Mensch für die Seelsorge

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Dem Diakon Josef Pollakowski waren die Bibel und das intensive Gespräch mit Gott während seiner Jahre in der Seelsorge immer eine Stütze. (Foto: Fotolia)

Auf der Palliativstation, in der Onkologie und bei Intensivpatienten verrichtete Josef Pollakowski in der  Seelsorge sein Tagewerk: mit Schwerkranken beten, in den letzten Stunden den Sterbesegen spenden, und bei all dem versuchen, nicht selbst unterzugehen. Immer dabei: ein unsichtbarer Rucksack voller Glücksmomente.

Seelsorge lernt von den Menschen, denen sie hilft

Als „Professoren und Lebemeister“ betrachtet Josef Pollakowski viele Kranke und Sterbende, die er als Seelsorger in ihrem Leid und in den letzten Stunden des irdischen Lebensweges begleitete. Er habe mehr von ihnen gelernt, als sie von ihm. „Ich habe gesehen, wie man trotz Widerwärtigem eine würdevolle Haltung behalten kann. Ich bin mir nicht sicher, ob ich das auch einmal schaffe.“

Mensch für die Seelsorge: Josef Pollakowski (Foto: privat)

Pollakowski stammt aus einer katholischen Familie. Trotzdem findet er seine Profession als Seelsorger erst mit 31 Jahren. Da ist er schon Familienvater. Bevor er den Beruf eines Seelsorgers antritt, absolviert er ein Studium der Religionspädagogik. Davor hatte er bereits in BWL abgeschlossen und war in der freien Wirtschaft tätig. Schließlich weiht der Bischof den gebürtigen Ostpreußen zum Diakon. Er bekommt einen Dienstauftrag in der Pfarrgemeinde Bisingen/Hohenzollern mit den Kliniken Hechingen und Balingen, später wirkt er in der Kurseelsorge in den Rehakliniken in Bad Urach. Um seine Ausbildung zu komplettieren, nimmt Pollakowski an einer Zusatzausbildung zum Krankenhausseelsorger teil. Seine letzte Station, die er 2006 antritt, sind das Diakonie-Klinikum Stuttgart und die Charlottenklinik für Augenheilkunde. Im Frühjahr 2016 geht der heute 65-Jährige in den Ruhesstand.

Diakon auf dem zweiten Bildungsweg

In über 30 Jahren Zuhören und Trösten, hat Pollakowski die verschiedensten Menschen begleitet: Frauen mit Brustkrebs, Männer mit Prostataleiden, unheilbar Kranke und Sterbende. „Es ist eine große Aufgabe im heutigen Klinikalltag die menschliche Würde des Patienten zu wahren. Im Diakonie-Klinikum waren wir als Seelsorger Teil des normalen Betriebes und immer erwünscht und gerne gesehen“, sagt Pollakowski, der auch während seines Ruhestands weiterhin in der Seelsorge arbeitet. Dass es im Stuttgarter Westen so menschlich zugehe, liege an der Tradition der Diakonissen, die das Krankenhaus einst gründeten. Ihr Geist wird bis heute von den Mitarbeitern im Haus getragen und fortgeführt. Diakonische Brüder und Schwestern, die noch heute im „Diak“ tätig sind, haben sich dem würdevollen Umgang der Patienten verschrieben. Sie tragen als Zeichen ihrer Gemeinschaft eine Brosche an der Brust.

Zuhören, Trösten, Beten – und dabei selbst nicht untergehen

In zehn Jahren Diak suchte er in Sachen Seelsorge so manchen Kranken an seinem Bett auf. „Das große Ziel, jeden Patienten einmal zu besuchen, wurde durch die immer kürzeren Liegezeiten weniger möglich“, erklärt der Stuttgarter. So konzentrierte er sich gemeinsam mit den Kollegen auf die schwereren Fälle und die Längerliegenden. Anfangs sei er nur zu den Katholiken und Orthodoxen und deren Bettnachbarn gegangen. Die Protestanten wurden von den evangelischen Kollegen besucht. Irgendwann stellten die Seelsorger das System um und teilten die Besuche nach Stationen auf: „Wir stellten fest, dass es den Meisten nicht um die Konfession, sondern um die seelsorgerliche Begleitung ging“, blickt er zurück. Als Teil des Ethikkomitees war er bei der Ethikvisite auf der Intensivstation dabei. Hier geht es oft um Therapiebegrenzung, damit schwer kranke Menschen nicht unnötig leiden müssen durch hinausgezögertes Sterben „Hier waren wir als Seelsorger auch als Ethiker zunehmend gefordert,“ betont Pollakowski.

