Weltmeisterin der Pflege

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Bei den WorldSkills treten die Besten der Berufswelt gegeneinander an

Sophia Warneke hochkonzentriert: Die Bremerin war die erste deutsche Pflegekraft überhaupt, die an den World Skills teilgenommen hat. (Foto: WorldSkills )

Eine Halle. 45 Berufsfelder. Die WorldSkills sind der internationale Leistungsvergleich nicht-akademischer Berufe. 1200 Kontrahenten aus mehr als 60 Nationen hatten sich vom 11. -16. August in São Paulo eingefunden, um die Weltmeisterschaft der Auszubildenden auszutragen. Es wurde geschraubt, gefräst, gekocht, gestyled – und gepflegt.

Sophia Warneke vertrat Deutschland bei der 43. Ausgabe der WorldSkills als erste Pflegekraft überhaupt. Die examinierte Altenpflegerin qualifizierte sich über die Deutschen Meisterschaften. Sie belegte zwar nur den vierten Platz, erfüllte aber als Einzige die Altersbeschränkungen, denn laut Statuten dürfen nur 17- bis 22-Jährige an dem Wettbewerb partizipieren. Im deutschen Nationalkader ist die Studentin für Pflegewissenschaften als Frau gegenüber den Männern klar in der Unterzahl. In der Kategorie Pflege treten hingegen nur Frauen an. „Das ist schade“, bedauert die Bremerin, „weil das Klischee von der Pflege als Frauenberuf bestätigt wird“.

16 Pflegekräfte aus der ganzen Welt treten an

Sophia Warneke in Aktion: Die Schauspieler spielen ein Krankheitsbild, der Pflegenachwuchs muss reagieren. (Foto: WorldSkills)

Alle Berufswettbewerbe finden zeitgleich in einer Halle statt. 55.000 Besucher strömen pro Tag in die Halle. Und Kamerateams aus der ganzen Welt begleiten das Event. Es herrscht eine chaotische Atmosphäre. Allein für die Pflege wurden 16 Pflegezimmer aufgebaut – für jede Teilnehmerin eins. Die Zimmer sind wie Bühnen an drei Seiten geschlossen und auf einer Seite für neugierige Blicke der Zuschauer geöffnet. Schauspieler spielen Krankheitsbilder nach, die Pflege-Kontrahentinnen müssen auf die jeweilige Situation reagieren.

WorldSkills: Vier Themenblöcke, Vier Aufgaben

Insgesamt muss der Nachwuchs 16 Aufgaben an vier Tagen bestehen. Jeder Tag ist einem anderen Pflegebereich gewidmet. Das bedeutet jeweils vier Aufgaben zu vier Themenblöcken: Pflege im Krankenhaus, Pflege im Altenheim, häusliche Pflege und Tagespflege. Eine Einheit dauert 45 Minuten. Die Teilnehmer sind ständig in der Prüfungssituation. Damit die Prüfungsteilnehmer nie wissen, was sie als nächstes erwartet, dürfen sie sich nicht frei auf dem Gelände bewegen. Zu groß wäre das Risiko, dass sie sehen, welche Aufgabe ihre Konkurrentinnen gerade absolvieren. Und sich dadurch einen Vorteil erhaschen.

Marcus Rasim: deutscher Pflegeexperte bei den World Skills

Sophia Warneke und der deutsche Jogi Löw der Pflege, Marcus Rasim. (Foto: WorldSkills)

Jeden Handgriff bewerten drei Experten simultan zur Pflege. Marcus Rasim vertritt Deutschland als Experte in der Pflege. „Wir sind die Jogi Löws der WorldSkills“, erklärt der Pflegeschulleiter schmunzelnd, „wir betreuen die Prüflinge und bereiten sie ein Dreivierteljahr auf die Prüfung vor“. Aber die Experten stellen auch die 16 Prüfungsaufgaben zusammen – und einigen sich auf einen gemeinsamen Pflegestandard für den Wettstreit. Für jede Aufgabe hat die Expertenkommission 50 Kriterien aufgestellt, die vom Pflegenden erfüllt werden müssen. Die Beisitzer haken akribisch ab: Wurde der Patient gefragt, ob er etwas trinken möchte? Steht der Prüfling ordnungsgemäß am Bett? Wurde das Bett auf die richtige Höhe eingestellt? „Manchmal hatte ich den Eindruck, bei den Antworten zählt nicht das Können“, berichtet Warneke enttäuscht, „sondern wer am besten auswendig lernen kann“.

Handlungsstandards statt individuelle Pflege

Der deutsche Nationalkader am 3. November 2015 beim Fototermin mit Kanzlerin Angela Merkel. (Foto: WorldSkills Germany)

Deutsche Pflege“, bewertet Rasim die Leistung seines Schützlings, „muss sich international nicht verstecken“. Aber es fehle die Leichtigkeit. Während deutsche Pflegekräfte schon an den nächsten Schritt denken, konzentrieren sich asiatische Kandidaten auf den Moment. Wo Deutsche angespannt wirken, lächeln asiatische Pflegekräfte. Und strahlen Souveränität und Freundlichkeit aus. Hier spiegelt der Wettbewerb auch strukturelle Probleme im deutschen Pflegesystem wider: Durch Personal- und den damit verbundenen Zeitmangel denken deutsche Pflegekräfte stets an den nächsten Punkt auf dem Dienstplan. Darunter leide häufig die Hinwendung zum Patienten, so Rasim. In der Ausbildung werde Empathie gepredigt. Und Einrichtungen versprechen individuelle Pflege. In der Praxis müsse deutsches Pflegepersonal jedoch vor allem Handlungsstandards einhalten. „Wer nur die Standards im Blick hat, verliert den Menschen aus den Augen“, befürchtet der Pflegeexperte.

Warneke belegt den 14. Platz

Bei der Siegerehrung stand überraschend keine asiatische Pflegekraft auf dem obersten Treppchen. Die Goldmedaille errang Jenny-Marlen Fossan aus Norwegen. Lim Ling, die Top-Favoritin aus Singapur, belegte den dritten Platz. Für Warneke reichte es nur für Platz 14 von 16. „Ich habe mich für Jenny gefreut“, erzählt die deutsche Kandidatin, „die Zeit in São Paulo war so schön, die Stimmung so gut, ich konnte mich über mein Ergebnis nicht ärgern“. In Göteborg peilt sie dennoch ein besseres Resultat an. Dort finden im Dezember die Euroskills statt. Und Warneke vertritt wieder die deutsche Pflege.

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