Pflegen kann jeder

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Ein Kommentar von Christian Hübner

Pflegen kann jeder
Bild: pixabay.com

Ein Artikel in der Ärzte Zeitung sorgte kürzlich bei mir für Schnappatmung. Von drei Modellversuchen des Bundesministeriums für Gesundheit (BMG) in Zusammenarbeit mit dem Arbeitgeberverband Pflege ist darin die Rede. Diese sollen im Rahmen der konzertierten Aktion Pflege durchgeführt werden. Die beschriebenen Maßnahmen zur Anwerbung und Anerkennung ausländischer Pflegekräfte wären dabei aus meiner Sicht noch vertretbar. Von den beiden anderen Modellversuchen kann ich das nicht behaupten.

Fachkraft light

So sei eine “Weiterbildung” von 188 Stunden für Hilfskräfte geplant. Anschließend sollen diese in der Lage sein, Aufgaben der Behandlungspflege zu übernehmen. Außerdem werden sie hinterher auf die Fachkraftquote angerechnet. Eine Art „Fachkraft light“ also. Ähnliches ist dem Bericht zufolge unter anderem für Logopäden, Physiotherapeuten und Ergotherapeuten geplant. Als hätten diese Gruppen nicht selbst unter massivem Personalmangel zu leiden. Außerdem gibt es bei den genannten Berufen zwar mehr oder weniger große Berührungspunkte mit der Pflege, mehr aber auch nicht.

Absurde Vorstellungen

Meine Atmung hat sich übrigens nach einem Dementi vorübergehend normalisiert. So twitterte das BMG kurz nach erscheinen: „In dem Artikel schreiben Sie, dass die ersten Projekte der Konzertierten Aktion Pflege gestartet sind. Das ist falsch! Es gibt noch keine fertigen Konzepte. Wir sind noch am Anfang der KAP.“ Und auch die Ärzte Zeitung sorgt zwischenzeitig in einem weiteren Artikel für Richtigstellung. Die absurden Vorstellungen des Arbeitgeberverbands Pflege jedoch bleiben leider bestehen.

Nichts ist unmöglich

Überhaupt scheint in der Pflege längst nichts mehr unmöglich. Schon heute können etwa in Baden-Württemberg unter anderem Podologen, Tanztherapeuten oder Sozialarbeiter auf die Fachkraftquote in Pflegeheimen angerechnet werden. Und mit der neuen Ausbildungs- und Prüfungsverordnung wurde die Altenpflege erfolgreich abgewertet. Dort ist für Generalistik und Gesundheits- und Kinderkrankenpflege die Pflege nach wissenschaftlichen Erkenntnissen festgeschrieben. Für die Altenpflege hat sich der Gesetzgeber dergleichen auf Druck der Arbeitgeberlobby gespart. Die Auszubildenden dürften nicht überfordert werden, hieß es lapidar. Schließlich habe gerade in der Altenpflege ein Großteil der Schüler nur den Hauptschulabschluss. Herz und Berufung statt wissenschaftlicher Pflege müssen für alte Menschen also genügen. Traurig, wenn man bedenkt, dass Pflege in anderen Ländern ausschließlich über ein Hochschulstudium zu erlernen ist.

Qualifikation ist überbewertet

Wenn Qualifikation aus Sicht von Arbeitgeberverbänden und Politik also überbewertet ist, warum nicht ganz darauf verzichten? Das wäre konsequent. Wozu noch Medizin studieren? Wer seine Heilpraktikerprüfung erfolgreich bestanden hat, der taugt auch zum Allgemeinmediziner. Wer als Metzger seine Brötchen verdient, der kann locker als Chirurg arbeiten. Und wer früher mit Matchbox-Autos gespielt hat, der besteht auch als Mechaniker in einer KfZ-Werkstatt. Der neue Fachmann zeichnet sich dann dadurch aus, dass er kein Fachmann ist. Und der Dilettant kann endlich als Experte brillieren.

Es geht um Menschenleben

Fest steht, dass die Lösung des Fachkräftemangels durch Absenkung der Versorgungsqualität indiskutabel und unverantwortlich ist. Wer so handelt, der spielt mit Menschenleben. Eine weitere Deprofessionalisierung der Pflege zugunsten von Pflegekonzernen, Investoren und Arbeitgeberlobby können und dürfen wir uns nicht leisten. Auch, wenn es sich der Arbeitgeberverband Pflege noch so sehr wünscht.

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Christian Hübner hat die integrative Pflegeausbildung nach dem Stuttgarter Modell© absolviert. Er ist Gesundheits- und Krankenpfleger und Altenpfleger, arbeitet aktuell in der Behindertenhilfe und studiert berufsbegleitend Pflegewissenschaft an der Universität Witten-Herdecke.

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