Vor dem Pflexit kommt die Leiharbeit

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Daumen hoch
Daumen hoch für Leiharbeit? (Bild: pixabay.com)

Noch ist Zeitarbeit in der Pflege kein Massenphänomen, doch die Zahl der Leasing-Kräfte steigt. Der Pflegenotstand sorgt für eine hohe Nachfrage. Sind Gehalt und Arbeitsbedingungen für Leiharbeiter in anderen Branchen eher prekär, zeigt sich in der Pflege ein anderes Bild. Nicht zuletzt deswegen entscheiden sich immer mehr junge Pflegende direkt nach dem Examen für diesen Weg. Für ältere Pflegende stellt er eine attraktive Pflexit-Alternative dar.

Übertarifliche Löhne und flexible Dienstpläne

Cosima Hertling
Cosima Hertling (Bild: Privat)

In Pflegeheimen und Krankenhäusern trifft man immer häufiger auf Leiharbeiter. Sie arbeiten dort, wo gerade Personal fehlt. Eine dieser Leasing-Kräfte ist Cosima Hertling. Nachdem sie 2010 als Freiberuflerin startete, ist sie nun im Wechsel auch als Zeitarbeiterin unterwegs. Selbst zu entscheiden, wann und wo sie arbeitet ist für sie ein klarer Pluspunkt. Hinzu kommen finanzielle Unabhängigkeit und die Möglichkeit sich frei zu entfalten.

In der Tat verspricht Leiharbeit Annehmlichkeiten, die ein Angestelltenverhältnis nicht bieten kann. Zeitarbeitsfirmen locken mit übertariflichen Löhnen und flexiblen Dienstplänen. Hinzu kommen häufig Benefits wie kostenlose Unterkunft, Fahrtkostenzuschüsse oder attraktive Boni. Außerdem ist bei Problemen mit dem Auftraggeber meist rund um die Uhr ein Ansprechpartner verfügbar. Wer mit seiner aktuellen Arbeitssituation unzufrieden ist, fühlt sich bei den Personaldienstleistern entsprechend gut aufgehoben.

Cosima Hertling kann das nachvollziehen. Sie arbeitete früher in einer Klinik, die von einem großen privaten Klinikkonzern aufgekauft wurde. „Ich war in meiner Leitungsposition auf einer kleinen Intensivstation in Bayern recht unglücklich,“ beschreibt sie ihre damalige Situation. Als Anfängerin in einer Leitungsposition war sie 100 % am Bett und zusätzlich 100 % als Leitung unterwegs. Häufig arbeitete sie bis zu 16 Stunden täglich, um ihre Aufgaben bewältigen zu können. „Es war unbefriedigend und ein Teufelskreis,“ so Hertling weiter.

Der Preis ist hoch

Doch der Trend zur Zeitarbeit hat auch Schattenseiten. Leiharbeiter kennen etwa die Gewohnheiten von Heimbewohnern kaum. Diese wiederum müssen sich ständig an neue Gesichter gewöhnen. Kontinuität ist nicht gewährleistet. „Häufig wechselndes Personal sorgt für Unruhe,“ beschreibt Cosima Hertling die Situation. Und die Berliner Gesundheitssenatorin Dilek Kolat (SPD) äußerte kürzlich im rbb Bedenken hinsichtlich Pflegequalität und Patientensicherheit.

Neben Patienten und Bewohnern zahlen auch Krankenhausträger und Heimbetreiber einen hohen Preis. So kostete eine Leasing-Kraft schnell das Vielfache einer festangestellten . Laut Hertling wird das auch der Stammbelegschaft vermittelt. „Da kommt es nicht selten vor, dass man deswegen mehr Arbeit übernehmen soll,“ berichtet die erfahrene Honorarkraft. Darüber hinaus stehen die Arbeitgeber vor dem Problem, ihr eigenes Personal bei Laune halten zu müssen. Das ist kein leichtes Unterfangen. Die eigenen Mitarbeiter müssen häufig die Schichten übernehmen, die am Ende übrigbleiben. Und auch die deutlichen Gehaltsunterschiede bei gleicher Tätigkeit sorgen für Konfliktpotential. Es droht eine Zweiklassengesellschaft, die den Betriebsfrieden gefährdet. „Neid und Missgunst betreffend des Stundensatzes gehören dazu,“ die erfahrene Fachkrankenschwester für Anästhesie- und Intensivpflege.

Schritt gut überlegen

Wechselnde Einsatzorte, fehlende Einbindung ins Team und der Neid der festangestellten Kollegen vor Ort. Das ist der Preis, den Leiharbeiter für bessere Löhne und Arbeitsbedingungen in Kauf nehmen müssen. Entsprechend gut sollten Pflegende sich den Schritt bei allen Vorzügen überlegen. So sind denn am Ende auch für Cosima Hertling das “Wohlfühlen im Team” und die Freude an der Arbeit entscheidende Kriterien. „Sollte ein Auftrag mal länger gehen, dann bin ich als Gewohnheitstier durchaus sentimental, wenn er nach Monaten des Wohlfühlens im Team endet,“ fügt sie abschließend hinzu.

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Christian Hübner hat die integrative Pflegeausbildung nach dem Stuttgarter Modell© absolviert. Er ist Gesundheits- und Krankenpfleger und Altenpfleger, arbeitet aktuell in der Behindertenhilfe und studiert berufsbegleitend Pflegewissenschaft an der Universität Witten-Herdecke.

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