Kein Widerstand in der Altenpflege

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Sozialökonomin Iris Nowak erklärt, warum die Pflege nicht streikt

Keine Revolution in der Pflege: Traditionelle Formen des Arbeitskampfes sind unter Pflegekräften nicht besonders beliebt. (Bild: Fotolia)

Personalmangel, hoher Krankenstand, schlechte Bezahlung: In der Pflege sind vielerorts Missstände zum Normalzustand geworden. Darunter leiden sowohl Beschäftigte als auch Bewohner. TV-Formate, die skandalöse Praktiken in der Branche aufdecken, sorgen kurzzeitig für Empörung. Ändern tut sich jedoch nichts.

Die Missstände in der Pflege sind bekannt. Warum regt sich nicht mehr Widerstand?

Die Altenpflege ist politisch verschlafen. Und in den einzelnen Einrichtungen existieren nur selten Betriebsräte, die die Interessen der Pflegekräfte vertreten. Im Rahmen meiner Forschung habe ich Interviews mit Pflegenden geführt. Nur Wenige sind gewerkschaftlich aktiv. Ohnehin genießen traditionelle Formen des Arbeitskampfes wie Streiks in der Pflege einen schlechten Ruf. Viele meiner Interviewpartner wünschen sich, dass Vorgesetzte und Kollegen an einem Strang ziehen, um das hohe Arbeitspensum zu bewältigen.

Es stimmt also, dass die Pflege unter ihrem Helfersyndrom leidet?

Der Begriff ist problematisch. Pflegekräfte springen ein, weil sie wissen: Wenn ich mich weigere, gefährde ich Bewohner und Kollegen. Dann haben sie noch mehr Stress, Senioren liegen länger in ihren nassen Windeln, Wunden werden schlechter versorgt und es bleibt noch weniger Zeit, um mit den Bewohnern zu sprechen und nach ihren Bedürfnissen zu fragen. Das Pflegesystem baut darauf, dass Pflegende einspringen, wo immer Not ist. Diesem strukturellen Druck stehen Individuen oft machtlos gegenüber.

Ein Grund mehr, sich zu organisieren…

Das ist nicht so leicht. Wenn Pflegekräfte sich organisieren wollen, reagieren Arbeitgeber häufig mit repressiven Taktiken. Sie übergehen Betroffene bei Beförderungen, versetzen sie in andere Teams, verlängern Verträge nicht oder hetzen die Kollegen auf. Da überlegen Mitarbeiter sich zweimal, einen Betriebsrat zu gründen. Von den großen Gewerkschaften war lange keine Unterstützung zu erwarten. Diese haben sich auf klassische Männerberufe konzentriert. Die Pflege als frauendominiertes Berufsfeld wurde nicht ernstgenommen. Zum Glück findet langsam ein Umdenken statt.

Wie kann es sein, dass die größte Berufsgruppe in Deutschland so wenig politisches Kapital besitzt?

Pflegekräfte sind nicht nur schlecht organisiert, sie sind mit einer zerklüfteten Arbeitgeber- und Tariflandschaft konfrontiert. Neben den Tarifverträgen, die nicht überall existieren, wirken sich besonders die Pflegesätze auf die Arbeitsbedingungen in der Pflege aus. Die Sätze werden seit Einführung des Pflegeversicherungsgesetzes 1995 zwischen den Trägern, den Pflegekassen und den Sozialhilfeträgern vereinbart: Für jede Einrichtung gesondert im Voraus. Grundsätzlich sind keine Vertreter der Beschäftigten bei diesen Verhandlungen vorgesehen.

Gibt es in anderen Pflegeumfeldern mehr Widerstand?

In der Krankenpflege existieren grundsätzlich bessere Voraussetzungen für Arbeitnehmer, um sich zu wehren. 2015 haben Pflegekräfte erfolgreich die Charité in Berlin bestreikt. Ziel des Streiks war nicht mehr Geld, sondern mehr Personal. Das Pflegepersonal hat den OP-Bereich bestreikt und systematisch Betten nicht belegt. Das Krankenhaus erlitt dadurch innerhalb kürzester Zeit hohe finanzielle Einbußen. Leider lässt sich diese Taktik in Seniorenheimen kaum anwenden, da es einen vergleichbar wirtschaftlich relevanten Bereich dort nicht gibt.

Und in der Altenpflege? Gibt es dort auch positive Beispiele?

Ja, auch in der Altenpflege streiken Beschäftigte. Allerdings müssen die Voraussetzungen stimmen. In Hamburg haben Pflegekräfte beispielsweise erfolgreich einen großer Träger mit 13 Einrichtungen bestreikt. Sie hatten Erfolg, weil dieser Träger mit all seinen Einrichtungen ursprünglich in städtischer Hand war. Dadurch existierten etablierte Betriebsräte und unter dem Personal waren überdurchschnittlich viele Gewerkschaftsmitglieder. Außerdem hat sich der Träger auf Notdienstvereinbarungen eingelassen. So konnten die Pflegekräfte streiken, ohne das Wohl der Bewohner zu gefährden.

Welche Lektion ziehen Sie daraus?

Der klassische Arbeitskampf funktioniert in der Pflege nur bedingt. Die Gewerkschaften müssen sich daher neue Formen von Widerstand ausdenken. Über das Internet und die sozialen Netzwerke lässt sich beispielsweise öffentlicher Druck auf Heimbetreiber aufbauen. Letztlich wird die Pflege das nicht alleine schaffen. Angehörigen sowie Bürger müssen das Anliegen unterstützen. Schließlich betrifft das Thema Pflegequalität uns alle. Es gilt also breite Bündnisse aufzubauen und der Pflege eine Lobby zu verschaffen.

Infobox

Iris Nowak ist Diplom-Sozialökonomin und forscht Konflikten um Sorgearbeit, zu Handlungsmöglichkeiten von Menschen in prekären Bedingungen sowie  zu Arbeitsbedingungen in der Pflege. Die 45-Jährige promoviert an der Technischen Universität Hamburg zum Thema „Vom Ringen um gute Pflege im professionellen Pflegealltag”. Darüber hinaus forscht, unterrichtet und berät sie freiberuflich Menschen, die im sozialen Bereich arbeiten.

 

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