Eric Gauthier: Von New York ins Altersheim

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Eric Gauthier betourt die ganze Welt. Einmal im Monat tanzen er und seine Company für Patienten und Bewohner in Seniorenheimen, Jugendheimen und Kinderkrankenhäusern. (Foto: Fritz Moser)

Der Tänzer und Choreograf Eric Gauthier hat seit achteinhalb Jahren eine feste Bühne im Stuttgarter Theaterhaus. Doch der 38-jährige Kanadier tourt mit seiner Company um die ganze Welt. Zwischendurch nimmt der begeisternde Mann sich Zeit, um Altersheime zu besuchen und dort spezielle Shows zu präsentieren.

Herr Gauthier, Sie gehen mit Ihrer erfolgreichen Company Gauthier Dance auch in Altersheime?

Eric Gauthier: Ja, das gehört zu unserem Selbstverständnis. Wir sind heute auf der großen Bühne in New York und morgen engagieren wir uns sozial. Nicht nur in Alters- und Pflegeheimen, auch in Jugendhäusern oder in der Kinderklinik. Wir haben so viele Anfragen, dass wir ein Jahr durchspielen könnten. Tatsächlich versuchen wir pro Monat eine Einrichtung zu besuchen und dort eine große Show zu liefern.

Sie bieten dieselbe Show wie in New York?

Eric Gauthier: Wenn der Ballett-Superstar nicht tanzt, rockt er mit seiner Band Gauthier & Band die Bühne. (Foto: Maks Richter)

Gauthier: Nein, wir stellen uns auf unser Publikum ein, denn am Ende wünschen wir uns, dass alle mitmachen. Ich moderiere, erzähle viel und bin mit den Menschen im Kontakt. Das Ganze dauert etwa 45 Minuten. Länger wäre zu anstrengend. Aber in einem Part des Abends tanzen wir zwei, drei Stücke nach unserer Choreografie – mit Musik, vollem Licht und der gesamten Ausstattung. Wie in New York, Madrid oder Seoul.

Wie läuft so eine Show ab?

Gauthier: Im ersten Teil zeigen wir, wie wir täglich trainieren. Aufwärmen der Füße und Zehen, typische Ballettbewegungen, Drehungen und Sprünge. Dann im zweiten Teil simulieren wir eine Probe. Die Tänzer üben ein Stück und ich korrigiere. Dann frage ich das Publikum, was sie verbessern würden und die Tänzer müssen das umsetzen. Das ist meistens schon wahnsinnig lustig und unterhaltsam. Da werden wir mit dem Publikum eine  große Gruppe. Und wenn wir dann unsere Stücke getanzt haben, müssen die Zuschauer mitmachen.

So begeisternd wie Sie sind, hat Ihr Publikum keine andere Chance!

Gauthier: Sie wehren sich natürlich wenn ich sage, dass wir jetzt mit ihnen Bollywood-Dance machen. Aber in den „O nein’s“ steckt schon viel Neugier. Es geht dann auch nur um Bewegungen mit den Armen, denn manche sitzen im Rollstuhl. Sie zählen mit und machen Geräusche dazu. Alle sind dabei. Das sind wirklich wunderbare Momente auch für uns.

Die Dance-Company kommt gut an?

Gauthier: Auf alle Fälle. Die Menschen mögen das. In etlichen Pflegeheimen kommen Clowns oder Gitarrenspieler, aber wir sind 16 energiegeladene Tänzer. Da kommen Emotionen hoch, wenn wir mit einer dramatischen Musik ein Liebesstück tanzen. Vielleicht wird das Publikum für eine Zeit wieder jünger.

Wir werden oft gefragt: Wann kommen sie wieder? Wenn wir in der Stuttgarter Region tanzen, darf man auch nie die Balletttradition vergessen. Viele ältere Menschen sind Ballettfans. Wir können das in den leuchtenden Augen sehen. Auch die Einrichtungsleiter sind oft perplex. Zwar haben sie über unsere Auftritte oft schon von anderen Häusern gehört, aber sie sagen oft, dass sie völlig baff sind und den Abend so toll nicht erwartet hätten.

Gibt es ein besonderes Erlebnis für Sie?

Bei Auftritten von Gauthier Dance wird das Publikum zum Teil der Company. (Foto: Fritz Moser)

Gauthier: Jeder Abend ist ein Geschenk, wenn es uns gelingt, die Menschen zu berühren. Tatsächlich kam in Luxemburg mal ein Neurologe auf mich zu und sprach von einem Wunder. Eine katatonische Frau, die sich seit zwei Jahren nicht mehr bewegte, hat an dem Abend erstmals wieder ihre Arme bewegt.

Müsste es nicht viel mehr Bewegungsangebote in Pflegeheimen geben?

Gauthier: Ich kann das nicht beurteilen. Aber Bewegung hält auch geistig wach, bestimmt weil wir unseren Ort verändern und damit unseren Horizont erweitern können. Heute Morgen stieg eine ältere Dame mit Rollator zu uns in den Lift. Sie fuhr in den dritten Stock zur Physiotherapie. Sie wolle in Bewegung bleiben, denn sonst müsse sie im Rollstuhl sitzen, erklärte sie. Ich glaube Bewegung gehört zum Menschsein. Und damit auch in Pflegeheime.

Wie wollen Sie alt werden?

Gauthier: Oh, gute Frage. Wie alle Menschen hoffe ich fit zu bleiben. Mein Kollege Egon Madsen ist 74 Jahre alt und tanzt noch immer. Außerdem habe ich meiner Frau versprochen, dass wir nach meinen vielen Auftritten Zeit zusammen haben werden. Also, wenn meine Kinder groß sind und die intensive Zeit von Gauthier Dance vorbei ist, machen wir eine Weltreise.

Mehr über Gauthier Dance:

Infos: www.theaterhaus.com

Dancing Beyond: Eine SWR-Produktion über Eric Gauthier und seine Company: http://swrmediathek.de/player.htm?show=049d22b0-ca66-11e5-bccf-0026b975e0ea


Jens Gieseler ist Kommunikationsberater, Journalist und Heilpraktiker für Psychotherapie. In den letzten beiden Lebensjahren war sein Vater pflegebedürftig. Deshalb hat er sich mit der Pflegebürokratie herumschlagen müssen und viel Sensibilität für das Altern und Sterben entwickelt. Erkenntnis: Beziehungen werden immer wichtiger.

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