Uli & die Demenz: Gemeinsam lachen und feiern

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Mit dementen Menschen gibt es immer was zu lachen. Doch Humor in Bezug auf Demenz muss charmant und liebevoll sein. (Foto: Fotolia).

“Wenn man mit Menschen mit Demenz zu tun hat, gibt’s immer viel zu lachen.” – Das kennt jeder, der in der Pflege oder Betreuung tätig ist. Beispiel gefällig? Hier eine Alltagsgeschichte aus dem Altenheim: Wie ich Frau Schlick beruhigte – und danach selber Probleme bekam…

Wir feierten Frau Schlicks 97. Geburtstag im Altenheim. Viele Verwandten kamen. Alle Mitbewohner und Pflegekräfte waren da. Extra für Frieda Schlick sang ein kleiner Männerchor. Es gab Kuchen und Torten. Zwei Enkel und sieben Urenkel reisten an.

Eine harmonische Feier?

Es war eine harmonische Feier – bis alle Verwandten fort waren. Gegen Abend holte Frau Schlick Luft und sprach: „Heute ist mein 64. Geburtstag. Und keiner hat mich besucht.“ Aus tief in ihrem Gesicht versunkenen Augen schaute Frieda Schlick mich an und ihre Stimme wurde immer lauter. „Niemand interessiert sich für die alte Frieda. Junger Mann, feiere meinen Geburtstag mit mir. Geh und hol uns zwei Tassen Kaffee!“

Hilfe! Frau Schlick ist durcheinander

Wenn Frau Schlick erst mal durcheinander ist, wird es meist immer schlimmer. Manchmal fliegen dann Zahnprothesen durch die Luft. Messer und Gabel gleich hinterher. Ich setzte mich neben Frau Schlick, strich ihr über den Handrücken und lächelte sie an. Und wieder sagte sie: „Geh und hole uns zwei Tassen Kaffee!“

Eine schlaflose Nacht

Es war nach 20 Uhr abends. Doch ich wusste: Wenn ich den Wunsch der alten Dame erfülle, kann ich sie vielleicht besänftigen – und verhindern, dass sie schreit, um sich wirft oder schlägt.

Ich brühte zwei frische Tassen auf und setzte mich zu Frieda Schlick. Wir feierten ihren Geburtstag. Zum zweiten Mal. Das half. Die betagte Jubilarin ging um 21 Uhr zufrieden ins Bett. Mir jedoch hat der Kaffee wohl nicht so gut getan. Denn für mich folgte die erste Nacht meines Lebens, in der ich wegen einer 97-Jährigen nicht schlafen konnte.

Es gibt viel zu lachen

Diese Geschichte habe ich vor über 10 Jahren in einem Altenheim erlebt. Noch heute muss ich schmunzeln, wenn ich an „Frau Schlick“ denke (die in Wirklichkeit natürlich anders heißt). Als ich letztes Jahr ein Seminar zum Thema Demenz hielt, sagte eine Teilnehmerin: „Wenn man mit Menschen mit Demenz zu tun hat, gibt’s immer viel zu lachen.“ Ja, das kann ich bestätigen. Wichtig dabei finde ich, dass man nicht über den dementen Mensch lacht. Der Humor sollte liebevoll sein. Charmant und nicht auf Kosten des Schwachen. Schwarzer Humor ist hier nicht angebracht.

Humorvolle Geschichten willkommen

Gerne können Sie hier ebenfalls Ihre humorvollen und fröhlichen Erlebnisse mit Menschen mit Demenz erzählen. Tragen Sie diese einfach als Kommentar ein. Kleine Anekdoten erhellen Pflegenden manchmal den Tag ein wenig und geben neue Kraft.

 

Über Uli Zeller
Uli Zeller schreibt die Pflegebibel-Kolumne Uli & Die Demenz. Der Buchautor, Theologe und Krankenpfleger ist Experte im Umgang mit dementen Menschen. Sein aktuelles Buch Frau Janzen geht tanzen steckt voller humorvoller Vorlesegeschichten über Geburtstage, Jahreszeiten, Tiere, Sprichwörter und vieles mehr. Menschen mit Demenz erinnern sich dabei an vieles, das ihnen vertraut ist.
Bei uns schreibt der Autor über seinen Pflegealltag und gibt nützliche Tipps für Pflegekräfte und pflegende Angehörige. Wenn Sie Fragen, Anregungen oder Themenvorschläge haben, erreichen Sie Uli Zeller über info@die-pflegebibel.de oder die Kommentarfunktion.

5 KOMMENTARE

  1. Meine Geschichte spielte sich in einem Seniorenkreis einer christlichen Kirche ab. Ich absolvierte gerade mein Praktikum in dieser Gemeinde und besuchte eines Nachmittags zum ersten Mal die Senioren. Bei der Vorstellung erwähnte ich beiläufig, dass ich in Russland geboren bin, mich aber nicht aufgrund meines jungen Alters an das geringste erinnern kann. Als ich das gerade ausgesprochen habe, unterbricht mich die leicht Segmente Dame neben mir und sagt: “Das macht doch nichts, dass du das vergessen hast, es kommt wieder, wart’s ab.” Alle lachten. Selten habe ich ein so liebevolles Miteinander erlebt.

  2. Ich, Pastor 52 Jahre, habe heute eine 90Jährige, schwer an Demenz erkrankte Frau besucht. Sie lebt seit eineinhalb Jahren im Pflegeheim – die trostlose Situation auf der Pflegestation mag ich nicht schildern, aber dass sie alle paar Minuten neu an ihren Geburtstag erinnert werden muss, finde ich nicht zum Lachen. Ich war mir nicht einmal sicher, ob sie mit sie sich gemeint wusste, als ich sie mit ihrem Namen ansprach… Ich möchte die Trauer angesichts dieser Realität nicht allzu schnell beiseitelachen, frage mich auch, ob Pflegende, wenn sie sich mit den Menschen beschäftigen, können – ich kann es mir nicht vorstellen.

  3. Sie haben recht, Herr Pastor Kumlehn.

    Es hängt immer von den beteiligten Personen ab. Wenn ich traurig und resigniert bin (die Situation als trostlos empfinde) würde ich nicht versuchen, die Trauer beiseite zu lachen. Das wäre ja heuchlerisch und gemein.

    Aber ich kenne Situationen, in denen das für die betroffene Person und auch für den Besucher (oder Betreuungskraft) die angemessene und entspannendste Verhaltensweise ist.

    Natürlich muss man dabei stets sensibel bleiben für die Person, darf niemanden auslachen – sondern kann höchstens deren Sinn für Humor und Lachen aufgreifen und mitlachen.

    Im Zweifelsfall würde ich aber lieber nicht lachen, die Situation so stehen lassen – und die Stimmung aufgreifen.

    Ich finde es schön, dass Sie als Pastor demente Menschen besuchen und wünsche ihnen dafür viel Weisheit und Gottes Segen.

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