Tango mit Tobias: Warum tanzen gegen die Einsamkeit hilft

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Lindauer Pflegebedürftige treffen sich zum Tanzen

Beim Tanzen blühen auch Demenzkranke auf (Foto: Maria-Martha-Stift)

Die 87-jährige Elsa steht in ihrem Zimmer vorm Spiegel. Die Pflegeheimbewohnerin hat sich herausgeputzt. Das blaue Kleid trägt sie nur zu besonderen Anlässen. Heute ist ein solcher Tag. Elsa geht tanzen.

Rollatorenparkplatz vor dem Tanzsaal

Jeden letzten Donnerstag im Monat machen sich 15 bis 20 Pflegebedürftige aus dem Maria-Martha-Stift auf Richtung Tanzschule. Vor der Tür zum großen Saal stehen schon die ersten Rollatoren. Nicht nur Elsas Gruppe ist da. Auch Bewohner anderer Einrichtungen, Angehörige, Freunde oder Senioren, die häuslich gepflegt werden kommen zum Tanznachmittag. Mit einem langsamen Walzer geht’s los. Tobias, ein Tanzlehrer, führt Elsa übers Parkett. Sie strahlt.

Bewegen ist das wichtigste

„Die Tanznachmittage sind den Bewohnern heilig“, erzählt Anke Franke, Heimleiterin des Maria-Martha-Stifts, „auf die richtigen Schritte kommt es überhaupt nicht an.“ Im Fokus stehe vielmehr, das „mal raus kommen und bewegen“, so die 46-Jährige. Aus diesem Grund wird auch kein Kaffee und Kuchen serviert. Nur Wasser, als Pausendrink.

Kuschelrunden gegen die Einsamkeit

„Das Schöne beim Tanzen ist, dass man sich dazu anfassen muss“, erklärt Franke, die mit 60 Mitarbeitern 90 Senioren betreut. Ältere Menschen fühlen sich oft einsam, würden kaum mehr liebevoll berührt oder in den Arm genommen. „Wir haben dafür extra Kuschelrunden eingeführt, bei denen die Tanzpartner sich herzlich drücken dürfen“, so die Einrichtungsleiterin. Zusätzlich fördern Rumba, Foxtrott und Co. die Beweglichkeit und das Gedächtnis. Seien sozusagen ein Anti-Sturz-Training, das Spaß macht.

Konzept ursprünglich aus Köln

Seit vier Jahren finden die zweistündigen Events statt. Die Idee dazu stammt aus Köln. 2011 lernte Franke das Konzept „Wir tanzen wieder“ auf dem Fachkongress der Messe RehaCare kennen. Zum 100-jährigen Jubiläum des Hauses beschloss das Leitungsteam, die Idee auszuprobieren. Dass die Bewohner so begeistert sein würden, hatte Franke nicht erwartet. „Manche Damen gehen extra zum Frisör“, gibt sie ein Beispiel.

Angehörige und Ehrenamtliche helfen mit

Sich gegenseitig Stütze sein (Foto: Maria-Martha-Stift)

Dass die zweistündigen Tanzsessions außerhalb des Heims stattfinden, sei für das Konzept essentiell: „Ausgehen, andere Menschen treffen und neue Kontakte knüpfen – das bildet den Kern der Nachmittage“. 20 Senioren, von denen viele an Rollatoren laufen, quer durch die Stadt zur Tanzschule zu bringen, sei schon eine logistische Herausforderung erzählt die Initiatorin. Allein, dass jeder in der selben Jacke heimgeht, in der er gekommen ist. Angehörige, Tanzlehrer und Ehrenamtliche helfen, dass alle Senioren sicher in den Saal gelangen und beim Tanzen niemand zusammenstößt. Heimleiterin, Pflegedienstleitung und eingeteilte Mitarbeiter sind ebenso mit von der Partie.

Freier atmen, leichter bewegen, fröhlich lächeln

Ein Effekt ist laut der Lindauerin sofort zu spüren: „Die Bewohner atmen freier.“ Und manch einer, der auf dem Hinweg über die Treppen vorm Studio gewettert hat, steigt sie im Anschluss leichtfüßig hinunter. Das Beste aber sei die fröhliche Atmosphäre. Die nehmen die Senioren mit nach Hause. „Jeden Monat sind wir erstaunt, wie lange die Senioren vom Tanznachmittag zehren“, bestätigt Franke. Und Besuchern vom Tango mit Tobias vorschwärmen.

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Jahrgang 1989, „Die Pflegebiblerin“ hat Medienwirtschaft in Stuttgart studiert, langjährige Jugendleiterin, lernte den Online-Journalismus bei ProSiebenSat.1 Digital kennen, arbeitete in einer Londoner Nachrichtenagentur, hat die besten Ideen beim Wandern und ist begeisterte Köchin. Ihr Lebensmotto: Wenn Plan A nicht funktioniert, bleiben noch 25 andere Buchstaben.

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