Gefragtes Demenzdorf sucht Kapitalgeber

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Neue Wohnformen für Demenz-Erkranke entstehen

In Nieder-Sachsen entsteht das Demenzdorf Bad Bevensen: Der Lageplan zeigt, wie fast unmöglich es ist, sich hier zu verlaufen.

Leben Menschen mit starker Demenz in Pflegeheimen, werden sie oftmals an die Leine gelegt oder mit Medikamenten ruhig gestellt. Die Gründe dafür sind nachvollziehbar. Doch viele Menschen würden sich ihren Lebensabend im Falle einer Demenz gerne anders vorstellen. Attraktive Lösung: Demenzdörfer.

Demenz greift um sich

In Deutschland leben zurzeit circa 1,4 Millionen Menschen mit Demenz. Häufigste Ursache hierfür ist die Alzheimer-Krankheit. Die Deutsche Alzheimer Gesellschaft rechnete bereits 2010 die Werte für die Zukunft hoch und geht davon aus, dass die Zahl der Menschen mit Demenz in Deutschland bis zum Jahr 2050 sich verdoppeln wird.

Vorstand des Demenzdorf Bad Bevensen Vereins: Pastor Hans-Peter Hellmanzik

Zuhause und auf Station eine große Belastung

Laut derselben Statistik versorgen aktuell Angehörige etwa zwei Drittel aller Menschen mit Demenz über lange Zeit zu Hause. Doch die letzten Jahre verbringen über 50 Prozent in einer Pflegeeinrichtung. Denn mit zunehmenden Single-Haushalten schaffen es immer weniger Angehörige, ihre dementen Eltern zu unterstützen. Und in manchen Pflegeheimen führt der Personalmangel, ausgelöst durch schlechte Bezahlung und Arbeitszeiten, oft zum medikamentösen Betäuben der Dementen. Denn wenn unter 30 Pflegebedürftigen auf einer Station fast alle Senioren akute Probleme haben, ist ein Alzheimer-Erkrankter oft der am schwersten lösbare Fall.

Sichere Umgebung: Schwer gefragt

In den Niederlanden entstand vor Jahren das erste Demenzdorf namens De Hogeweyk und ist ausgebucht. Denn es ist keine normale Altenpflegeanlage. Alle Häuser liegen an einem Rundweg, sodass sich die Bewohner nicht verlaufen können. Nach diesem Vorbild baute die Julius-Töneborn-Stiftung im nieder-sächsischen Hameln ebenfalls eines. Seit gut einer Woche ist auch dieses voll besetzt und auch sehr beliebt unter Pflegekräften.

Zweites, größtes Demenzdorf entsteht: Investor gesucht

Und nun, ganz aktuell, entsteht das deutschlandweit zweite Dorf, aber bisher flächenmäßig größte dieser Art. Ebenfalls in Nieder-Sachsen, hat der Verein „Demenzdorf Bad Bevensen“ ein 30.000 Quadratmeter großes Grundstück im Visier, das der DRK-Kreisverband Uelzen als künftiger Hauptbetreiber zur Verfügung stellen wird. Angelehnt an das niederländische Vorbild hat der Verein eine inklusive Konzeption entwickelt und erstellt aktuell den Businessplan. Doch vor allem sucht der Verein unter Vorsitz von Pastor Hans-Peter Hellmanzik einen oder mehrere Kapitalgeber.

Der Rahmen steht

Seit etwas mehr als einem Jahr steht der Rahmen für potenzielle Investoren: 32 Personen gründeten den Verein, darunter ein ambulanter Pflegedienst, Angehörige von Dementen, interessierte Senioren und das DRK Uelzen. Dieses besitzt das Grundstück und wird aktuell als Generalbetreiber fungieren. Künftig soll daraus eine Kapitalgesellschaft ohne Gewinnabsichten entstehen. Mittlerweile umfasst der Demenzdorf-Verein etwa 100 Mitglieder.

Das Konzept

„Wichtig ist uns, dass jeder Pflegedienst im Demenzdorf tätig sein darf, damit die Senioren ihre vertrauten Pflegekräfte mitbringen können und keine Brüche entstehen“, unterstreicht Hellmanzik. Und der 71-jährige Theologe freut sich auf weitere Vereinsmitglieder: „Je mehr wir sind, desto gewichtiger können wir uns gegenüber den politischen Entscheidern in Hannover und Berlin positionieren.” Zu Bundesgesundheitsminister Hermann Gröhe habe der Verein bereits einen Kontakt geknüpft. Mit Genugtuung verweist der Ratsherr im Stadtrat Bad Bevensen auch darauf, dass das Wohnprojekt wissenschaftlich begleitet werden wird, und zwar von Professorin Sabine Remdisch und ihrem Team an der Leuphana Universität Lüneburg.

So sieht der Plan eines der Wohnhäuser im Demenzdorf aus.

Mit seinen einstöckigen Klinkergebäuden wirkt es eher wie ein Feriendorf und die Architektur ist genauso ausgeklügelt wie im holländischen Demenzdorf, das als Vorbild diente: Halbrund führen alle Wege an den zentralen Platz und das Verwaltungs- sowie Veranstaltungsgebäude. Hier ist ein Café und Supermarkt untergebracht. Demenziell Erkrankte haben es leicht, sich im künftigen Dorf zu orientieren. Ihnen zur Seite steht eine große Anzahl von ehrenamtlich Mitarbeitetenden.

Freiheit für alle

Ziel des alternativen Wohnprojektes ist, dass die Senioren so lange wie möglich ihren gewohnten Lebensstil beibehalten können: Sie können sich – verwirrt oder nicht – frei bewegen und Dinge des Alltags erledigen. Von der Wäsche und dem Einkauf bis zum Hausmüll und das Gärtnern. Ganz unabhängig davon, ob dabei „sinnvolle“ Ergebnisse herauskommen.

Wohnen allein oder in Wohngemeinschaften

Die Bungalows sind in unterschiedlichen Wohnstilen eingerichtet. Gemeinsam mit den Angehörigen wird entschieden, welcher Stil am besten zu einem Bewohner passt. Jedes Detail ist darauf abgestimmt. Farben, Bilder, das Essen oder die Musik. Statt in Medikamenten wird in Beschäftigung investiert oder in Hobbys wie Backen in einer Bauernküche, Singen in der Kulturkapelle, Fahrradtouren oder Malen und Werken. Oder Schrauben und Schreinern in der Werkstatt. Ganz normal eben.

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