Pflege-Tüv ist gescheitert

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Zerfifizierer inspizieren ein Badezimmer im Pflegeheim (Foto: privat)
IQD-Zertifizierer inspizieren ein Badezimmer im Pflegeheim

Hinter vorgehaltener Hand waren sich die Betreiber von Pflegeheimen seit Jahren einig: Das Noten-System des Medizinischen Dienstes der Krankenkassen (MDK) sagt nichts über die Qualität einer Einrichtung aus. Doch weil dies nur Insider wussten und die meisten Häuser Bestnoten erzielen – der bundesweite Durchschnitt liegt bei 1,3 – , hatte niemand ein Interesse, seinen Einser zu hinterfragen.

Nun hat aber Karl-Josef Laumann (CDU), Pflegebeauftragter der Bundesregierung, anlässlich einer Diakonie-Tagung in Bochum den sogenannten Pflege-Tüv für gescheitert und die Noten für irreführend erklärt. Der Grund: Pflege-Fehler oder eine mangelnde Betreuung könnten durch gute Dokumentation oder weiche Kriterien ausgeglichen werden. Denn jede Pflegeeinrichtung wird seit 2009 einmal im Jahr vom MDK auf aktuell 77 Punkte hin geprüft. Am Ende gibt es eine Note, die die Qualität der Einrichtung widerspiegeln soll. Die Skala reicht von eins bis fünf.

Wenig Transparenz im Siegel-Dschungel

Damit stellt sich die Frage, woran potentielle Kunden künftig festmachen, ob eine Einrichtung qualifiziert ist. Die Heimaufsicht der kommunalen Sozialämter prüft einmal jährlich, ob die gesetzlich vorgeschriebenen baurechtlichen, pflegerischen und sozialen Standards eingehalten sind. Parallel zur Einführung der Pflegeversicherung reflektierten kirchliche und andere Träger seit 1995, wie sie ihre sozialen und ethischen Qualitätsstandards mess- und vergleichbar machen, um sich im Markt zu differenzieren und ihre Leistung sichtbar zu machen.
So entstanden parallel auf verschiedenen Ebenen diverse Siegel und Zertifikate, mit denen Träger wie Diakonie, Caritas, AWO, DRK, kommunale oder private Träger für sich warben. Wegen deren Vielfalt fehlt es aber jedem Label bis heute an Bekanntheit, Vergleichbarkeit und inhaltlicher Aussagekraft. Und die Orientierung an der DIN ISO 9001, die im industriellen Umfeld Qualität dokumentiert, greift in der Pflege zu kurz, weil es hier nicht nur um reproduzierbare Prozesse geht, sondern um pflegebedürftige Menschen mit individuellen Einschränkungen und Bedürfnissen.

Die wenigsten Anbieter sind zertifiziert

Aus der evangelischen Paul-Lempp-Stiftung und der kommunalen Kleeblatt Consult in Stuttgart heraus entwickelten Führungskräfte 1996 deshalb erstmals ein Qualitätssiegel, das rund 220 Kriterien aus den Bereichen Gebäude, Organisation, Pflege, soziale Betreuung und Hauswirtschaft umfasste. Um dieses in der Breite zu bewerben und unabhängig agieren zu können, gründeten die Partner ein Jahr später ein Institut für Qualitätskennzeichnung von sozialen Dienstleistungen.

Aktuell gibt es bundesweit rund 12.000 ambulante Dienste und 11.600 Pflegeheime, von denen rund 2500 zertifiziert sind. Das Zentrum für Qualität in der Pflege (ZQP) in Berlin listet auf seiner Homepage 20 Anbieter von Siegeln und Zertifikaten auf (PDF). Wirklich relevant, insbesondere wenn es um echte Zertifizierungen geht, sind dabei nur TÜV (980), AWO (345), IQD (306) und Diakonie (224). Mit 1400 Testaten ist der Grüne Haken, den die BIVA, die einzige bundesweite Interessenvertretung von Heimbewohnern vergibt, zwar der populärste, erreicht in der Tiefe aber nicht die Qualität eines Zertifikats.

Qualitätsmerkmal: Offene Wohnküche

Neue Datenbank soll Übersicht liefern

Ohnehin sind die Siegel und Zertifikate untereinander nur schwer vergleichbar. Wo einige hochdifferenziert in die Tiefe der Prozesse gehen, sind andere oberflächlich, ohne Aussagekraft oder schlicht kaufbar. Das ZQP, das der Verband privater Krankenversicherer 2009 gegründet hat, will eine Datenbank mit allen Anbietern veröffentlichen. Diese soll eine formale Übersicht bieten, wer was anbietet, welche Inhalte analysiert werden und wer prüft. So gewichten auch alle Anbieter die fünf Bereiche Gebäude, Organisation, Pflege, soziale Betreuung und Hauswirtschaft unterschiedlich. Dass das IQD aber beispielsweise rund 60 Prozent über die gesetzlichen Vorgaben in seiner Zertifizierung hinaus geht, verdeutlicht die Komplexität der Thematik. Nur so ist es auch zu erklären, dass Häuser, die bei den jährlichen Prüfungen des Medizinischen Dienstes der Krankenkassen (MDK) teils Bestnoten erhalten, bei manchen Zertifizierern durchfallen.

Häuser investieren mehr in Kommunikation

Interessierte Pflegefachkräfte, meist mit Potential zur Führungskraft, wissen um die Aussagekraft vieler Zertifikate. Nicht umsonst werben immer mehr Arbeitgeber in ihren Stellenausschreibungen mit ihrem Testat, das meist nach zwei bis drei Jahren erneuert werden muss und das je nach Größe des Hauses zwischen 2000 und 5000 Euro kostet. In der Regel ist nicht dieser Preis ausschlaggebend, für welches Verfahren sich ein Träger entscheidet. Viel wichtiger ist der personelle Aufwand, den ein Haus treiben muss, um reif für die Zertifizierung zu sein oder auch die täglich zu erbringenden Vorgaben, die für die Re-Zertifizierung erforderlich sind. Andererseits gewinnen die Labels im Wettbewerb um Kunden an Bedeutung, zumal zunehmend Häuser in ihre Kommunikation investieren, die bei manchen Zertifizierungen Teil des Kriterienkatalogs ist.

Mehr oder weniger umfänglich sind die Parameter, auf die die Zertifizierer achten. Mit in Summe rund 440 Kriterien liegt das IQD hier an der Spitze. Denn bereits an Fragestellung und Blickwinkel kann man erkennen, worauf der Fokus der jeweiligen Prüfer liegt. Wer etwa eine Türrahmenbreite misst, hat noch nicht erfasst, ob ein Rollstuhlfahrer hier ohne fremde Hilfe passieren kann. Oder wer abfragt, ob Haustiere zugelassen sind, weiß damit noch nicht, ob neben dem Aquarium im Gemeinschaftsraum auch der Hamster des Bewohners auf seinem Zimmer zulässig ist. Und ob auch die Versorgung dieses Nagers gesichert ist.

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