„Spiritualität erleichtert das Sterben“

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Präsente Begleiter können vor allem in der letzten Phase unterstützen

Das tibetanische Totenbuch beschreibt fünf Phasen des Sterbens. Dorothea Mihm unterstützt Sterbende auf diesem letzten Weg. (Foto: Dorothea Mihm, mit Genehmigung)

Im Tibetanischen Totenbuch werden fünf Phasen des Sterbens beschrieben. Sterbebegleiterin und Palliativ Krankenschwester Dorothea Mihm erzählt, wie konkrete Unterstützung aussehen kann.

Frau Mihm, wie sieht eine gute Sterbebegleitung aus?

Es gibt vier Aspekte, die meiner Meinung nach eine gute Sterbebegleitung ausmachen. Zuerst einmal die persönlichen Voraussetzungen, damit verbunden eine intensive eigene Vorbereitung. Dazu das Wissen darüber welche Symptome der Sterbende in seinen Sterbephasen durchwandert sowie die Autobiographie des Sterbenden.

Was meinen Sie mit den eigenen Voraussetzungen?

Was wir in dem Wunsch zu helfen, manchmal nicht ernstnehmen ist unsere eigene aktuellen Verfassung. Es ist aber wichtig, dass Begleiter körperlich, psychisch und geistig in einem guten Gleichgewicht sind. Wenn jemand Migräne hat oder sich Sorgen um sein Kind, Partner oder Eltern macht, der ist leicht abgelenkt und ihm fehlt Energie zur Präsenzhaltung. Sterbebegleiter benötigen einen klaren Geist, der sich einigermaßen einspitzig auf das Geschehen des Sterbens einlassen kann. Nur dann erkennt er die verschiedenen Stadien, die der Sterbende durchwandert und kann adäquat handeln.

Und wie bereitet man sich vor?

Zunächst einmal geht es um Störgefühle. Das kann Angst sein, Unsicherheit, auch Ekel und Wut, oder Hilflosigkeit und Ohnmacht. Es ist hilfreich, wenn Sterbebegleiter sich dieser Gefühle bewusst werden. Erst wer sich der eigenen geistigen Hindernisse gewahr wird, kann darüber reflektieren. Je weniger innere Störgefühle, desto leichter ist es, dem Sterbenden wirklich von Herz zu Herz zu begegnen. Diese Vorbereitung ist ein lebenslanger Prozess und dazu, eine wunderbare Möglichkeit persönlich zu wachsen.

Sie haben noch von Wissen über den Sterbeverlauf und die Autobiographie gesprochen. Was steckt da dahinter?

Nach dem Tibetischen Totenbuch gibt es fünf Stadien des Sterbens, in denen unterschiedliches passiert und Begleiter entsprechend reagieren können, um ein friedvolles und gegebenenfalls bewusstes Sterben zu ermöglichen. In der ersten Phase etwa werden die Sterbenden unruhig, wollen aufstehen, auch wenn sie völlig kraftlos erscheinen. Eine große Unruhe kann sich ausbreiten, die Bettflucht und der innere Drang sich aufzusetzen, kann sehr stark werden. Das sollte man durchaus unterstützen, und nicht gleich zur Beruhigungsspritze greifen.

Diese Phase kann sehr kraftvoll sein und auch mehrere Tage andauern, wobei der Sterbende keine Nachtruhe verspürt. Wenn es länger dauert, müssen mehrere Menschen diese Phase begleiten. Hat man schon zuvor mit dem Sterbenden über seine Kraftquellen gesprochen und aus seiner Biographie erfahren, wo er sich geistig beheimatet fühlt, dann ist die Begleitung viel einfacher. Was ist der Wunsch des Sterbenden? Wollte er bewusst den Übergang in die andere Dimension erfahren? Welche Gebete, Lieder, Mantren, Meditationen hat er zu Lebzeiten praktiziert? Dann ist es schon jetzt bei der ersten Phase Zeit, ihn daran zu erinnern.

