche Situation beziehen. Aber vielleicht ist der ein oder andere Gedankenanstoß dabei, der Sie weiter bringt.

    Für individuelle Fragen finden Sie kompetente Ansprechpartner in Ihrer Nähe über die Adressdatenbank des Bundesministeriums für Gesundheit:
    http://www.wegweiser-demenz.de/no_cache/hilfe/adressdatenbank/service/Institution/list.html?tx_bafzainstitutionen_institutionensuche%5Bfilter%5D%5Boffers%5D%5B0%5D=18

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