Meine Patentante ist dement

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Zwischen Freiheit und Sicherheit: Wo wohnen mit zunehmender Demenz?

Seniorenheim oder Eigenheim? Viele Menschen mit Demenz wollen ihre vertraute Umgebung nicht verlassen. Das bringt besorgte Angehörige in eine verzwickte Situation. (Foto: Fotolia)

Meine Patentante ist dement. Und sie wird immer dementer. Vor einem halben Jahr wiederholte sie Themen nach einer halben Stunde. Inzwischen nach fünf bis zehn Minuten. Dass sie sich nicht daran erinnert, dass ich seit mehr als zwei Jahren in München wohne – geschenkt. Genauso, dass diese agile Frau so viel von früher erzählt oder sich beschwert, dass ihre Tochter ihr das Auto „weggenommen“ und damit ihre Bewegungsfreiheit eingeschränkt hat. Die Frau vom Pflegedienst weist sie wütend ab: „Als ob ich meine Tabletten nicht selbst einnehmen kann.“ Nein, liebe Tante, das kannst du nicht mehr, denke ich. Und frage mich bang, ob sie noch alleine in ihrer Wohnung leben sollte.

Schwierige und gute Tage

So ähnlich geht es auch ihrer Tochter. Die erzählt, dass ihre Mutter beim gleichen Anbieter zwei Handyverträge an einem Tag abgeschlossen hat. Aber zielsicher mit U- und S-Bahn gefahren ist, um eine Freundin am Bahnhof abzuholen. Es gibt eben schwierige und gute Tage.
Das Verhältnis zwischen Mutter und Tochter war nie einfach. Aber seit meine Tante dement wird, ist ihre Tochter „die Böse“, während ihr Sohn „der Gute“ ist. Die Wut über ihre Krankheit bekommt die Tochter ab. Wichtig, dass sich die beiden Geschwister trotz ihren jeweiligen Rollen verstehen und gegenseitig unterstützen. Denn dass meine Tante kein Auto mehr fährt, hat sie der eindeutigen Diagnose zweier Ärzte zu verdanken. Mit denen sie nicht mehr spricht.

Einfach eine arme, alte Frau

„Wenn das nicht meine Mutter wäre, würde ich einfach eine arme, alte Frau sehen und entspannter mit ihr umgehen“, sagt die Tochter. Und ich erinnere mich an meinen Vater. Er öffnete die Haustür, sprach drei Minuten mit mir und stellte dann kommentarlos den Fernseher an. Als Vater von drei Kindern hatte ich mir die Zeit aus den Rippen geschnitten, bin 250 Kilometer gefahren und saß nun in dem dunklen Haus, in dem ich groß geworden bin, und beobachtete, wie ich sprachlos in die Kinderrolle fiel. Meinem Vater war lediglich wichtig, dass jemand im Haus war. Reden wollte er in seinen letzten Jahren immer weniger. Ein armer alter Mann, der mich berührte. Wäre er nicht mein Vater gewesen.
Nach vielen Unfällen und der Diagnose „Demenz“ hat mein Bruder ihn vor die Wahl gestellt: Pflegeheim oder jemand kommt rund um die Uhr ins Haus. „Rudi“ hat meinen Vater dann bis in den Tod begleitet. So nah hat mein Vater keinen seiner beiden Söhne an sich rangelassen. Für jemand, der 1925 geboren wurde, den Krieg erlebt und sich durchs Leben gekämpft hat, war das ein großes Loslassen. Hoffentlich habe ich diese Lektion von ihm gelernt.

In ihrer Wohnung fühlt sie sich sicher

Ich liebe meine Patentante. Ihre Adresse und Telefonnummer werde ich nie vergessen – wenn ich nicht selbst dement werde. Bei ihr durfte ich „Dick und Doof“ schauen, was bei meinen Eltern nicht möglich war. Meine Patentante war immer eine schrille, lebhafte Frau mit hektischen Fragen und Erzählungen. Aber mit viel Liebe für mich und andere Menschen. Erst mit 80 Jahren nahm diese umtriebige Person nicht mehr an Reisen teil, von denen sie als Journalistin berichtete.
Es ist schwer, sie jetzt zu sehen. Sie ist so wahnwitzig dickköpfig und wütend. Ihre Wohnung wird sie nicht freiwillig verlassen. Verständlich. Die Tochter sagt: „Vielleicht muss sie gegen die Wand laufen.“ Das meint sie nicht grob, sondern hilflos. Ich kenne dieses Gefühl von meinem Vater.

Zumutung und Akzeptanz

Aktuell läuft im Kino der Film „Freunde fürs Leben“. Der an Krebs erkrankte Künstler scheint rücksichtslos, weil er für sich klare Entscheidungen trifft und seinen Freund vor vollendete Tatsachen stellt. Beispielweise, dass er keine weitere Chemotherapie macht. Warum ein paar Monate länger leben, wenn der Krebs doch unheilbar ist. Er mutet sich zu. Das kann er aber nur, weil sein Freund hin und wieder zwar seine Meinung sagt, aber die letzten Wünsche seines Freundes akzeptiert. Echte Freundschaft.

Klare emotionale Entscheidungen

Vielleicht hinkt der Vergleich – immerhin trifft der kranke Mann seine Entscheidungen bei klarem Verstand. Aber meine Patentante trifft klare emotionale Entscheidungen. Warum nicht in der Wohnung weiterleben, wenn das Leben dort zwar riskanter, aber offensichtlich auch besser ist? Diese Entscheidungen müssen die Kinder dann aushalten. Das ist ein großer Liebesdienst. Denn aus Sicht einer lebensbewahrenden Gesellschaft kann viel schief gehen.


Jens Gieseler ist Kommunikationsberater, Journalist und Heilpraktiker für Psychotherapie. In den letzten beiden Lebensjahren war sein Vater pflegebedürftig. Deshalb hat er sich mit der Pflegebürokratie herumschlagen müssen und viel Sensibilität für das Altern und Sterben entwickelt. Erkenntnis: Beziehungen werden immer wichtiger.

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