Uli & die Demenz: Leere Regale und Honig im Kopf

0
262

Mit Erinnerungen die Gegenwart dementer Menschen gestalten

Honig im Kopf: Til Schweigers Tragikomödie über Demenz war 2014 der erfolgreichste Kinofilm in Deutschland. (Bild: Warner Brothers)

Er stellt Milchflaschen ins Bücherregal. Nachts pinkelt er in den Kühlschrank. Und eines Tages erkennt er seine Enkelin nicht mehr. Dieter Hallervorden spielt den dementen Opa Amandus Rosenbusch in Honig im Kopf. Aber wie geht man eigentlich mit dementen Menschen um, wenn man im richtigen Leben mit ihnen zu tun hat?

Im Film erklärt der Kinderarzt Enkelin Tilda (Emma Schweiger) anschaulich, was es mit der Demenz ihres Opas auf sich hat:

Das Gehirn ist wie ein Bücherregal. Mal fällt dieses, mal jenes Buch um. Je nach Tagesverfassung stellt sich auch mal wieder ein Buch auf. Aber: Schreitet Alzheimer fort, fallen immer mehr Bücher aus dem Regal.

 

Honig im Kopf

Der demente Amandus Rosenbach (Dieter Hallervorden) reist mit Enkelin Tilda (Emma Schweiger) nach Venedig. (Bild: Warner Brothers)

Enkelin Tilda erklärt es im Film Honig im Kopf so: „Menschen mit Alzheimer putzen dreimal hintereinander die Zähne. Weil sie sich nicht mehr erinnern können, dass sie es eben schon gemacht haben. Aber sie wissen noch, dass sie vor 25 Jahren Zahnseide benutzt haben.“ Daten aus der Vergangenheit und Erinnerungen an die Kindheit sind dementen Menschen noch lange präsent. Aber sie wissen nicht mehr, was gerade vorhin passiert ist.

Die Vergangenheit nutzen

Erzählt Menschen mit Demenz deshalb von früher: Erlebnisse aus ihrem eigenen Alltag. Die Geschichten, die sie früher immer selber erzählt haben. Sogar bei einer fortgeschrittenen Demenz können Erinnerungen an den eigenen Lebenslauf noch ein Lächeln auf ihr Gesicht zaubern. Auf diese Art kann man demente Menschen erreichen: Gibt es Erinnerungen, die mit Emotionen verbunden sind?
Amandus Rosenbusch gibt zum Beispiel im Film eine Vermisstenanzeige nach seiner verstorbenen Mutter bei der Polizei auf. Die Mutter weckte sicher gewaltige Gefühle bei ihm. Amandus könnte man abholen, indem man auf seine Mutter zu sprechen kommt: Wie war sie? Was hat sie gemacht? Was hat sie dem Sohn weiter gegeben?

Erinnerungen bauen Brücken

Einer alten Frau mit Demenz erzähle ich immer wieder eine Episode aus ihrem eigenen Leben. Ich erzähle ihr die Geschichte häufig so, wie wenn es sich um eine ganz andere, dritte andere Person handeln würde:

„Luise hatte einen Streit mit ihrem Nachbarn. Sie waren anderer Meinung. Luise hat…“

Während ich die Geschichte erzähle, werden die Augen der alten Dame immer größer. Ich bin überzeugt: Sie weiß, dass sie selber diese „Luise“ ist. Die Geschichte schließe ich dann meist so oder ähnlich:

„Inzwischen ist Luise eine alte Frau. Und es ist gut, dass sie diesen Ärger nicht ewig mit sich herum schleppen muss. Luise darf ihrem Nachbarn vergeben. Und die Sache loslassen.“

Manchmal bete ich dann noch mit ihr und habe den Eindruck, dass sie sich nun langsam mit ihrer eigenen Biographie versöhnt.

Liebe, Verständnis und sinnvolle Aufgaben

Der Kinderarzt im Film Honig im Kopf hat Tilda übrigens ebenfalls erklärt, wie sie mit ihrem dementen Opa umgehen kann: „Er braucht Liebe und Verständnis. Das Gefühl, dass du ihn verstehst. Du musst ihm Aufgaben geben, damit er sich gebraucht fühlt.“

 


Pflegebibel-Kolumnist Uli Zeller (Foto: Uli Zeller)

Über Uli Zeller
Uli Zeller schreibt die Pflegebibel-Kolumne Uli & Die Demenz. Der Buchautor, Theologe und Krankenpfleger ist Experte im Umgang mit dementen Menschen. Sein aktuelles Buch Frau Janzen geht tanzen steckt voller humorvoller Vorlesegeschichten über Geburtstage, Jahreszeiten, Tiere, Sprichwörter und vieles mehr. Menschen mit Demenz erinnern sich dabei an vieles, das ihnen vertraut ist.
Bei uns schreibt der Autor über seinen Pflegealltag und gibt nützliche Tipps für Pflegekräfte und pflegende Angehörige. Wenn Sie Fragen, Anregungen oder Themenvorschläge haben, erreichen Sie Uli Zeller über info@die-pflegebibel.de oder die Kommentarfunktion.

TEILEN
Uli Zeller (Jahrgang 1976) arbeitete mehrere Jahre als Krankenpfleger im Bereich der ambulanten und stationären Altenhilfe. Sein Theologiestudium schloss er mit einer Masterarbeit zum Thema "Demenz und Seelsorge" ab. Seit 2008 ist er als Betreuer und Seelsorger in einem Altenheim in Singen tätig. Menschen mit Demenz lieben seine humorvollen Geschichten, Andachten, Rätsel und Gedichte.

HINTERLASSEN SIE EINE ANTWORT

Please enter your comment!
Please enter your name here