Uli & die Demenz: „Jetzt mal locker, Omilein!“

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Angemessene Kommunikation zwischen Pflegekräften und Heimbewohnern

Trotz Nähe zum Bewohner, professionelle Distanz bewahren (Bild: Fotolia)

„Hallo Oma“, ruft Schwester Barbara der alten Dame zu. Sätze wie diese hören Heimbewohner immer wieder mal. Warum das formale “Sie” aber doch angebrachter wäre.

Gesunde Distanz

Richtig sprechen mit dementen Menschen“ beinhaltet eine gesunde Distanz. Häufig gibt es im Altenheim die sinnvolle Vorschrift, dass das Personal die Bewohner grundsätzlich siezt und mit Nachnamen anspricht. Wie zwei erwachsene Menschen sonst auch miteinander sprechen.

Ausnahmen von der Regel

Ausnahmen von dieser Regel kann es geben – sie müssen aber klar definiert werden. Zum Beispiel, wenn eine Pflegekraft einen Bewohner persönlich von früher kennt – oder wenn ein Bewohner einer Pflegekraft das „du“ anbietet. Diese Ausnahme gilt dann aber ausschließlich für diese Person. Die Ausnahme bedeutet nicht, dass alle Pflegekräfte einer Einrichtung plötzlich alle Bewohner des Heims per du ansprechen.

Gefahr: Entwürdigung

Pflegekräfte kommen den Heimbewohnern sehr nahe. Bis in die Intimsphäre. Wer seine Schützlinge ungefragt mit „du“ anspricht oder Kosenamen verwendet („Schätzle“, „mein Süßer“, „Omilein“), verhält sich nicht nur unhöflich – sondern entwürdigend. In unserem Kulturkreis ist es selten der Fall, dass im Beruf Kollegen oder Kunden mit Kosenamen oder “per du” angesprochen werden. Besonders, wenn sie eine oder zwei Generationen älter sind. Hinter der Anrede kann ja noch mehr stecken. Vielleicht entlarvt sie sogar, dass jemand sein Gegenüber nicht als erwachsenen Menschen ernst nimmt.

Gefahr: Kosenamen

In der Kindererziehung gilt: Die ganze „Erziehung“ nützt nichts – die Kleinen machen doch alles nach. Ähnliches beobachte ich in manchen Altenheimen: Das vereinzelte „Du“ zu den Bewohnern  breitet sich aus. Jeder Auszubildende, Schüler oder Praktikant übernimmt dies und spricht die Heimbewohner „per du“ an. Der alte Mensch wird dann wie ein Baby behandelt: „Guck mal, Frau Moll, ein paar kuschelige Söckchen sind das. Die ziehen wir jetzt an.“

Die Gefahr besteht, Bewohner verbal zu entwürdigen und in die Rolle des Kindes zu stecken.  Ich kenne das Argument, dass demente Menschen besser auf Vornamen und die Du-Form reagieren als auf das formale Sie. Und es stimmt sogar. Aber: Das wiegt meines Erachtens die Nachteile niemals auf, die durch einen inflationären Gebrauch des vertraulichen „Du“ entstehen.

 

Über Uli Zeller
Uli Zeller schreibt die Pflegebibel-Kolumne Uli & Die Demenz. Der Buchautor, Theologe und Krankenpfleger ist Experte im Umgang mit dementen Menschen. Sein aktuelles Buch Frau Janzen geht tanzen steckt voller humorvoller Vorlesegeschichten über Geburtstage, Jahreszeiten, Tiere, Sprichwörter und vieles mehr. Menschen mit Demenz erinnern sich dabei an vieles, das ihnen vertraut ist. Bei uns schreibt der Autor über seinen Pflegealltag und gibt nützliche Tipps für Pflegekräfte und pflegende Angehörige. Wenn Sie Fragen, Anregungen oder Themenvorschläge haben, erreichen Sie Uli Zeller über info@die-pflegebibel.de oder die Kommentarfunktion.

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