Uli & die Demenz: Von dementen Menschen lernen

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Manchmal frage ich mich, wer hier der Beschenkte ist

Pflegende erleben auch viele beglückende Momente im Alltag (Foto: Pexels)

Ich kümmere mich um Menschen mit Demenz. Und die Rollen dabei sind klar: Ich bin der, der hilft. Die Betroffenen sind die, die Hilfe annehmen. Aber: Ist es wirklich so? Bin nicht ich derjenige, der viel lernen kann? Ich habe mir einmal Gedanken gemacht, was ich von dementen Menschen alles lernen kann.

Entschleunigung

Von dementen Menschen können wir viel lernen. Entschleunigung zum Beispiel. Dr. Markus Müller wirft in seinem Buch „Lebensplanung für Fortgeschrittene“  die interessante Frage auf: Kann es sein, dass demente Menschen sich deshalb aus unserer Gesellschaft zurückziehen, weil das die einzige Möglichkeit ist, aus unserer beschleunigten Lebensweise auszubrechen?

Er sieht Demenz also als eine Art Erinnerung daran, nach neuen Wegen zu suchen, die uns dazu helfen, ein entspannteres Leben zu führen. Hilfen dazu können sein: Abstand zu sozialen Medien in unseren Alltag einbauen. Sich einmal einen Tag in die Natur zurück ziehen. Stille aushalten. In einen Gottesdienst gehen.

Gefühl ergänzt Verstand

Demenz-Expertin Naomi Feil weist in den Büchern über ihren Ansatz der „Validation“ immer wieder darauf hin, dass demente Menschen auf einer tieferen Ebene verstehen. Wenn man ihnen etwas vorgaukelt, merken sie, dass das auf einer tieferen Ebene nicht stimmt. Wenn eine demente Frau mit 90 Jahren etwa nach ihrer Mutter fragt, sollte man nicht sagen: „Die Mutter ist gerade einkaufen.“ Denn die Frau wird auf der Gefühlsebene merken, dass man sie angelogen hat. Stattdessen könnte man sie fragen: „Was hast du gern mit deiner Mutter gemacht?“ Und dann auf das eingehen, was die Frau sagt. Demente Menschen merken, wenn man ihnen falsche Tatsachen vorgaukelt. Sie haben einen sechsten Sinn. Von ihnen kann man lernen, dass wir als Menschen auch Gefühle haben, die wir wahrnehmen sollten: Was sagt uns unser Bauchgefühl? Was sagt uns die Intuition?

Mit dem Tod Freundschaft schließen

Bei Menschen mit Demenz sieht man den körperlichen Zerfall. Man sieht, dass sie weniger werden und abbauen. Vielleicht haben manche Menschen Angst vor der Begegnung mit dementen Menschen, weil sie diese an den eigenen Tod erinnern. Der Tod aber gehört zum Leben. Es ist eine wichtige Lebensaufgabe, damit Frieden zu schließen, dass wir eines Tages nicht mehr sein werden. Menschen mit Demenz erinnern mich daran, mein Leben zu ordnen. Frieden zu schließen mit unseren Verwandten. Den Nachlass regeln. Und Gedanken über unsere gewünschte Bestattungsform zu machen und mit Angehörigen darüber zu sprechen.


Uli Zeller (Jahrgang 1976) arbeitete mehrere Jahre als Krankenpfleger im Bereich der ambulanten und stationären Altenhilfe. Sein Theologiestudium schloss er mit einer Masterarbeit zum Thema „Demenz und Seelsorge“ ab. Seit 2008 ist er als Betreuer und Seelsorger in einem Altenheim in Singen tätig. Menschen mit Demenz lieben seine humorvollen Geschichten, Andachten, Rätsel und Gedichte.

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Uli Zeller (Jahrgang 1976) arbeitete mehrere Jahre als Krankenpfleger im Bereich der ambulanten und stationären Altenhilfe. Sein Theologiestudium schloss er mit einer Masterarbeit zum Thema “Demenz und Seelsorge” ab. Seit 2008 ist er als Betreuer und Seelsorger in einem Altenheim in Singen tätig. Menschen mit Demenz lieben seine humorvollen Geschichten, Andachten, Rätsel und Gedichte.

3 KOMMENTARE

  1. Lieber Herr Zeller!
    Ich habe gerade Ihren Beitrag gelesen. Sie haben ganz Wesentliches über den Kontakt und die Beziehung zu Menschen mit Demenz benannt. Ich meine, dass uns Angst bereitet, da wir unser Leben vermehrt in neuen Ebenen, die Empfindungsebene oder Gefühlsebene, erfahren. Die Arbeit oder Begleitung von Menschen mit Demenz ist Beziehungsarbeit mit geben und bekommen. Am meisten berührt mich dabei die Unmittelbarkeit der Reaktionen dieser Menschen.
    Theresia Schachinger

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