Uiiih – so dement …

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Wie lange kann meine Patentante noch selbst entscheiden?

Der Autor während eines Kindergeburtstags anno 1966 bei seiner Patentante. (Foto: privat)

Dass meine Patentante dement ist, darüber habe ich bereits vor 20 Monaten geschrieben. Wir haben inzwischen immer wieder telefoniert – die Gespräche wurden kürzer und die Wiederholungen öfter: Gefühlt, habe ich ihr pro Gespräch meine Münchener Telefonnummer fünf- bis siebenmal gegeben. Mal war es anstrengend. Mal leicht, wenn ich gesagt habe: „Die hast Du gerade aufgeschrieben, die muss vor Dir liegen.“ Und sie antwortete: „Ach stimmt, ich bin vergesslich geworden“, um zwei Minuten später erneut nach der Nummer zu fragen. Sie muss sie später wieder gefunden haben, denn sie rief mich immer mal an.

Nach Weihnachten habe ich sie wieder besucht. Etwa acht Tage vorher habe ich mich angemeldet. Ihre Tochter hat sie am 28. nochmals daran erinnert. Doch als ich sie eine halbe Stunde vor Ankunft anrief, fragte sie, warum ich mich denn nicht eher gemeldet hätte, dann hätte sie schnell Kuchen geholt. Sie hat zwar einen Kalender, schreibt ihre Termine wohl auf, aber schaut nicht täglich rein oder vergisst es innerhalb von Minuten.

Was mich wirklich aus den Socken gehauen hat, war, dass sie sich abends nicht mehr erinnern konnte, dass ich da war. Das ist an sich nicht schlimm, denn meine Patentante hat sich zwei Stunden lang gefreut und hatte Tränen in den Augen, als ich wieder ging. Doch ich hätte ihr gewünscht, dass die Erinnerung länger hält.

Tatsächlich lebt sie in einer „älteren Welt“, in der ihr Urenkel praktisch nicht existiert. „Wer ist das denn“, fragt sie ihre Tochter. Die erzählt, dass sei der Sohn ihrer Enkelin und nennt auch den Namen, den meine Tante allerdings unmöglich findet. Um fünf Minuten später nochmals nach dem für sie unbekannten Kind zu fragen. Dagegen erzählt sie von ihrem Vater, der nach 1945 keine Arbeit fand, von der Mutter, die die Familie durchbrachte und dass sie als Zwölfjährige für die Familie kochte oder sich zum Lesen in den Wald zurückzog. Typisch für Demenz und deshalb auch ein logisch nachvollziehbares Verhalten. Aber ein Teil von mir kann es trotzdem nicht begreifen.

Auf dem Wohnzimmertisch sehe ich einen aufgeschlagenen Krimi liegen. Wie sie den wohl liest? Oder ist meine Patentante so pfiffig, dass sie den extra für Besucher hinlegt, um ein Bild vorzugaukeln? Denn helle und lebhaft ist meine Tante, schwätzt wie vor 50 Jahren am Stück. Wer sich die 85-jährige Frau als in sich gekehrt vorstellt, täuscht sich gewaltig. Für einen schweigenden Gesprächskreis, wäre sie die Entertainerin schlechthin.

Meine Tante ist so gut versorgt, wie es in den eigenen vier Wänden eben geht: Der Pflegedienst kommt dreimal täglich, unterhält sich zwei Stunden mit ihr, unterstützt sie beim Waschen und ins Bett gehen. Essen wird geliefert. Im Haus, das sie Zeit meines Lebens bewohnt, schaut eine Nachbarin regelmäßig nach ihr und der Hausarzt wohnt direkt gegenüber. Auch ihre Kinder sind regelmäßig vor Ort. Aber ist das Netz dicht genug? Kann es wohl nie sein. Dabei macht sich die Tochter weniger Sorgen um ihre Mutter selbst – lieber im eigenen Haus leben und vielleicht bei einem Unfall sterben als in einem Pflegeheim zwar länger leben, aber sich fremd fühlen. So lange meine Tante noch so fit ist, bekommen sie keine zwanzig Pferde aus diesem Haus. Aber was ist, wenn etwas passiert, bei dem auch die Mitbewohner im Haus geschädigt werden?

An das Thema Betreuung wollen die Kinder mit letzter Konsequenz noch nicht ran. Renitent wie meine Tante ist, würde sie vermutlich beide als Betreuer ablehnen und lieber einen Hauptberuflichen akzeptieren. Aus eigener Erfahrung weiß ich, dass dies eine schwierige Lösung ist. Denn mein Vater wäre so beinahe in einem Pflegeheim gelandet, wenn mein Bruder nicht massiv interveniert und schließlich die Betreuung übernommen hätte. So lebte mein Vater noch knapp zwei Jahre in Vollzeitpflege und konnte zu Hause sterben.

Markus Hirt kennt diese familiären Verstrickungen. Seit Jahrzehnten ist der Heimleiter des SSG-Seniorenwohnen Pasing-West in der Pflege tätig: „Es ist sinnvoll die Betreuung in der Familie zu halten“. Grundsätzlich rät er jedem, eine Patientenverfügung zu machen und jemandem eine Vorsorgevollmacht zu geben. Denn ein Unfall ist schnell passiert und dann bestimmen andere, wenn man selbst nicht mehr geschäftsfähig ist. Diese Vorsorgevollmacht hilft auch, wenn Menschen zunehmend dement werden. Jetzt würde meine Patentante diese Vollmacht nicht mehr ausfüllen. Vor Jahren allerdings wahrscheinlich auch nicht.

Im Fall meiner Patentante rät Hirt Kontakt mit dem Hausarzt aufzunehmen, dem die Probleme zu schildern und sich seine Unterstützung zu sichern. Denn letztlich entscheidet das Betreuungsgericht beim Amtsgericht, ob die Betreuung an einen Familienangehörigen geht oder ein Berufsbetreuer bestellt wird. Das ist individuell sehr unterschiedlich. Die volle Betreuung – also die Verantwortung für Vermögen, Wohnung, Gesundheit und Aufenthaltsbestimmungsrecht – ist allerdings keine Aufgabe, die mit der linken Hand zu erledigen ist, warnt der Münchener Einrichtungsleiter. Neben einer jährlichen Rechenschaftspflicht ist auch eine räumliche Nähe wichtig. Mein Bruder, der 250 Kilometer entfernt von meinem Vater wohnte, konnte dieses Amt auch nur ausüben, weil mit „Rudi“ eine verlässliche Pflegekraft bei meinem Vater wohnte.


Jens Gieseler ist Kommunikationsberater, Journalist und Heilpraktiker für Psychotherapie. In den letzten beiden Lebensjahren war sein Vater pflegebedürftig. Deshalb hat er sich mit der Pflegebürokratie herumschlagen müssen und viel Sensibilität für das Altern und Sterben entwickelt. Erkenntnis: Beziehungen werden immer wichtiger.

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