Barrierearm Wohnen

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Demographie verlangt Umdenken bei Bauplanern

Ein Treppenlift kann das Leben in den eigenen vier Wänden bereits erleichtern. (Foto: Fotolia)

Gelungene Projekte zeigen, dass barrierearm zu Wohnen immer noch ein Kraftakt für alle Beteiligten ist. Elektronische Hilfen kommen im Alltag schnell an ihre Grenzen. Smarte Haustechnik und bauliche Maßnahmen machen Wohnen für Rollstuhlfahrer, Ältere und Behinderte leichter. 

Barrieren gelten nicht nur für Rentner und Behinderte

Nicht nur der klassische Rollstuhlfahrer oder die demenzerkrankte Seniorin, auch der Manager mit Hörsturz oder die Mutter mit Kinderwagen sind in ihrer Bewegungsfreiheit eingeschränkt. Baubranche und Städteplaner reagieren vor dem Hintergrund des demographischen Wandels zunehmend. Die Folge: Entsprechende Kompetenzen sind gefragt und Weiterbildungen in diesem Bereich boomen. Im konkreten Fall handelt es sich um eine Weiterbildung zum Sachverständigen für barrierefreies Bauen, die in vier Blöcken zwölf Seminartage umfasst und 4950 Euro kostet. Die Konstanzer Hochschule für Technik, Wirtschaft und Gestaltung (HTWG) sichert Seriosität und Wissenschaftlichkeit dieser Fortbildungen.

Sachverständiger für barrierefreies Bauen

2016 startet der zwölfte Kurs, den bislang gut 100 Teilnehmer absolviert haben. Dozenten kommen aus allen Fachrichtungen, um die verschiedenen Themenschwerpunkte abzudecken: Vom Arzt, der über Krankheitsbilder und Hilfsmittel informiert, über den Bauingenieur oder Brandschutzbeauftragten bis zum Denkmalschützer oder dem Akustiker. Die Ausbildung endet mit einer vierstündigen schriftlichen Prüfung und einer Praxisarbeit aus dem eigenen Berufsalltag. Hier entstanden etwa ein Garten oder ein Sportheim – natürlich barrierearm. Diese Abschlussarbeit muss mündlich präsentiert werden.

barrierereduziert, barrierearm, barrierefrei

Bestanden hat jüngst Gregor Vogelmann. Er ist Vize-Geschäftsführer des Instituts für Qualitätskennzeichnung von sozialen Dienstleistungen (IQD). Er zertifiziert jährlich bundesweit rund 150 Einrichtungen der stationären Altenhilfe, wobei die Bewegungsfreiheit der Bewohner ein wichtiges Kriterium ist. „Als Sachverständiger für barrierefreies Planen und Bauen kann ich nun soziale Träger qualifiziert beraten oder die Pläne von Bauträgern auditieren, die damit in der Vermarktung werben können“, begründet der frühere Einrichtungsleiter und Pflegesachverständige. Ihm scheint es seriöser, von barriere-reduziert statt -frei zu sprechen, weil Letzteres kaum erreichbar sei und deshalb Angriffsfläche für Schadensersatzklagen bietet. Zudem bedeute der Begriff Barriere je nach Nutzer immer etwas anderes: „Ein Sehbehinderter braucht einen stark kontrastierten Lichtschalter an der Wand oder haptische Akzente, während der Hörgeschädigte Lichteffekte bedarf, wenn es klingelt. Für den in der Mobilität Eingeschränkten ist beides nicht relevant.“

Qualitätssiegel Barrierearmes Wohnen

Bundesministerin Barbara Hendricks weiß, dass Ältere und Behinderte oftmals vom gesellschaftlichen Leben ausgeschlossen sind (Foto: Hendricks).

Mit dem Qualitätssiegel Barrierearmes Wohnen bringt das Institut für Qualitätskennzeichnung von sozialen Dienstleistungen (IQD) Transparenz in den Immobilienmarkt. Rund 200 Prüfkriterien umfasst das entsprechende Handbuch. Ab einem 75-prozentigen Erfüllungsgrad werden drei bis maximal fünf Sterne an Senioreneinrichtungen, Behindertenwerkstätten oder öffentliche Gebäude vergeben.

