Uli & die Demenz: Wertvoll bis zum letzten Tag

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Demente Menschen haben häufig ein schönes Leben vollbracht, anderen Menschen geholfen und sind nun selbst hilfebedürftig. Aber immer noch wertvoll (Foto: Fotolia)

Menschen mit Demenz müssen erleben: Ich kann nichts mehr leisten. Ich bin völlig vom Wohlwollen anderer abhängig. Martin Luther kam zu einer ähnlichen Erkenntnis, als er mit seinem Thesenanschlag vor 500 Jahren am 31.10.1517 die Reformation auslöste.

Etwas leisten

Karl Fischer hat ein Haus gebaut. Er hat für Frau und Kinder gesorgt. Mit seinen Händen hat er vieles geschaffen. Früher war er der große Macher. Selbst im Urlaub! Auf dem Campingplatz hat er anderen Campern geholfen, den eingesunkenen Wohnwagen aus dem Dreck zu ziehen. Und er packte an, wenn der Nachbar sein Zelt nicht alleine aufstellen konnte. Jetzt ist Herr Fischer alt. Überfordert. Er ruft: „Wo muss ich hin?“ Nachts um zwei Uhr steht er auf, packt seine sieben Sachen zusammen und will sich auf den Weg zur Arbeit machen. Der klapprige Omnibus der Caritas holt ihn morgens ab. Dreimal die Woche. Dann geht’s in die Tagespflege. Im Bus sitzt er immer in der dritten Reihe. Den Blick nach vorne gerichtet. Starr. In sich gekehrt.

Und jetzt?

Karl war ein toller Kerl. Er konnte alles: Fliesen legen, Mauern bauen, Gartenteiche anlegen. Und jetzt? Jetzt ist er dement. Wie 1,5 Millionen andere Deutsche auch. Nichts kann er mehr leisten. Karl kann sich das Wohlwollen anderer nicht mehr verdienen. Er fühlt sich nutzlos und ist froh, wenn die Schwester ihm das Essen reicht. Er freut sich, wenn die Betreuerin ihm eine Geschichte vorliest. Er ist dankbar für die Nachbarin, die sich Zeit nimmt und ihn besucht. Aber: Stimmt es eigentlich, dass er nur ein toller Kerl „war“? Ist Karl nicht immer noch ein wundervoller Mensch?

Vor 500 Jahren…

Etwas Ähnliches hat Luther vor 500 Jahren neu entdeckt. Mönch Martinus saß in einem Turm. Er grübelte darüber nach, was er alles leisten müsste, um Gott gnädig zu stimmen. Dann stolperte er über eine Bibelstelle. Darin war die Rede von der Gerechtigkeit, Und Luther kam zum Ergebnis: Es kommt nicht auf meine Leistung an. Ich kann Gott gar nicht gnädig stimmen. Egal, wie viel ich tue. Nein, es ist Gottes Gnade. Alles ist ein Geschenk! Und damit hat Luther die Reformation ausgelöst…

Nicht meine Leistung

Heute werden die Menschen immer älter. Der Anteil demenziell veränderter Menschen in der Gesellschaft nimmt zu. Vielleicht bringt Demenz eine ähnliche Botschaft wie Luther für uns mit sich. Nämlich: Es ist nicht meine Leistung, die mich wertvoll macht. Sondern ich bin aus mir heraus wertvoll. Weil ich ein einzigartiger Mensch sind. Von Gott wundervoll geschaffen. Es wäre doch schön, wenn ich diese Botschaft neu verstehe. Egal, ob sie der Mönch vor 500 Jahren an die Tür der Wittemberger Schlosskirche genagelt hat. Oder ob mir die vielen dementen Menschen in unserer Gesellschaft diese Botschaft neu in unser Herz hämmern.

Bibel für die Aktivierung

Wer vielleicht aus Anlass des Reformationsjahres 2017 eine Bibel sucht, die er in der Aktivierung mit dementen Menschen benutzen kann, dem empfehle ich die Luther-Bibel. Die Deutsche Bibelgesellschaft hat sie neu überarbeitet und in attraktiven Schubern herausgebracht. Eine einfache Übertragung der Bibel ist die sogenannte Basis-Bibel.

