Uli & die Demenz: Das sind nicht deine Bewohner!

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Wertschätzende Pflege fängt beim richtigen Sprachgebrauch an

Eine Formulierung wie “meine Bewohner” kann schnell als abwertend oder besitzergreifend empfunden werden. Pflegekräfte sollten sich stets fragen: “Wie kommt das, was ich sage, bei Bewohnern und Angehörigen an?” (Foto: Fotolia)

Immer wieder hört man eine besitzergreifende Formulierung in Altenheimen: „Meine Bewohner“. Mir stellt sich da manchmal die Frage, wem die Bewohner gehören.

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„Meine lieben Bewohner“, schreibt die Pflegehelferin auf einer Postkarte ins Altenheim. Bei der Dienstbesprechung erklärt die Altenpflegerin: „Aber meine Bewohner…“. Und in einem Kommentar unter einer meiner Kolumnen hieß es: „Also bei meinen Bewohnern ist das soundso…“ Deshalb handelt diese Kolumne von der Besitzergreifung des Altenheimbewohners.

Wer „meine Bewohner“ sind

Als „meine Bewohner“ würde ich – rein sprachlich gesehen – die bezeichnen, die in mir wohnen: Meine Darmbakterien, Parasiten oder vielleicht einen Bandwurm. Über manche davon bin ich froh. Meine Darmbakterien zum Beispiel. Die leisten einen tollen Job – jeden Tag. Über andere Bewohner in meinem Körper wäre ich weniger froh. Wer braucht schon einen Bandwurm? Gemeinsam ist den erwünschten und unerwünschten Lebewesen in meinem Körper eines: sie sind „meine Bewohner“. Menschen bezeichne ich dagegen nicht ohne weiteres als „mein“, also als „zu mir gehörig“.

Von Schwiegermüttern und Parasiten

Warum eine Frau ihren Mann als „meinen Mann“ bezeichnet. Richtig. Sie haben geheiratet. Sie haben sich füreinander entschieden. Darum ist es angemessen, ein Besitzverhältnis auszudrücken. Ähnlich ist es mit der Mutter des Mannes. Die Frau sagt über sie: „meine Schwiegermutter“. Mag das Wort „meine“ also eine angebrachte Anrede für Schwiegermütter und Parasiten sein – aber für erwachsene Menschen, die ich beruflich pflege und betreue, benutze ich diese Formulierung nicht. Etwas in mir sträubt sich dagegen. Mein Instinkt sagt mir, dass „meine Bewohner“ eher eine abstoßende Anrede ist.

Mein Besitz

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Es ist ja schon schlimm genug, dass die Bewohner von meiner Hilfe abhängig sind. „Meine Bewohner“ drückt aber noch mehr aus: ein Besitzverhältnis. In Besitz will ich sie jedoch nicht nehmen. Ich pflege die Bewohner, betreue sie, leiste Seelsorge. Aber: Nein, sie gehören mir nicht. Nach meinem Dienst verlasse ich das Heim und lasse alles dort, was mir nicht gehört. Dazu gehören auch die Bewohner. Wieso also sollte ich von „meinen Bewohnern“ reden?

Wie handhaben Sie die Formulierung “meine Bewohner”?

Ich persönlich schrecke davor zurück, erwachsene Menschen – mit denen ich weder verwandt noch persönlich befreundet bin – als „meine Bewohner“ zu bezeichnen. Ich spreche eher schlicht und allgemein von „der Bewohnerin“ oder „dem Bewohner“. Wem sie gehören, lasse ich dabei offen.

Wie sprechen Sie die Bewohner an, für die Sie zuständig sind? Und warum?

Über Uli Zeller
Uli Zeller schreibt die Pflegebibel-Kolumne Uli & Die Demenz. Der Buchautor, Theologe und Krankenpfleger ist Experte im Umgang mit dementen Menschen. Sein aktuelles Buch erscheint demnächst in zweiter Auflage: Frau Janzen geht tanzen steckt voller humorvoller Vorlesegeschichten über Geburtstage, Jahreszeiten, Tiere, Sprichwörter und vieles mehr. Menschen mit Demenz erinnern sich dabei an vieles, das ihnen vertraut ist.Bei uns schreibt der Autor über seinen Pflegealltag und gibt nützliche Tipps für Pflegekräfte und pflegende Angehörige. Wenn Sie Fragen, Anregungen oder Themenvorschläge haben, erreichen Sie Uli Zeller über info@die-pflegebibel.de oder die Kommentarfunktion.

 

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