Ich pflege: Jana Langer

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Es ist Zeit, dagegen zu klagen.

Name: Jana Langer

Beruf: Krankenschwester

Ort: Ulm

Umfeld: OP Fachkrankenschwester

Dein offener Brief an Angela Merkel wurde Anfang 2017 zum viralen Hit auf Facebook. Jetzt hast du mit einem Schreiben an den neuen Bundesgesundheitsminister Jens Spahn nachgelegt. Was hat sich in den letzten Jahren politisch getan?

Für die Pflege war die Krankenhausreform nicht spürbar. Im Gegenteil hat sich durch den Sparzwang vieles noch verschlimmert. Die Zauberwörter heißen Prozessoptimierung und Ressourcenumverteilung. Pflegefremde Abteilungen wie Reinigungsdienst oder Küche werden ausgegliedert und Pflegepersonal in andere Abteilungen versetzt, um Personalengpässe auszugleichen. Das führt zu hoher Unzufriedenheit und Berufsflucht, unter der wir ja sowieso schon leiden. Jeder Arbeitsschritt wird wirtschaftlich beleuchtet, nicht nach Patientennutzen.

Es kommt zu gefährlichen Situationen und hygienischen Mängeln.

Ist die Patientensicherheit in deinen Augen noch gewährleistet?

Es kommt zu gefährlichen Situationen und hygienischen Mängeln. Vor allem bei der Händedesinfektion. Es wäre interessant, eine Studie zu erstellen, wie viele Patienten aufgrund fehlender Pflege intensivpflichtig versorgt werden. Leider mangelt es der Pflegeforschung an Zeit, Geld, Unterstützung und Anerkennung. Sie könnte die Probleme zwar nicht lösen, aber Fakten liefern.

Was ist aus deiner Sicht nötig, die bestehenden Missstände zu beheben?

Eine radikale Reform des Gesundheitssystems. Das bedeutet vor allem eine Abkehr von den DRGs und ein Verbot der Privatisierung im Gesundheitswesen. Gewinne aus Krankheit zu erzielen muss zwangsläufig zu solchen Zuständen führen. Entweder gibt es eine Revolution aller Pflegekräfte oder die Bevölkerung lehnt sich gegen diese Zustände auf.

Es sind subtile Sanktionen

Ist es aus deiner Sicht notwendig, dass Pflegende sich flächendeckend organisieren?

Es würde erst einmal reichen, wenn sie gesetzeskonform arbeiten und nur Ihren Arbeitsvertrag erfüllen. Organisiert geht das einfacher. Ich selbst bin Mitglied bei ver.di und sitze im Personalrat meiner Klinik.

Hattest du durch deine Aktivitäten jemals Probleme mit deinem Arbeitgeber?

Gern gesehen wird das nicht. Es sind subtile Sanktionen. In Gesprächen wurde mir gesagt, man bekomme mich nicht in den Griff und denke über Maßnahmen nach. Auf das Ergebnis warte ich seit Monaten. (lacht)

Was empfiehlst du denen, die nicht so viel Rückgrat haben?

Entweder man verstößt gegen Berufsehre und Gesetze oder man legt sich mit Politik und Arbeitgebern an. Da stellt sich die Frage, warum gerade die, die sich für die Schwächsten einsetzen, so mutlos sind.

Die Arbeitsbedingungen kann eine Pflegekammer nicht verändern.

Wie stehst du als ver.di-Mitglied zur Pflegekammer?

Ich erkenne keinen Sinn darin, eine Kammer in dieser Form zu installieren. Die Versprechen sind blauäugig, denn Anerkennung und eine Lobby bekommen wir dadurch nicht. Die Arbeitsbedingungen kann eine Pflegekammer nicht verändern. Im Gegenteil bekommen wir noch mehr auferlegt, das wir nicht umsetzen können und werden dafür zur Kasse gebeten.

Kann die Generalistik zu einer Verbesserung beitragen?

Die Generalistik wurde vorangetrieben, um Geld zu sparen. Die Einführung spezialisierter Berufe wie den Operationstechnischen Assistenten bedeutet unterm Strich, dass sämtliche Weiterbildungen gestrichen werden können. Ich hätte eine zweijährige gemeinsame Ausbildung mit anschließender Spezialisierung und Weiterbildung bevorzugt. Die Altenpflege ist so die einzige Berufsgruppe, die wohl von der Generalistik profitiert.

Wir haben die Spitze des Eisbergs noch nicht erreicht.

Würdest du den Brief an Angela Merkel heute noch einmal so schreiben?

Ich habe den Brief bereits zur Bundestagswahl 2014 verfasst und 2017 erneut gepostet. Quasi aus Verzweiflung, dass nichts passiert. Die Bedingungen führen zu vielen Verstößen gegen die Arbeitszeit, den Datenschutz und die Menschenwürde. Es ist Zeit, dagegen zu klagen.

Wie sieht die Pflege in Deutschland 2050 aus?

Wenn nicht endlich ein Ruck durch die Nation geht: Vor allem prekär und unmenschlich. Wir haben die Spitze des Eisbergs noch nicht erreicht. Aber ich will ja nicht schwarzmalen. Bis dahin hat die Kammer alles ganz toll hinbekommen… (lacht)

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Christian Hübner hat die integrative Pflegeausbildung nach dem Stuttgarter Modell© absolviert. Er ist Gesundheits- und Krankenpfleger und Altenpfleger, arbeitet aktuell in der Behindertenhilfe und studiert berufsbegleitend Pflegewissenschaft an der Universität Witten-Herdecke.

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