Menschen mit Handicap immernoch benachteiligt

„Es ist leider eine Tatsache: Immer noch sind Menschen mit Behinderungen von Teilen unseres Lebens und erst recht des öffentlichen Lebens ausgeschlossen. Wir wollen erreichen, dass Menschen mit und ohne Behinderung selbstbestimmt leben können, zuhause, im Beruf, in allen Bereichen des gesellschaftlichen Lebens!“, sagt Dr. Barbara Hendricks, Bau-Bundesministerin. Sollen Behinderte ein selbstbestimmtes Leben führen, brauchen wir entsprechend gestaltete Gebäude. „Mir ist es wichtig, dass der Bund beispielhaft vorangeht. Der Bund hat sich als Bauherr verpflichtet, durchgehend barrierefrei zu bauen.“ Barrierefrei zu bauen heiße, für alle zu bauen, auch für Menschen mit motorischen, visuellen und auditiven sowie kognitiven Einschränkungen. Barrierefreie Gebäude müssen nach Meinung der Bundesministerin leicht auffindbar, gut zugänglich und vor allem einfach nutzbar sein. Nach Angaben des Statistischen Bundesamtes leben in Deutschland über sieben Millionen Menschen mit einer schweren Behinderung, das entspricht einem Anteil von etwa 8,9 Prozent der gesamten Bevölkerung. Ein Großteil dieser Menschen ist älter als 55 Jahre, fast ein Drittel sogar älter als 75 Jahre.

Sichere Wohnungen mit smarter Haustechnik

Das Fraunhofer Institut IAO in Stuttgart. Eines der ersten barrierefreien Smarten Gewerbebauten. (Foto: ZVO)

Dem lauten Ruf nach sicheren Wohnumgebungen für Senioren und Behinderte, sei es in Privatwohnungen oder Heimen, kommt das Elektrohandwerk mit smarter Haustechnik nach. Mit den entsprechenden Verkabelungen können moderne Hausbesitzer die heimische Heizung vom Büro aus steuern, einen Einbrecher vom Urlaub aus per IP-Kamera auf frischer Tat ertappen. Oder übers Tablet von überall die Alarmanlage und die Lautsprecher im Schlafzimmer regeln. Das alles und noch viel mehr ist in modern ausgestatteten und intelligent vernetzten Gebäuden inzwischen möglich.

Die Nachfrage nach Smart Homes steigt.

Dabei sind nicht nur nette Gadgets gefragt, sondern in letzter Zeit vor allem moderne Sicherheitstechnik. Das hängt mit den immer häufiger werdenden Wohnungseinbrüchen und mit der demografischen Entwicklung zusammen. Gefragt ist also nicht nur barrierearm. Hier wollen sich Mieter und Eigentümer gleichermaßen mit Alarmsystemen und Kameraüberwachung schützen. Oder Haushaltsunfälle, Stürze von Senioren sowie die Arbeit der häuslichen Pflegekräfte überwachen.

Helfen Smart Homes Senioren und Pflegebedürftigen?

Smart Homes wie dieses Wohnhaus bieten Chancen für Pflegebedürftige und Behinderte. Die Bedienung darf aber nicht zu komplex sein. (Foto: privat)

An zweiter Stelle stehen intelligente Systeme, die helfen, Energie und damit Kosten zu sparen. „Das sind oft kleinere Lösungen, die sich auch für den Mieter lohnen und ohne großen Aufwand nachgerüstet werden können“, erläutert Steffen Häusler, technischer Berater beim Fachverband Elektro- und Informationstechnik Baden-Württemberg.

Beratung zum Smart Home beim Elektro-Fachbetrieb

Programmierbare Thermostate, elektrische Jalousien und mit dem Smartphone steuerbare Beleuchtung sind schon die ersten Vorstufen zum intelligent vernetzten Heim, barrierearm realisiert. „Die meisten Elektro-Fachbetriebe können diese Grundfunktionen realisieren, zumal in den heutigen Elektroniker-Berufsausbildungen schon Themen aus der Gebäudetechnik und der Informationstechnik vermittelt werden“, weiß der Ingenieur der Elektrotechnik. Einen großen Vorteil der smarten Technik sehen Experten auch beim Thema Transparenz. Die digitalen Helferlein erfassen Gebäudedaten wie Temperatur, Sonneneinstrahlung, Regen und Wind, ob Fenster offen oder geschlossen sind und wenn man’s mag auch den Füllstand des Kühlschranks. So können Bewohner schnell einen Überblick bekommen und selbst entscheiden, ob die Jalousie automatisch herunterfahren soll oder ob man selbst verdunkelt, damit sich der Raum nicht so sehr aufheizt. Oder ob die Fenster nicht lieber geschlossen sein sollen, während die Heizung bollert.

