Dialekte wecken Erinnerungen

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Warum wir Frau Schneider dann doch noch verstanden haben

Dialekt öffnet Herzen (Bild: pixabay.com)

Frau Schneider war früher Direktorin in einer Schule. Mit über 90 Jahren ist sie in ein Altenheim gezogen. Mit ihren Kindern hat sie stets hochdeutsch gesprochen. Doch nun im Alter fing sie plötzlich an, anders zu reden. Und ihre eigenen Kinder verstanden sie nicht mehr. Woran das lag und wie man Frau Schneider dennoch verstehen konnte, erzählt Kolumnist Uli Zeller in dieser Kolumne.

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„Wo ist Ihre Mutter denn eigentlich aufgewachsen?“, fragte meine Kollegin. Und die Tochter nannte den Namen eines Dorfes am Kaiserstuhl. Zufällig kannte ich das Dorf, weil ich dort in der Nähe studiert habe.

Also schaltete ich mich in das Gespräch ein: „Ich kenne dieses Dorf. Es ist umrankt von Weinbergen. Ich habe sogar schon mal einen Wein von dort getrunken. Das Dorf liegt abseits. Und man spricht da einen urigen Dialekt.“

Die Tochter riss ihre Augen auf, holte tief Luft und wiederholte: „Dialekt – ich glaube, das ist die Lösung.“

Richtig – es war mir gar nicht aufgefallen. Denn Frau Schneider sprach etwas undeutlich. Sie verschluckte Endsilben und manche Worte klangen verwaschen.

Wir hörten genau hin, als Frau Schneider wieder sprach – und es war wie ein akustisches Puzzle-Spiel: Meine Kollegin erkannte ein Wort. Dann verstand die Tochter wieder etwas. Und auch ich konnte einige Begriffe einordnen.

Frau Schneider hat als Kind Dialekt geredet. Breiten Dialekt. Marke: Markgräfler Land. Dann wurde sie Lehrerin. Und ab einem gewissen Zeitpunkt sprach sie nur noch ordentliches hochdeutsch.

Im Zuge ihrer Demenz vergaß Frau Schneider so manches – und Dinge aus der Kindheit wurden dafür wieder geläufiger. So sprach sie dann auch plötzlich kein hochdeutsch mehr, sondern die Sprache ihrer Kindheit.

Für Frau Schneider haben wir uns dann eine Art Vokabelheft erstellt. Darin haben wir Begriffe aufgeschrieben, die in ihrer Sprache vorkamen. Und damit haben wir sie ein wenig besser verstanden.

Ein paar Wochen später hatte Frau Schneider Besuch von einer Cousine aus ihrem Heimatdorf. Meine Kollegin Manuela hatte eine tolle Idee. Sie gestaltete an diesem Tag eine spontane Runde zum Thema „Dialekte“. Dazu lud sie auch die Cousine von Frau Schneider ein. Und erfuhr von ihr verschiedene Worte, Redensarten und Sprichwörter aus der Heimat von Frau Schneider.

Das, was ein Mensch in den ersten Jahren erlebt hat, prägt ihn zutiefst. Es bildet quasi die unterste Schicht seiner Persönlichkeit. Diese Schicht ist auch im Laufe einer Demenz noch lange vorhanden.

Darum hilft Dialekt, demente Menschen abzuholen. Wer den gleichen Dialekt spricht wie diejenigen, um die er sich kümmert, den will ich ermutigen, von seinem Dialekt Gebrauch zu machen. In diesem Fall gilt: Nur nicht zu hochdeutsch – Dialekt öffnet Herzen.

Hörenswert zum Thema „Dialekte“ ist ein Gespräch im Deutschlandfunk. Von Minute 26 bis 30 spielt die Geschichte auf plattdeutsch in einem Altenheim.

 

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