Uli & die Demenz: Richtig auf demente Menschen zugehen

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Fünf Tipps zum Umgang mit Demenz

Raum lassen: Bewegen Sie sich im Sichtfeld Ihres Angehörigen (Foto: Fotolia)

Käthe ist 94 Jahre alt. Sie lebt mit sechs weiteren dementen Menschen in einer Berliner WG. Zusammen meistern die Senioren ihren Alltag – lachen, kochen, räumen auf. Wie eine Familie eben. Plötzlich wird der Mietvertrag gekündigt. Käthe und ihre Mitbewohner sollen ausziehen. Offensichtlich kann der Vermieter sich nicht vorstellen, was ein Umzug für die alten Herrschaften bedeutet. Dank einer Online-Petition mit rund 120.000 Unterschriften nimmt er die Kündigung zurück. Aber: Überall gibt es Käthes. Wie gehe ich mit meiner dementen „Käthe“ um? Fünf Tipps, die zum Weiterdenken anregen wollen.

Erstens: Überrumpeln Sie nicht

Nähern sie sich Käthe innerhalb ihres Gesichtsfeldes. Halten Sie so viel Abstand, wie sich Ihr Gegenüber wünscht. Streckt sie Ihnen die Hand entgegen, reichen Sie ihr die Hand. Weicht sie aus, nehmen Sie etwas Abstand.

Zweitens: Sprechen Sie in kompletten, einfachen und kurzen Sätzen

Demente Menschen sind oft überfordert mit halben Sätzen, weil sie diese nicht selber ergänzen können. Die Sätze sollten auch nicht zu lang oder verschachtelt sein. Fragen Sie nicht: „Willste auch n Brot?“ Besser ist: „Hallo Käthe. Ich gehe zum Bäcker. Soll ich dir ein Brot mitbringen?“

Drittens: Sprechen Sie angemessen mit Ihrem Gegenüber

Nehmen Sie Blickkontakt auf. Sprechen Sie Ihr Gegenüber immer wieder mit Namen an. Präzise Aussagen kommen gut an, einfach und klar formuliert. Lassen Sie kleine Pausen zwischen den Sätzen. Sprechen sie gelassen und ruhig. Richtig sprechen mit dementen Menschen ist eine Kunst, die man lernen kann.

Viertens: Lassen Sie den Menschen von seiner Kindheit erzählen

Menschen mit Demenz vergessen ihre Biographie von hinten nach vorne. Sie vergessen, was sie vorhin gegessen haben. Aber sie erinnern sich, dass ihr Lehrer in der Schule einen Schnauzbart hatte. Später können Sie Ihr Gegenüber an die eigenen Erlebnisse erinnern. Darüber wird sich Ihre Käthe freuen.

Fünftens: Nehmen Sie Hilfe in Anspruch

Wenn Sie Nachbar sind, nehmen Sie Kontakt mit dem Vermieter auf. Als Vermieter suchen Sie das Gespräch mit den Angehörigen. Die Angehörigen lassen sich am besten vom nächsten Seniorenbüro oder Pflegestützpunkt beraten. Wenn Ihr dementer Mitmensch nachts um drei Uhr Opernarien laufen lässt oder Möbel durch die Wohnung rückt, übernehmen Sie die Verantwortung nicht alleine. Holen Sie sich Hilfe.

Woher kommt Hilfe?

Deutschland:

Die interaktive Anwendung Pflegeleistungs-Helfer zeigt, welche Pflegeleistungen Sie in Ihrer persönlichen Situation nutzen können. Sie finden Hilfestellungen, wenn sich die Frage nach der Pflege Ihrer Angehörigen zum ersten Mal stellt.

Auch das Bürgertelefon zur Pflegeversicherung bietet Ihnen erste Orientierung. Sie erreichen das Bürgertelefon unter folgender Telefonnummer: 030 / 340 60 66-02.

Schweiz:

Wer in der Schweiz lebt, ist gut beraten mit der Internetseite der Schweizer Alzheimervereinigung. Die Seite ist sehr informativ und aktuell. Da in der Schweiz vieles von Kanton zu Kanton unterschiedlich geregelt ist, kann man dort den eigenen Kanton anwählen. Auch bekommt man dort gratis Broschüren und Demenzwegweiser.