Konfession spielt in der Seelsorge keine Rolle

So viele Sterbende zu sehen, habe Pollakowski auch selber in eine Krise geführt, berichtet er in der Rückschau. Körperliche Stresssymptome wie Drehschwindel und Erschöpfung bis hin zum Herzinfarkt blieben beim Krankenseelsorger nicht aus. „Das was ich sehe, wirft auch immer ein Blick auf mein Dasein auf. Existenzielle Fragen nach eigenem Sterben und Tod drängen sich auf, wie wird es bei mir einmal sein?“, fragt er. Da helfe es nur, Gespräche zu suchen, sich jemandem anzuvertrauen. „Meine Festigkeit habe ich im intensiven Gebet wieder gefunden.“

Eigene Krise überstehen mit Vorbildern aus der Bibel

Festhalten konnte sich der Katholik in seinem Dienst auch an biblischen Vorbildern. Zwei Stationen des Kreuzwegs Christi waren für ihn von besonderer Bedeutung. Zum einen war es Simon von Cyrene, der Jesus half, das Kreuz zu tragen. „So habe ich mich oft auch gesehen: indem ich mir das Leid der Menschen anhöre, mit einem Glaubens- oder auch Beichtgespräch sie begleitete, habe ich ein Stück ihrer Last mitgetragen, damit sie sich eine Weile entlastet fühlen konnten.“ Als zweite biblische Person habe er Veronika als Vorbild gesehen, die Jesus das Schweißtuch reicht. Aus dem Lateinischen Wort „Pallium“ (=Mantel) herstammend, kann es als „Linderung“ oder „Umhüllung“ gedeutet werden. Menschen verrichten überall, wo sie jemandem Linderung verschaffen einen Veronika-Dienst.

Inhalt des Gesagten ist unwichtig. Hauptsache präsent sein.

„Eine gelingende Begegnung ist mehr von der Stimmmelodie, Präsenz, Gestik und Blickkontakt abhängig, als von dem, was gesagt wird“, weiß der Seelsorge-Diakon. Und gerade deswegen habe er gelernt, die kleinen Gesten der Dankbarkeit, das Lächeln und das kleine Glück der Patienten wert zu schätzen. „Um ein energetisches Gleichgewicht herzustellen, habe ich gelernt, den kleinen Dingen den gleichen Wert beizumessen, wie ich meinte, Trost, Ermutigung, Aufmerksamkeit, Gebet oder Segen gegeben zu haben“, erklärt Pollakowski. Erst dann ist ein gleichwertiger Austausch erreicht, auf Augenhöhe. So hat letztlich die Bilanz für ihn und seine Arbeit wieder gestimmt. Man müsse die Goldstückchen eben sehen und erkennen, denn wenn ein Goldstück auch in den Dreck fällt, es bleibe doch ein Goldstück. „Über die Jahre habe ich viele Erfahrungsschätze in meinen unsichtbaren Rucksack gesammelt.“

Auch im Ruhestand im Gespräch bleiben

Ganz lassen kann es der Gutmensch auch im Ruhestand nicht. Ein kleiner Auftrag von wenigen Wochenstunden in der Gemeinde Sankt Fidelis in Stuttgart bringt ihn weiterhin nah an die Menschen heran. Dabei beschränkt sich sein Geschäft nicht auf die Seelsorge. Es soll um alle Themen des Lebens gehen: Trauungen, Taufen, Trauerbegleitung, Beerdigungen, Predigten und Gottesdienste. Je nach Bedarf möchte der 65-Jährige eine „Offene Tür und ein offenes Ohr“ für Gespräche mit Menschen anbieten. Sie dürfen sich von der Seele reden entweder über Sorgenvolles, über Glauben und Zweifel oder auch Gottes Spuren im eigenen Leben wieder neu entdecken und vieles mehr. So eine unvoreingenommene Begegnung wünscht er sich, ob im Sprechzimmer, beim Spazierengehen oder auch zu Hause.

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