Uli & die Demenz: Vier Tipps für mehr Abstand

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Wie Angehörige dem Hamsterrad entkommen

Wer das Beste für seinen Schützling will, muss auch an sich denken. Pflegende Angehörige sollten deshalb öfter mal eine Auszeit nehmen. (Foto: Fotolia)

„Du dumme Gans!“ Wieder beschimpft Rudi seine Frau Hanna. Dabei hat sie ihm heute Morgen beim Waschen geholfen. Sie kocht und gibt ihm Essen. Und – sie hält die Launen ihres dementen Partners aus. Hanna hat die Nase gestrichen voll. Doch was tun? Uli Zeller hat vier Tipps zusammengestellt, die Ihnen helfen, im Pflegealltag die Nerven zu behalten.

Einen „gesunden Egoismus“ entwickeln

Viele Angehörige dementer Menschen drehen sich nur um ihren Angehörigen. Sitzen sie zehn Minuten allein in einem Café, bekommen sie ein schlechtes Gewissen. Bloß: Langfristig können Sie auf diese Art leicht ausbrennen. Und der demente Angehörige bekommt dann ihre schlechte Laune zu spüren. Auftanken im Alltag will gelernt sein. Deshalb: Hier vier Impulse, wie Sie aus diesem Hamsterrad aussteigen und Abstand bekommen. Sie haben schon gewonnen, wenn Sie nur einen Tipp davon umsetzen.

Erster Tipp: Einem Hobby nachgehen

Gibt es etwas, bei dem Sie alles andere vergessen? Eine Leidenschaft, die Ihnen Kraft gibt? Egal, ob Briefmarken sammeln, Tomaten züchten oder eine Runde schwimmen gehen. Tun Sie etwas, das Ihnen Kraft gibt und auf das Sie sich den ganzen Tag freuen können. So gewinnen Sie Abstand und bekommen den Kopf frei. Ihr dementer Angehöriger wird das merken und davon profitieren.

Zweiter Tipp: Nehmen Sie Hilfe in Anspruch

Allein geht jeder ein. Es gibt Menschen, die sich beruflich oder privat Zeit nehmen, um Angehörige von dementen Menschen zu entlasten. Das Bundesministerium für Gesundheit hat dafür eine Adressdatenbank eingerichtet. Dort finden Sie Profis, die Ihnen individuelle Tipps geben. Auf Wunsch kommen manche sogar in Ihre Wohnung und schauen sich die Situation vor Ort an. Manche Angebote sind kostenlos, andere werden von der Pflegekasse finanziert.

Dritter Tipp: Beziehen Sie Angehörige und Freunde mit ein

Familie Schulze ist ein gutes Beispiel. Frau Schulze rannte oft unruhig in ihrer Wohnung umher. Manchmal verließ sie das Haus. Gelegentlich stürzte sie. Ihr Ehemann organisierte Hilfe. Montags kam eine Nachbarin für zwei Stunden zu seiner Ehefrau. Dienstags verbrachte er mit seiner Frau den Tag bei ihrer Tochter. Mittwochs und Donnerstags wurde Frau Schulze in die Tagespflege abgeholt. Am Freitag kümmerte sich morgens ihr Bruder um sie. Und am Samstag kam der Sohn zu Besuch. So hatte ihr Ehemann fast jeden Tag eine Entlastung. Und damit Zeit Abstand zu gewinnen. Zeit, etwas für sich zu tun. Eines Tages setzten sich sogar die Angehörigen zusammen und haben eine Art Vertrag aufgesetzt und gemeinsam unterschrieben: „Keiner von uns wird den anderen dafür verantwortlich machen, wenn Mutter etwas passiert, während ich für sie zuständig bin.“

Vierter Tipp: Lösen Sie sich von alten Festlegungen

Häufig haben Angehörige innere Schwüre abgelegt. Da hat die Tochter der Mutter versprochen: „Du musst nie in ein Altenheim.“ Oder die Frau hat zu ihrem Mann gesagt: „Wenn du einmal alt und krank bist, werde ich dich pflegen.“ Solche Versprechen versklaven im Alter über viele Jahre hinweg. Am besten ist es, so etwas gar nicht erst festzulegen. Denn keiner weiß, was im Alter passiert. Wer doch so ein Versprechen gemacht hat, tut gut daran, sich davon zu lösen – und zumindest einmal den Gedanken zuzulassen, Verantwortung an einen ambulanten Pflegedienst oder ein Altenheim abzugeben.

Über Uli Zeller
Uli Zeller schreibt die Pflegebibel-Kolumne Uli & Die Demenz. Der Buchautor, Theologe und Krankenpfleger ist Experte im Umgang mit dementen Menschen. Sein aktuelles Buch Frau Janzen geht tanzen steckt voller humorvoller Vorlesegeschichten über Geburtstage, Jahreszeiten, Tiere, Sprichwörter und vieles mehr. Menschen mit Demenz erinnern sich dabei an vieles, das ihnen vertraut ist.Bei uns schreibt der Autor über seinen Pflegealltag und gibt nützliche Tipps für Pflegekräfte und pflegende Angehörige. Wenn Sie Fragen, Anregungen oder Themenvorschläge haben, erreichen Sie Uli Zeller über info@die-pflegebibel.de oder die Kommentarfunktion.

3 KOMMENTARE

  1. Vielen Dank für den tollen Artikel!
    Es stimmt wirklich. Man muss einen gesundes Egoismus bekommen, denn ansonsten macht man sich nur selbst fertig. Ich habe vier Jahre meinen Vater gepflegt. Da ich aber auch berufstätig bin geht ging es dann einfach nicht mehr. Ich habe mir meiner Frau gemeinsam ein Seniorenheim gesucht, damit uns die Pflege abgenommen wird und er auch unter Leute ist. Wir haben uns dann vor einem halben Jahr für das eine Seniorenresidenz von Augustinum https://www.augustinum.de/ entschieden. Dort wird er sehr gut betreut und wir müssen uns nicht mehr so den Kopf zerbrechen. Das ist auch für unsere Familie eine echte Entlastung, denn vorher hat auch das Familienleben etwas darunter gelitten.

    Gruß Josef

  2. Danke für die positive Rückmeldung. Ich wünsche Ihnen, dass Sie mit dieser positiven Grundhaltung Ihrem Vater in der Seniorenresidenz begegnen können. Und gemeinsam eine entspannte Beziehung erleben können. Trotz Demenz und Pflegebedürftigkeit.

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