Nutzer nicht durch Komplexität überfordern

„Wirklich umfangreiche smarte Lösungen kann man am einfachsten im Neubau realisieren. Zugangskontrollen mit Fingerabdruck, Innensprechstellen und vollautomatisierte Prozesse können bereits zu Beginn mit eingeplant werden“, sagt Häusler. Wer möchte, dass das Haus merkt, ob Personen anwesend sind oder das Gebäude in einen sicheren Zustand „herunterfährt“, braucht fachmännische Beratung. „Wichtig ist beim Smart Home nämlich, die Nutzer nicht durch Komplexität zu überfordern“, sagt der 40-Jährige. Denn nicht alles was möglich ist, ist auch wirklich nützlich. Und je älter die Bewohner werden, desto intuitiver und einfacher sollte ein System zu steuern sein. Sonst ist das Wohnen schnell nicht mehr barrierearm, weil die Technik eine weitere Hürde bildet.

Gelungenes Beispiel, wie Menschen barrierearm Wohnen

Von smarter Gebäudetechnik halten die Macher des Aegidienhof Lübeck nicht viel. Hier sind es vor allem bauliche Maßnahmen und der Einbau von Aufzügen, die das Gelände barrierefrei machen. Das Quartier ist das größte soziale Wohnprojekt in Schleswig-Holstein. Hier werden Jung und Alt, Menschen ohne und mit Behinderungen, Alleinstehende und Familien, Wohnen und Arbeiten zusammengeführt. Insgesamt umfasst das Gelände 63 Einheiten in zwölf Häusern. 13 Einheiten werden gewerblich genutzt und 50 bieten Wohnungen mit 24 bis 160 Quadratmetern. Darunter Wohnungen für Singles und Familien mit Kindern, für betreutes Wohnen oder für Menschen mit Behinderungen, Atelierflächen, Praxen, Büros, eine Gastronomie, Werkstätten und ein Gemeinschaftsraum. Darüber hinaus gibt es gemeinschaftlich zu nutzende Fahrradkeller, Wasch- und Trockenräume, eine Werkstatt und eine Sauna – in Teilen barrierearm.

Gemeinschaft und Privatsphäre für Senioren und Behinderte

Das zweite und dritte Obergeschoss ist von etwa 80 Personen zwischen Null und 86 Jahren bewohnt. Wohnungen für jüngere Leute sind über Treppen zu erreichen. Ältere oder Menschen mit Behinderungen können mit Hilfe von Fahrstühlen in ihre eigenen vier Wände gelangen. Ein Bewohner mit Gehbehinderung gelangt von seiner Wohnung im zweiten Stock mit Rollstuhl oder Krücken ohne jede Barriere über den Hof direkt ins Kultur- und Stadtteilcafé des Aegidienhofes. Im Erdgeschoss und ersten Obergeschoss wird gelebt und gearbeitet. Die Gemeinschaft bietet 35 Arbeitsplätze. Der Aegidienhof ist Energie- und Ressourcensparend gebaut. Der Innenhof ist entsiegelt, begrünt und bleibt autofrei.

Vor allem privat finanziert

Ende 1999 fand sich die Baugemeinschaft zusammen, ohne Einschaltung eines Großinvestors. Ziel war es, ein kostbares Stück Lübecker Altstadt zu erhalten und barrierearm wieder zum Leben zu erwecken. Die Gebäude wurden aufgekauft und behutsam saniert. Vor allem wird die Investition von etwa zwölf Millionen Euro durch private Einzelfinanzierungen getragen (ca. 80%). Dazu kommen öffentliche und private Zuschüsse zu etwa zehn Prozent und eine private Gemeinschaftsfinanzierung zu ebenfalls 10 Prozent. Die Quadratmeterkosten liegen zwischen 1.000 und 3.000 Euro, die Baukosten schwanken zwischen 800 und 2.300 Euro pro Quadratmeter.

soziales Bauen und soziales Miteinander

Ein Gemeinschaftsraum des Aegidienhof e.V. steht für kulturelle Aktivitäten wie Vorträge, Konzerte, Lesungen, Ausstellungen etc. zur Verfügung. Auch die soziale Stadtteilarbeit, Beratungen, Kurse, Seminare, Treffen etc. finden im Aegidienhof e.V. ein Forum. In weiteren Räumen des Vereins bewirtet ein Cafè täglich mit besonderem Service Gäste und Anwohner des Viertels. Alle Häuser umschließen einen gemeinsamen großen Innenhof, der die einzelnen Häuser verbindet und für viele eine Erweiterung des persönlichen Wohnzimmers darstellt.

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Leila Haidar
Leila Haidar ist freie Wirtschaftsjournalistin aus Stuttgart. Sie ist für verschiedene überregionale Tageszeitungen tätig, schreibt für Fachmagazine und beschäftigt sich mit den verschiedensten Themen, darunter Personal, Industrie und Logistik.

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