 


Über Uli Zeller
Uli Zeller schreibt die Pflegebibel-Kolumne Uli & Die Demenz. Der Buchautor, Theologe und Krankenpfleger ist Experte im Umgang mit dementen Menschen. Sein aktuelles Buch Frau Janzen geht tanzen steckt voller humorvoller Vorlesegeschichten über Geburtstage, Jahreszeiten, Tiere, Sprichwörter und vieles mehr. Menschen mit Demenz erinnern sich dabei an vieles, das ihnen vertraut ist.Bei uns schreibt der Autor über seinen Pflegealltag und gibt nützliche Tipps für Pflegekräfte und pflegende Angehörige. Wenn Sie Fragen, Anregungen oder Themenvorschläge haben, erreichen Sie Uli Zeller über info@die-pflegebibel.de oder die Kommentarfunktion.

5 KOMMENTARE

  1. Sehr geehrter Herr Zeller,
    „Hallo Käthe. … . Soll ich dir ein Brot mitbringen?“ Bewohner sollen diesem Tipp nach geduzt werden? Das finde ich nicht in Ordnung. Es heißt älteren Menschen gegenüber immer noch “Sie” und “Frau” oder “Herr”. Wie respektlos ist es, fast ein Jahrhundert, was vor mir steht mit “Du” anzureden. Ausnahmen sind in der Pflegeplanung dokumentierte “Dus”, da der Bewohner darauf besser reagiert, als auf “Sie”. Dafür benötigt man aber die Einwilligung der Angehörigen / Betreuer. Bitte im Text ändern oder näher erläutern warum geduzt wird. Danke!
    Mit freundlichen Grüßen
    M.Holzen

  2. Sehr geehrte Frau oder Herr Holzen,

    vielen Dank für diesen wichtigen Hinweis. Ich sehe das genauso.

    Hier in diesem Text – dies als Erklärung – bin ich davon ausgegangen, dass “Käthe” eine Nachbarin ist, die man schon lange kennt. Vielleicht ist das nicht so deutlich rüber gekommen. Das tut mir leid.

    Als Pflegende halte ich einen professionellen Abstand! Das bedeutet, Sie zu sagen…

    Gerne weise ich an dieser Stelle auf das Buch hin “Richtig sprechen mit dementen Menschen” von Friederike Leuthe (Reinhardt): https://www.amazon.de/sprechen-dementen-Menschen-Reinhardts-Gerontologische/dp/349702337X?ie=UTF8&*Version*=1&*entries*=0
    Sie geht sehr gut auf diese Frage ein und begründet das Siezen sehr gut.

    Wenn Pflegekräfte Bewohner duzen, sehe ich darin vor allem die Gefahr, dass es zuletzt zu “inflationär” wird und am Ende alle nur noch per du und mit Kosenamen angesprochen werden.

    Ich habe noch eine eigenständige Kolumne zu diesem Thema geschrieben, die ich demnächst veröffentlichen möchte.

    Hoffentlich habe ich mit dieser Kolumne niemanden, der beruflich in der Pflege tätig ist, zum Duzen dementer Menschen ermutigt. Das wäre nämlich überhaupt nicht meine Absicht – sondern ganz im Gegenteil.

    Im Zweifelsfall lieber zurückhaltend und eher distanziert bleiben.

    Herzlichen Dank, dass Sie das geschrieben haben und ich nun dadurch die Chance hatte, das noch etwas zu erläutern.

    Uli Zeller

  3. Ein anderer Leser dieser Kolumne schrieb mir, folgender Satz sei zu schwierig zu verstehen:

    “Menschen mit Demenz vergessen ihre Biographie von hinten nach vorne. Sie vergessen, was sie vorhin gegessen haben…”

    Als besser verständliche Alternative empfahl er mir:

    “Demenz zerstört zunächst das Kurzzeitgedächtnis, Lieder aus vergangen Zeiten sitzen aber noch perfekt.”

    Das möchte ich hier gerne anfügen – falls es anderen Lesern ebenso geht.

  4. Noch eine Ergänzung, wie das “du” in diesen Text gerutscht ist:

    In meinem Ratgeber “Menschen mit Demenz begleiten, ohne sich zu überfordern” habe ich es so erklärt: “Ich spreche unsere Bewohner im Altenheim grundsätzlich per Sie und mit Nachnamen an: „Guten Morgen, Frau Löschmann.“ – „Wie geht es Ihnen, Herr Wagner?“ Dieser Ratgeber ist aber vor allem für Angehörige geschrieben. Daher beschreibe ich die Praxisbeispiele so, wie wenn ich die Bewohner mit Vornamen ansprechen würde.”

    Link zum Ratgeber: http://brunnen-verlag.de/catalog/product/view/id/14104/s/menschen-mit-demenz-begleiten-ohne-sich-zu-uberfordern/#

    Hier allerdings handelt es sich um einen Text auch für Pflegekräfte. Ich möchte niemanden zum unbedachten “per du” verleiten, sondern rate wie oben beschrieben zum Sie.

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