Ab ins Gefängnis

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Als Pflegekraft unter „harten Jungs“

In der JVA Singen ist der jüngste Gefangene 63 Jahre alt. (Foto: JVA Singen)

Vom Krankenhaus übers Pflegeheim zu ambulanten Diensten – typische Arbeitsorte von Pflegekräften. Im Gefängnis rechnet man nicht mit ihnen. Und doch gibt es sie. Teilweise als Pfleger, teilweise als Beamte.

In Singen befindet sich die einzige Justizvollzugsanstalt (JVA) Deutschlands, die nur Senioren aufnimmt. Zurzeit ist der jüngste Insasse 63 Jahre alt. Aufgenommen werden alle alten Straftäter, die bei Eintritt kein Pflegefall sind. Normale Altersbeschwerden zählen da nicht. Von Montag bis Freitag kümmert sich ein Krankenpflegedienst, um die Behandlung der Gefangenen.

Derzeit werden die Schichten von drei Pflegekräften übernommen. Sie alle haben nach ihrer Ausbildung zum Gesundheits- und Krankenpfleger ebenfalls eine zweijährige Ausbildung zum Justizvollzugsbediensteten abgeschlossen. In Baden-Württemberg ist das Pflicht. Denn es gibt keine Pflegekraft, deren Arbeitsalltag aus reinem Pflegen besteht. Die Betreuung und Beaufsichtigung der Gefangenen gehört in allen JVA´s Baden-Württembergs dazu.

Das ist nicht in ganz Deutschland der Fall. Wer beispielsweise in Berlin als Krankenpfleger in einer Justizvollzugsanstalt arbeiten möchte, kann das tun, ohne dass es neben der originären Ausbildung zum Krankenpfleger einer zusätzlichen Ausbildung bedarf. Einzig ein halbjähriger berufsbegleitender Lehrgang muss absolviert werden. Dabei werden einzelne Module der Ausbildung zum Justizvollzugsbediensteten besucht und ein Praktikum in einem entsprechenden Bereich durchgeführt, um die Aufgaben des Justizvollzugsdienstes in der Praxis kennen zu lernen. Berliner Krankenpfleger werden auf der Arztgeschäftsstelle der jeweiligen JVA eingesetzt und das rund um die Uhr.

Fachkräftemangel im Süden Deutschlands

„Jedes Gefängnis hat eine Krankenpflege, dafür brauchen wir befähigtes Personal“, sagt Thomas Maus, Dienstleiter der JVA Singen. Hier hat Maus Mühe, genug Krankenpfleger zu finden, die bereit sind, nochmals eine Ausbildung dranzuhängen. „Dazu kommt die Nähe zur Schweiz, die es noch schwerer macht“, berichtet der Dienstleiter. Mit deutlich besseren Löhnen oder angenehmeren Arbeitszeiten kann die Justizvollzugsanstalt auch nicht punkten.

Die Jugendstrafanstalt (JSA) Berlin hingegen kann sich nicht beklagen. „Auf eine freie Stelle als Krankenpfleger haben sich erst kürzlich viele Interessierte beworben“, sagt Teresa Noack vom gesundheitsorientierten Personalmanagement der JSA. Derzeit arbeiten 11 Pflegekräfte im Schichtbetrieb in der dortigen Arztgeschäftsstelle.

Gefängnis als abwechslungsreicher Arbeitsplatz

Für Pflegekräfte kann die Arbeit im Gefängnis eine Möglichkeit sein, auf ihrem bereits Erlernten aufzubauen. Bundesländer, die eine zusätzliche Ausbildung fordern, aber auch Berlin mit einer modularen Qualifizierung, bieten künftigen Mitarbeitern damit gute Aufstiegsmöglichkeiten und eine Verbeamtung. Meist werden Kranken- oder Altenpfleger bevorzugt ausgebildet, da sie einen wichtigen Zusatznutzen durch ihre Erstausbildung mitbringen. Dafür muss jedoch teilweise ein Ausbildungsgehalt in den ersten beiden Jahren in Kauf genommen werden. In Berlin erfolgt für die Tätigkeit im Vorfeld einer Verbeamtung die Bezahlung sofort nach Tarif.

Justizvollzugsbediensteter wird man meist auf dem zweiten Bildungsweg. Durch die Erstberufe der Beamten trifft unterschiedlichstes Fachwissen aufeinander und bringt Gefangenen wie Mitarbeitern viel Wissen ins Haus. Dazu kommen Psychologen, Verwaltungsmitarbeiter, oft auch Lehrer, Bedienstete in Werkstätten und natürlich das Pflegepersonal. Sie alle machen das Gefängnis zu einem abwechslungsreichen Arbeitsplatz.

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