Silvester mit Demenz

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Ohne Böller und Raketen geht es besser

Menschen mit Demenz brauchen an Silvester mehr Ruhe als wir. (Foto. Fotolia)

Lärmende Kinder, rauschende Feste und ein lautes Feuerwerk sind nichts für Demenzerkrankte. Mit Menschen mit Demenz sollten Sie es an Silvester ruhiger angehen lassen und die Party zum Jahreswechsel überspringen.

Überhaupt hilft es Ihren dementen Angehörigen, wenn Sie und die ganze Familie einen Gang zurückschalten. Ein einfaches Essen, wenig Dekoration und ein zurückhaltendes Programm überfordern die dementiell Veränderten nicht gleich. „Grundsätzlich ist alles, was neu und anders ist, ein Problem. Vor allem Reizüberflutung“, sagt Günther Schwarz von der Alzheimer-Beratung der evangelischen Gesellschaft Stuttgart. Im Einzelfall gibt es auch Demenzerkrankte, die sich in einer lauten geselligen Runde an Silvester wohlfühlen. Das sind aber die wenigsten. Wer ein Familienfest zum Jahreswechsel plant, sollte Menschen einladen, die dem Senior bekannt sind und die mit der Krankheit umgehen können. „Ein Demenzkranker braucht einfach mehr Aufmerksamkeit, muss behutsam ins Gespräch eingebunden und in die Runde integriert werden“, sagt Schwarz.

Nicht so viel Durcheinander

Während der Feier ist es ratsam, nicht durcheinander zu sprechen und dafür zu sorgen, dass nicht allzu viel gleichzeitig passiert. Immer wieder kommt es vor, dass Alzheimer-Patienten sich aus dem Gespräch ausklinken und teilnahmslos wirken. „Das muss man akzeptieren. Viele Senioren haben Angst, etwas Dummes zu sagen, sich vor einer größeren Gruppe zu blamieren. Da sagen sie lieber nichts“, erläutert der studierte Psychologe. Beteiligt sich der Demente dann doch am Gespräch und sagt etwas, das scheinbar gar nicht zum Thema passt, sollte man ihm trotzdem Recht geben und positiv bestärken. „Bitte nicht widersprechen oder korrigieren. Das versteht derjenige dann meistens nicht und fühlt sich unzulänglich“, sagt Schwarz. Es ist wichtig, dass sich Menschen mit Demenz zugehörig und eingebunden fühlen. Bleigießen, Würfelspiele oder Musik hören, sind Aktivitäten, mit denen Sie den Jahreswechsel entspannt begehen können. Wichtig sei es auch, so raten Demenzexperten, sich und den Angehörigen denn Sinn des Festes wieder in Erinnerung zu rufen.

Feuerwerk: Nicht immer ein Silvester-Spaß mit Dementen

Das Feuerwerk ist ein Thema, mit dem sich Angehörige Demenzkranker unbedingt auseinandersetzen sollten. Wer als Kind den Krieg erlebt hat, könnte angesichts der Böller und Raketen an die schlimmen Erlebnisse zurückerinnert werden. Die heutigen Senioren waren damals Kinder oder Jugendliche und den Geschehnissen um sie herum schutzlos ausgeliefert. Da sind Erschrecken und Angst, wenn es scheinbar wieder losgeht, sehr verständlich. Für den Umgang mit dem Feuerwerk um Mitternacht gibt es keine pauschale Regel: „Bestimmt gibt es Demenzerkrankte, die Krach und die Böller einordnen können und sich nicht erschrecken. Vor allem wenn jemand dabei ist, der durch sein Verhalten zeigt, dass es sich um etwas Freudiges handelt“, sagt der Berater.

Wenn Sie schon wissen, dass Ihre Eltern kein lautes Feuerwerk mögen, können Sie in einen ruhigen, der Straße abgewandten Raum wechseln. „Unbedingt sollten Sie Ihren Familienangehörigen aus der angstmachenden Situation herausnehmen. Das gilt für alle Momente, in denen sich der Demente erschreckt oder Angst hat. Niemand muss hier etwas aushalten oder durchstehen.“ Ohrstöpsel oder Kopfhörer mit Musik können den Schall dämpfen und die Musik entspannt. Lassen Sie einen Menschen, der Angst vor dem Feuerwerk an Silvester hat, nicht allein. Halten Sie die Hand oder bleiben in der Nähe. „Trost und Geborgenheit sind menschliche Grundbedürfnisse. Das ist beim Kleinkind wie beim Erwachsenen oder Demenzerkrankten“, zieht Schwarz den Vergleich.

Sicher und ohne Aggression

Mögen Sie und Ihre Familie das Feuerwerk gern, sollten Sie aus sicherer Entfernung, vielleicht vom Balkon aus, zuschauen. Selbst Raketen zu zünden verbietet sich im Beisein Demenzkranker unbedingt. Auch in größeren Gruppen, wo geknallt wird, fühlen sich Senioren meistens unwohl.

In der Regel ist die Erschöpfung bei Erkrankten nicht nur an Silvester viel schneller da, als bei anderen Erwachsenen. „Bemüht sich ein Betroffener stark, den Gesprächen zu folgen oder die Situation zu meistern, ist oft nach einer halben Stunde schon die Erschöpfung da“, weiß Schwarz. Am besten haben Angehörige schon im Vorfeld geplant, wer den Verwandten heimbringt, wenn dieser die Feier vorzeitig verlassen will. Auch hier ist es wichtig, nicht zu werten sondern einfach die Wünsche der Älteren zu respektieren.

Kommt es doch zu Überforderung, kann die gute Stimmung schnell in Aggression umschlagen. „Aggressives Verhalten ist oft die Folge einer großen Anspannung“, erläutert der Schwabe. Dann sollten die Angehörigen weder diskutieren noch ihren Verwandten maßregeln. „Lösen Sie die angespannte Situation so schnell wie möglich auf“, sagt der Demenzexperte mit 25 Jahren Erfahrung. Am besten, indem die Streithähne den Raum kurzzeitig verlassen. „Ganz oft reagieren Demente aufbrausend, wenn sie irgendetwas falsch verstanden haben. Zum Beispiel eine negative Bemerkung auf sich beziehen. Das Missverständnis sollte man dann schnell aufklären und das Thema wechseln.“


Leila Haidar ist freie Wirtschaftsjournalistin aus Stuttgart. Sie ist für verschiedene überregionale Tageszeitungen tätig, schreibt für Fachmagazine und beschäftigt sich mit den verschiedensten Themen, darunter Personal, Industrie und Logistik.

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