Sie sprachen eben von fünf Sterbephasen. Können Sie die bitte genauer beschreiben.

Jeder Sterbende durchläuft diese Phasen. Bei einem Unfalltod geht dies in Bruchteilen von Sekunden. Die Phasen sind individuell verschieden lang. In der ersten Phase benötigen Begleiter viel Geduld, denn der Sterbende ist wirklich ruhelos. Deshalb ist es fatal, wenn wir Sterbende, die bewusst sterben wollen, mit Beruhigungsmitteln ruhig stellen.

Und wenn der Körper dann zur Ruhe kommt?

In der nächsten Phase bewegen sich vielleicht noch die Finger, aber alle Muskeln erschlaffen. So öffnet sich der Mund und eine Röchelatmung beginnt, das sogenannte Todesrasseln. Zudem öffnen sich die Poren und man bemerkt den typischen Todesgeruch. Innerlich passiert jetzt sehr viel, denn der Sterbende merkt, dass er seine Körperidentität verliert und er bekommt deshalb große Angst und Panik. Er hat keinen Halt und bekommt selten eine adäquate Hilfe, weil er meistens in dieser Phase unberührt ist und alleine gelassen wird. In dieser Phase können Schmerzmittel reduziert werden, weil sich der Stoffwechsel verändert.

Wie sieht die dritte Phase aus?

Der Körper beginnt kalt zu schwitzen und die Extremitäten werden kalt. Es ist wichtig, den Sterbenden spirituell zu begleiten, ganz individuell über seine Kraftquellen zu sprechen. Egal, was das für ihn ist: Gott, Allah oder die Natur. Denn das bietet ihm eine Verbindung zu seinem Daseinsgrund und ermöglicht ihm einen positiven Geisteszustand zu erlangen und friedlich sterben zu können.

Und in der vierten Phase?

Das Schwitzen hört auf und die Kälte bleibt. Die Wärme zentriert sich um den Herzraum. Der Sterbende atmet kürzer ein und länger aus. Es entstehen Atempausen und der Atem wird flacher bis er ganz aufhört und das Herz letztlich aufhört seine Arbeit zu tun. Medizinisch ist der Mensch dann tot.

Ich vermute nach dem Tibetanischen Totenbuch geht es jetzt um den Geist, oder?

Die Psyche löst sich Schritt für Schritt auf, das ist nicht beobachtbar und nur für wenige Erfahrene wahrnehmbar. Der Geist löst sich langsam auf, bis er nach dreieinhalb Tagen endgültig aus dem Körper ausgetreten ist. Für die tibetische Sichtweise ist es entscheidend, wie bewusst und friedlich das Sterben verläuft. Denn wir sind überzeugt, dass der Geist in einem neuen Leben so startet, wie er ausgetreten ist. Selten gelingt ein bewusstes Sterben, weil wir Betreuer doch all zu schnell zur Beruhigungsmedikation greifen.

ZUR PERSON:

Dorothea Mihm (Foto: Privat)

Dorothea Mihm ist gelernte Palliative care-Krankenschwester, Heilpraktikerin und arbeitet seit über 20 Jahren in der Pflege mit Palliativpatienten. Die Frankfurterin lernte auf Reisen nach Asien, vornehmlich zu Lopön Tenzin Namdak Rinpoche in Nepal, neue Wege des Umgangs mit dem Sterben kennen und integriert diese in ihre Arbeit. Als Autorin (zuletzt „Die sieben Geheimnisse des guten Sterbens“), Seminarleiterin und Coach gibt sie ihr Wissen weiter.

 


Jens Gieseler ist Kommunikationsberater, Journalist und Heilpraktiker für Psychotherapie. In den letzten beiden Lebensjahren war sein Vater pflegebedürftig. Deshalb hat er sich mit der Pflegebürokratie herumschlagen müssen und viel Sensibilität für das Altern und Sterben entwickelt. Erkenntnis: Beziehungen werden immer wichtiger.

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