Über Uli Zeller
Uli Zeller schreibt die Pflegebibel-Kolumne „Uli & die Demenz“. Der Buchautor, Journalist, Theologe und Krankenpfleger hat sich auf den Umgang mit dementen Menschen spezialisiert. In seinem Ratgeber berät er Angehörige aus christlicher Sicht, wie sie „Menschen mit Demenz begleiten, ohne sich zu überfordern“. Neben häufigen Fragen über Demenz erklärt er in diesem Buch, wie man mit dementen Menschen umgehen und gemeinsame Zeit sinnvoll gestalten kann. Zellers Vorlesebücher für demente Menschen „Frau Krause macht Pause“ und „Frau Janzen geht tanzen“ sind in mehreren Auflagen erschienen. Bei uns schreibt der Autor über seinen Pflegealltag. Er gibt Tipps für Pflegekräfte und pflegende Angehörige. Bei Fragen, Anregungen oder Themenvorschlägen schreiben Sie ihm über info@die-pflegebibel.de oder die Kommentarfunktion.

 

5 KOMMENTARE

  1. Zum Thema Reformation: Ein gelungenes Gedicht von Hans Elwert, Teil 1:

    Der Anschlag

    Ein Anschlag war schon immer wohl

    für Radikale ein Symbol,

    ein Manifest entschloss’nen Strebens –

    oft mit Verlust des eig’nen Lebens.

    Ganz unwillkürlich denkt man da

    an das, was in New York geschah,

    in London, Brüssel und Paris –

    noch manches sich erwähnen ließ

    von Folgen destruktiver Taten

    durch Feuer, Bomben und Granaten.

    Nun muss ein Anschlag nicht allein

    mit Waffen und Gewalt nur sein.

    Man kann – im Gegensatz zu ihnen –

    sich andrer Mittel auch bedienen.

    Ein Anschlag sticht speziell heraus,

    denn man kam ohne Sprengstoff aus,

    und doch hat dieser, sozusagen,

    wie eine Bombe eingeschlagen.

    Verletzt wurd’ mancher ziemlich schwer –

    nein, nicht der Körper, nur die Ehr’.

    © Hans Elwert, 2017

  2. Zum Thema Reformation: Ein gelungenes Gedicht von Hans Elwert (Teil 2):

    In Wittenberg ist es gewesen,

    der Anschlag der berühmten Thesen,

    die Luther, wohl in dunkler Nacht,

    an seiner Kirche angebracht

    an den massiven Eingangstüren,

    um uns zurück zu Gott zu führen.

    Dabei verwies er unverzagt

    auf das, was uns die Bibel sagt.

    Die 95 Thesen galten

    dem bibelwidrigen Verhalten

    von anerkannten Theologen,

    die sich wohl nicht darauf bezogen,

    wie Jesus Christus dazu steht,

    wenn es um die Vergebung geht.

    Mit Froher Botschaft war nicht viel –

    es glich mehr einem Trauerspiel.

    Es war im kirchlichen Gebaren

    die Praxis ziemlich abgefahren:

    Vergebung wurde nur gewährt,

    nachdem man sich bereit erklärt,

    für Sünde, Unrecht und Verbrechen

    zuerst mal ordentlich zu blechen.

    Das Ganze unter „Ablass“ lief;

    die Machenschaft war lukrativ.

    Die Preise waren ungeheuer –

    im wahrsten Sinne „sündhaft teuer“.

    So war Vergebung, wenn auch dringlich,

    für arme Menschen kaum erschwinglich.

    © Hans Elwert, 2017

  3. Mit diesen Missständen im Blick,
    verfasste Luther die Kritik.
    Er wollte in den Kirchenkreisen
    gezielt auf eine Tat verweisen,
    auf einen Anschlag, der geschah
    vor langer Zeit auf Golgatha,
    wo man aufgrund fiktiver Klagen
    hat Jesus an ein Kreuz geschlagen.
    Er zahlte dort mit großer Qual
    den „Ablass“ – ein für alle mal.
    Vergebung kann jetzt jeder kriegen –
    die Kirche hatte das verschwiegen. …
    © Hans Elwert, 2017

  4. Das Fazit ist erstaunlich schlicht:

    Die guten Werke sind es nicht,

    und auch durch Zahlung, das steht fest,

    die Schuld sich niemals tilgen lässt.

    Aus Gnade nur sind wir befreit,

    das ist’s, was Luther seinerzeit

    der Menschheit nahebringen wollte,

    auch wenn die Kirchenleitung grollte. …

    © Hans Elwert, 2017

  5. 500 Jahre sind vergangen
    seit jenem kühnen Unterfangen.
    Und könnt’ ich Luther heute fragen,
    dann würd’ er höchstwahrscheinlich sagen:
    „Applaus ist schön, jedoch versteht,
    um was es letzten Endes geht.
    Drum feiert weder die Person,
    noch selbige Reformation;
    bejubelt das, wofür sie stand.
    Die Gnade kommt aus Gottes Hand.
    Dies Vorrecht kann uns niemand rauben;
    Gerecht sind wir allein aus Glauben“.
    © Hans Elwert, 2017

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