Jungs in die Pflege

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Altenpfleger ist vor Augenoptiker der beliebteste Beruf beim Boys’Day

Der Boys’ Day ist eine Aktion des Netwerkes Neue Wege für Jungs. Schüler können in Berufe reinschnuppern, in denen Männer unterrepräsentiert sind. (Illustration: Boys’ Day)

Am 28. April ist Boys’ Day! Heute schnuppern Schüler der fünften bis zehnten Klasse einen Tag lang ins Berufsleben: 6000 Einrichtungen und Organisationen öffnen ihre Türen, allesamt aus Berufssparten, in denen das starke Geschlecht schwach vertreten ist.

Nicht alle Männer sind Heimwerkerkönige oder Autonarren. Und nicht jeder Junge träumt davon Ingenieur oder Kfz-Mechatroniker zu werden. Im Gegenteil: Die Interessen der Heranwachsenden sind ebenso vielfältig, wie die ihrer Klassenkameradinnen. Deshalb startete das bundesweite Netzwerk Neue Wege für Jungs 2011 den Boys‘ Day. Vom Altenpfleger über Konditor bis hin zum Veterinärmediziner können Schüler einmal im Jahr Berufe ausprobieren, in denen Männer in der Unterzahl sind. An der vom Familien-Bundesministerium geförderten Aktion nahmen in den vergangenen fünf Jahren mehr als 164.000 Jungs teil. Die beliebtesten Berufe sind Altenpfleger, Augenoptiker und Kinderbetreuer. Auf dem Boys’ Day-Radar finden Interessierte Angebote in ihrer Nähe.

Workshops für bessere Sozialkompetenz

Anders als beim Girls‘ Day organisiert Neue Wege für Jungs nicht nur Berufserkundungen: In Workshop-Angeboten steigern Jungengruppen ihre Sozialkompetenz, setzen sich mit Männlichkeitsbildern auseinander oder lernen vorausschauende Haushaltsführung.

Die Wohngemeinschaft für Senioren unterstützt den Boys’ Day

Gerade im sozialen, erzieherischen oder pflegerischen Bereich suchen Unternehmen Nachwuchs. „Wir haben gute Erfahrungen mit dem Boys‘ Day gemacht“, erzählt Rosemarie Amos-Ziegler, „viele der Jungs entscheiden sich später, ein Betriebspraktikum oder ein Freiwilliges Soziales Jahr in unseren Einrichtungen zu absolvieren“. Die Inhaberin der Wohngemeinschaft für Senioren in Filderstadt hat sich auch dieses Jahr wieder etwas Besonderes für die 18 Jungen ausgedacht, die sich für den Pflege-Schnupperkurs im Haus „Casa Medici“ angemeldet haben.

Altersgebrechen nachempfinden

Per „Alterssimulationsanzug“ lernen die Jungspunde, wie es sich anfühlt, alt zu sein. Dicke Brillengläser, Ohrenschützer und Handschuhen mit Gewicht schränken Sinne und Motorik ein. So ausgestattet, müssen sie Hemden mit kleinen Knöpfen anziehen oder Treppen hochkraxeln. Dann geht’s ans Eingemachte: Abwechselnd üben die Jungs, Bettlägerige richtig zu lagern und rückenschonend umzubetten. Um ein Gefühl für die Situation zu bekommen, schlüpfen die Teilnehmer abwechselnd in die Rolle von Bewohner und Pflegekraft. Für Spaß sorgen dabei Lifter: Sich gegenseitig aus dem Bett in den Rollstuhl zu heben, bereitet offensichtlich Vergnügen.

Tagespflege im Seniorenwohnen St. Elisabeth

Im Seniorenwohnen St. Elisabeth in Schweinfurt dürfen sich Jungs hingegen in der Tagespflege nützlich machen. Sie unterstützen das Personal vor allem in der Hauswirtschaft und helfen in der Betreuung aus. Silke Pfister, Pflegedienstleiterin in St. Elisabeth erklärt, warum Altenpfleger ein attraktiver Beruf ist: „Dieser Job ist extrem vielfältig. Es ist immer wieder aufs Neue spannend, mit Menschen zusammen zu arbeiten, die so viel Lebenserfahrung haben.“

Christians Kommentar zum Boys’ Day:

Christian Cuypers (Foto: privat)

Dass Jungen pflegen und Mädchen schrauben, sollte heute selbstverständlich sein. Trotzdem sind Männer immer noch Exoten in der Pflege. Laut aktueller Pflegestatistik sind 85 Prozent aller Pflegekräfte weiblich. Das hängt mit traditionellen Rollenbildern zusammen, die in unserer Gesellschaft bis heute vorherrschen. Im „zwischenmännlichen Verhältnis“ gilt derjenige, der einfühlsam und fürsorglich ist, immer noch als schwach und unmännlich.
Viel zu häufig vermeiden Männer darum Offenheit und echte Nähe. Aus Angst vor Ablehnung ignorieren wir unsere Gefühle und Bedürfnisse. Und ignorieren vielleicht sogar unsere Berufung: weil Friseur, Ergotherapeut oder Altenpfleger nicht zum männlichen Ideal vom emotionslosen Muskelprotz passt.
Ehrlich und wahrhaftig zu sein, bedeutet immer, sich angreifbar zu machen. Als Gesellschaft sollten wir den Jungs und Mädels, die ihren eigenen Weg gehen wollen, Deckung bieten. Und wenn der Boys‘ Day nur einem Jungen dabei hilft, seinen eigenen Weg zu finden, dann hat sich die Aktion schon gelohnt.

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