Buchtipp: Wir bauen eine Brücke

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Von der Wut und Liebe pflegender Angehöriger

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Wir bauen eine Brücke: Sammelband mit Geschichten von, über und für Pflegende Angehörige. (Foto: Wiebke Worm)

Im Sammelband Wir bauen eine Brücke bieten 15 pflegende Angehörige und Betroffene den Lesern Einblicke in ihre Gefühlswelt. Hinter dem schlichten Cover verbergen sich 30 Beiträge voller Herz und Menschlichkeit: Heitere und traurige Kurzgeschichten. Gedichte und Gebete. Zeichnungen und Bilder.

Die Autoren geben sich Blöße: In lebensnahen Texten teilen sie ihre Gefühle und inneren Kämpfe mit den Lesern. Das Gefühlschaos, wenn sie sich in die Pflegekraft verlieben, die ihre Frau versorgt. Die Ohnmacht, die sie lähmt, wenn ihnen alles über den Kopf wächst. Der Wahnsinn, der sie packt, wenn sie sich mit dem Bürokratiewahn deutscher Krankenversicherungen herumschlagen müssen. Die Freude, die sie empfinden, wenn ihr Schützling sie mit einem Lächeln belohnt.

Sammelband für den größten Pflegedienstleister Deutschlands

Herausgeberin und Mitautorin Wiebke Worm widmet das Buch dem größten Pflegedienstleister Deutschlands: den pflegenden Angehörigen. Im Selbstverlag erschienen, kommen Design und Aufmachung etwas altbacken daher. Interessierte sollten sich davon nicht abschrecken lassen: Das Schmökern im Sammelband gibt Kraft. Und vermittelt das Gefühl, nicht alleine zu sein. Darüber hinaus bringt das Projekt Außenstehenden nahe, wie pflegende Angehörige leben. Und baut so eine Brücke zu den Menschen, die (noch) nicht betroffen sind.

Pflegende Angehörige: Ein Vollzeitjob

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Wiebke Worm und ihr Ehemann Uwe. (Foto: Wiebke Worm)

„Ich habe mich um Pflegethemen nicht gekümmert, bis ich mitten drin war“, gibt Worm offen zu. Bis 2006 die niederschmetternde Diagnose kam: Ein Jahr nach der Hochzeit stellten Ärzte bei ihrem Ehemann Multiple Sklerose fest. Beruflich organisierte die ehemalige Crewmanagerin Personaleinsätze von Seeleuten für eine große Reederei.

Seit 2009 ist die 51-Jährige pflegende Angehörige. Ein Vollzeitjob. Ihren Mann in einem Heim unterzubringen, kam für sie nie in Frage. Und seit eine Pflegekraft versuchte, ihren Mann am Kopf in den Rollstuhl zu heben, lässt sie ambulante Pflegedienste nur im absoluten Notfall an ihren Mann. „Wir hatten Pech, als wir Hilfe benötigten, seitdem will ich stets präsent sein“, gesteht die Hamburgerin. Selbst für ihre große Leidenschaft, das Fotografieren, gönne sie sich kaum Zeit: „Ich bin nie länger als eine Stunde aus dem Haus. Meine Motive suche ich mir in nächster Umgebung.“

Soziale Netzwerke gegen Einsamkeit

Über Foren und Soziale Netzwerke tauscht sie sich mit anderen pflegenden Angehörigen aus. Das hilft gegen Einsamkeit. Über das Internet verbunden, bewältigen die Schicksalsgenossen schwere Phasen im Alltag gemeinsam. „Viele schreiben Tagebuch“, erklärt Worm, „andere sind wie ich. Meine Welt ist die Poesie.“ Die Autorin verarbeitet Schmerz und Frustration lieber lyrisch. Oder in Kurzgeschichten. In ihr reift die Idee, einen Sammelband mit Erzählungen pflegender Angehöriger herauszubringen. Frei nach dem Motto: „Von uns, über uns, für uns“.

In der Facebook-Gruppe Pflegende Angehörige findet sie kreative Gleichgesinnte. Das Autorenkollektiv entschied sich bewusst dafür, kein Sachbuch zu schreiben. Inhaltlich werden weder Tipps noch Tricks vermittelt. Sondern Emotionen. Die gesammelten Geschichten sollen Liebe und Kraft schenken, sind aber auch Ventil für Wut und Trauer. Das Konzept kommt an: Wir bauen eine Brücke erschien am 15. Januar dieses Jahres und verkaufte sich bereits im ersten Monat 150 Mal.

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Politisch aktiv für Pflegende Angehörige

Der Erlös kommt der Stiftung Wir! Stiftung pflegender Angehöriger zugute. Brigitte Bührlen gründete die Stiftung 2010, um eine Lobby für pflegende Angehörige zu schaffen. Worm liess sich von Bührlens politischem Engagement inspirieren: „Mir sind viele Pflegende Angehörige bekannt, die an der Armutsgrenze leben“, berichtet die Frührentnerin, „aber wir können nicht von Zuhause weg, um für unsere Rechte zu kämpfen.“ Deshalb startete Worm über ihre Facebook-Seite Wir pflegen unsere Lieben die Aktion Herzensangelegenheiten.

Herzensangelegenheiten

Die Idee: Ersetzt euer Profilbild durch das Aktions-Herz und zeigt eure Solidarität mit pflegenden Angehörigen. Schreibt  jeweils am letzten Tag des Monats eure Wünsche und Gedanken auf die Facebookseiten des Gesundheitsministers, des Finanzministers und der Bundeskanzlerin. Die frischgebackene Netzaktivistin hofft, dass die Aktion Keimzelle einer neuen Graswurzelbewegung wird, um im Netz mehr Aufmerksamkeit für die Lebensrealität pflegender Angehörigen zu schaffen.

Weiterführende Informationen für pflegende Angehörige:

Grundsätzliche Informationen zum Thema finden Sie zum Beispiel auf der Seite der Verbraucherzentrale. Das Netzwerk Pflegebegleiter bringt ehrenamtliche Pflegehelfer und pflegende Angehörige zusammen Im Netz können sich pflegende Angehörige zum Beispiel im Alzheimer Forum, im Pflegenetz Forum oder beim Treffpunkt für pflegende Angehörige austauschen.

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