Uli & die Demenz: Willkommenskultur für Menschen mit Demenz

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Demente Menschen in die Gesellschaft integrieren

Menschen mit Demenz sind Flüchtlinge der Leistungsgesellschaft. Wir müssen uns entscheiden: Verdrängen wir sie oder integrieren wir sie in unserer Mitte? (Bild: Fotolia)

Demente Menschen sind die Flüchtlinge aus unserer beschleunigten Gesellschaft. Pflegeheime sind die Flüchtlingslager für sie. Denn Menschen mit Demenz finden keinen Platz mehr unter uns. Sie entziehen sich unseren Kategorien von Leistung und Produktivität. Deshalb wirken sie fremdartig und anders.

Diese sinngemäß wiedergegebenen Gedanken stammen von Reimer Gronemeyer. Der Professor für Soziologie geht in seinem Buch Das 4. Lebensalter  davon aus, Demenz sei keine Krankheit. Und Markus Müller fragt in seiner Lebensplanung für Fortgeschrittene , ob die Botschaft von Demenz an uns heute vielleicht heißen könnte: „Schaut, es gibt auch glückliches Menschsein ohne den ruinösen Wettbewerb. Entdeckt doch einmal, dass Zufriedenheit nicht von Leistung abhängig ist.“

Willkommenskultur – aber wie?

Wenn Menschen mit Demenz Flüchtlinge sind, brauchen auch sie eine  “Willkommenskultur“. Wie kann eine Gesellschaft wieder lernen, Menschen mit Demenz in ihrer Mitte willkommen zu heißen?

Teil der Gesellschaft werden

Menschen aus Syrien oder dem Irak werden kein Teil unserer Gesellschaft, wenn sie bei uns hinter Mauern und Zäunen leben müssen. Peter Wißmann lehnt in Nebelwelten deshalb spezielle Dörfer für demente Menschen ab. Das gehört für ihn in die Rubrik Abwege und Selbstbetrug in der Demenz-Szene. So schließe man die Betroffenen aus der Gesellschaft aus. Wünschenswert wäre aber, dass sie integriert werden. Menschen mit Demenz sollen nicht separiert werden. Sie gehören mitten in die Gesellschaft. Zusammen mit Menschen ohne Demenz, so Wißmann.

Keine hohen Erwartungen

Ich besuche die Flüchtlinge in unserem Nachbardorf regelmäßig. Und ich habe festgestellt, dass sie keine hohen Erwartungen haben. Sie freuen sich, wenn jemand zu ihnen kommt und mit ihnen einen Kaffee trinkt. Sie fühlen sich verstanden, wenn ich auf arabisch „danke“ sage – und im Gegenzug lernen sie fleißig deutsch. Genauso freuen sich Menschen mit Demenz über Besuch. Menschen mit Demenz sind oft schon glücklich, wenn ihnen jemand die Hand hält, in die Augen schaut und sie anlächelt.

Einkaufsbummel mit einer dementen Frau

Als Angehöriger kann ich etwa unterstützen, dass der demente Ehepartner Besuch bekommt. Warum nicht einmal mit der Nachbarin zusammen einen Kaffee trinken? Auch darf es normal werden, dass Menschen mit Demenz in unserem Stadtbild vorkommen. Ein einfacher Einkaufsbummel kann Willkommenskultur sein. Ich habe mich richtig gefreut, als ich neulich eine – offensichtlich demente Dame – mit ihrer Tochter in der Stadt gesehen habe. Sie haben zusammen eine Tasche gekauft. Und die alte Frau erzählte die ganze Zeit von einer Tasche, die sie für die Schule braucht. Kann diese Einfachheit nicht auch eine Bereicherung für unsere Gesellschaft sein?

Menschen mit Demenz willkommen

Ich wünsche mir, dass Menschen mit Demenz in unserer Gesellschaft willkommen geheißen werden. Eine neue Willkommenskultur muss her. Vielleicht wird niemand für sie ein Willkommensfest organisieren. Oder ein Schild in die Höhe halten, auf dem steht: „Menschen mit Demenz sind willkommen.“ Aber jeder kann klein anfangen und die demente Frau nebenan besuchen.

Beispiele zum Nachahmen gesucht

Haben Sie einmal erlebt, dass demente Menschen auf eine besonders schöne Weise in die Gesellschaft aufgenommen wurden? Kennen Sie ein Beispiel, wie Menschen mit Demenz und Menschen ohne Demenz sich gegenseitig ergänzt und bereichert haben? Dann dürfen Sie es gerne hier in den Kommentaren erzählen. Das ermutigt.

 


Über Uli Zeller
Uli Zeller schreibt die Pflegebibel-Kolumne Uli & Die Demenz. Der Buchautor, Theologe und Krankenpfleger ist Experte im Umgang mit dementen Menschen. Sein aktuelles Buch Frau Janzen geht tanzen steckt voller humorvoller Vorlesegeschichten über Geburtstage, Jahreszeiten, Tiere, Sprichwörter und vieles mehr. Menschen mit Demenz erinnern sich dabei an vieles, das ihnen vertraut ist. Bei uns schreibt der Autor über seinen Pflegealltag und gibt nützliche Tipps für Pflegekräfte und pflegende Angehörige. Wenn Sie Fragen, Anregungen oder Themenvorschläge haben, erreichen Sie Uli Zeller über info@die-pflegebibel.de oder die Kommentarfunktion.

1 KOMMENTAR

  1. […] Erstens: Mehr Personal, das sich Zeit nehmen kann für die Bewohner. Viele alte Menschen langweilen sich. Damit sie sich nicht ganz so einsam vorkommen, lassen sie den Fernseher laufen. Den ganzen Tag. Das fördert eine Demenz. Wir brauchen Aktivierung statt Ablenkung. Beziehungen statt Berieselung. Menschen statt Mattscheibe. Wir brauchen zweitens nicht nur mehr, sondern auch geschultes Personal, das mit dementen Menschen umgehen und sie abholen kann. Und drittens muss es uns gelingen, demente Menschen in die Gesellschaft zu integrieren. Ich habe gerade eine dazu passende Kolumne geschrieben mit dem Titel „Willkommenskultur für Menschen mit Demenz“. […]

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