Uli & die Demenz: Vier Fehler in 44 Sekunden

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Der ganz normale Pflegealltag – und was ich nächstes Mal besser machen will

Achtsamkeit verbessert nicht nur die Pflegequalität,sondern auch die Beziehung zum Bewohner (Foto:Fotolia)

Ich wollte einer Bewohnerin Essen reichen. Doch alles lief schief. Vier Fehler in weniger als einer Minute. Ist nun alles verloren. Oder doch nicht?

„Hast du noch fünf Minuten? Kannst du der Frau Berger noch schnell einen Joghurt geben?“ Na klar. Die Dame liegt im Bett. Der Fernseher läuft. Ich stelle mich neben Frau Berger. Und los geht’s. Aber halt – schnell erschrecke ich über mich selber. In wenigen Augenblicken habe ich (mindestens) vier Fehler gemacht.

Fehler eins: „Noch schnell“?

Da wollte ich Frau Berger „noch schnell“ einen Becher Joghurt geben. So schnell geht das nicht. Menschen brauchen Zeit. Die fehlt oft in der Pflege. An den Rahmenbedingungen kann ich wenig ändern. Aber: Häufig liegt es an meiner inneren Haltung. Daran kann ich was ändern. Ich kann sagen: Jetzt bin ich bewusst bei Frau Berger. Auch wenn ich nur wenige Minuten Zeit für sie habe. Aber in dieser Zeit hat Frau Berger erste Priorität! Nächstes Mal will ich auf meine innere Haltung achten.

Fehler zwei: Joghurt aus dem Becher?

Das Auge isst mit. Eine Kollegin hat mir neulich verraten, wie Joghurt mit wenigen Handgriffen viel appetittlicher aussieht als aus dem Becher. Man kippt ihn auf den Teller. Dann kann man ihn bestreuen – etwa mit Gelee, Beeren oder Zimt. Nächstes Mal kann ich in wenigen Sekunden aus dem Joghurt einen raffinierten Dessert zaubern.

Fehler drei: Fernseher an?

SOKO 5113 lief bei Frau Berger im Fernsehen. Gerade verhören die Ermittler den Verdächtigen. Spannend. Schnell bin ich in die Handlung vertieft. Den Joghurt gebe ich nebenher. Aber stopp! Fernseh-Gucken steht nicht in meiner Stellenbeschreibung. Ich soll mich hier um die Bewohner kümmern. Das Beste will ich für sie machen. Und das ist im Moment, Frau Berger ihren Joghurt zu geben. Ohne Ablenkungen. Nächstes Mal schalte ich lieber den Fernseher vorher aus. Mich lenkt es weniger ab. Und vielleicht hilft es auch Frau Berger.

Fehler vier: Ich stehe neben Frau Berger

Frau Berger ist überfordert, wenn ich nur neben ihr stehe. Schöner wäre, wenn ich mich ihr innerhalb ihres Gesichtsfeldes nähere. Also so, dass sie merkt: Ein Mensch kommt auf mich zu. Dadurch treten wir in eine Beziehung ein. Nächstes Mal will ich von vorne auf sie zugehen. Ich möchte sie bewusst anschauen und den Augenkontakt zu ihr aufrecht halten. Wenn ich eine Hand frei habe, kann ich ihr damit noch ihre Hand halten.

Ist das nicht schrecklich, wenn ich in wenigen Augenblicken so viele Fehler mache? Ich denke, nein. Traurig ist nur, wenn ich daran verzweifle und nichts daraus lerne. Denn wenn ich heute den Kopf in den Sand stecke, werde ich morgen mit den Zähnen knirschen. Also: Fehler akzeptieren. Nicht dran verzweifeln. Nächstes Mal besser machen.

Über Uli Zeller
Uli Zeller schreibt die Pflegebibel-Kolumne „Uli & die Demenz“. Der Buchautor, Journalist, Theologe und Krankenpfleger hat sich auf den Umgang mit dementen Menschen spezialisiert. In seinem Ratgeber berät er Angehörige aus christlicher Sicht: „Menschen mit Demenz begleiten, ohne sich zu überfordern“. Neben häufigen Fragen über Demenz erklärt er in diesem Buch, wie man mit dementen Menschen umgehen und gemeinsame Zeit sinnvoll gestalten kann. Zellers Vorlesebücher für demente Menschen „Frau Krause macht Pause“ und „Frau Janzen geht tanzen“ sind in mehreren Auflagen erschienen. Bei uns schreibt der Autor über seinen Pflegealltag. Er gibt Tipps für Pflegekräfte und pflegende Angehörige. Bei Fragen, Anregungen oder Themenvorschlägen schreiben Sie ihm über info@die-pflegebibel.de oder die Kommentarfunktion.

 

6 KOMMENTARE

  1. Richtig. Gute Ergänzung. Natürlich sind diese Gedanken nur Ideen aus der ich-Perspektive, um das eigene Reflektieren anzustoßen. Es sind keine absoluten Aussagen, dass man es nur so (und keinesfalls anders) machen darf. Wenn es meinem Gegenüber hilft, dass Fernseher oder Radio an sind, bleibt es so. Nur: Ich sollte mich halt nicht davon ablenken lassen. Dem Menschen soll meine Aufmerksamkeit gehören. Nicht dem Fernseher…

  2. Ich habe 30 Jahre mit alten und kranken Menschen bei domino-world gearbeitet ,bin jetzt im Ruhestand ,Diesen Menschen die unsere liebe brauchen ,gerade jetzt zur Weihnachtszeit und darüber hinaus ist das wunderbarste , Auch ich bin bereit vielen Tipps und Hinweise zu geben , Pflege ist nicht pflegen sondern aktivieren .

  3. Wenn ein Fernseher läuft, der Bewohner oder die Bewohnerin ihn aber laufen lassen möchte, setze ich mich so zu Ihr/ Ihm hin, des der Fernseher hinter mir ist, hat den Vorteil, das ich selbst angeschaut werden kann und ich das “Geschehen” nicht aus den Augen verliere. Und lieber 1-2min länger brauchen, als jemanden zu überfordern.

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