Demenz: Nachtcafé lässt Angst verschwinden

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Wie Einrichtungen ohne Medikamente auf fehlenden Tag/Nacht-Rhythmus reagieren können

´Zusammen ist man weniger allein: Nachtcafés helfen bei Angst und Einsamkeit (Foto: Fotolia)

Wenn Menschen mit Demenz nachts durchs Pflegeheim streifen, ist Ärger programmiert. Andere Bewohner fühlen sich gestört, Pflegekräfte sind überfordert und die Sturzgefahr ist groß. Sogenannte Nachtcafés sollen den Unruhigen eine sichere Alternative bieten.

Wie an vielen Abenden findet Hildegard P. auch heute keine Ruhe. Die 86-Jährige geistert durch die Pflegeheim-Gänge. Plötzlich sieht sie einen zarten Lichtschein und läuft darauf zu. Als die Seniorin näher kommt, hört sie ein vertrautes Abendlied. Es duftet nach Lavendel, weiche Sessel stehen bereit und eine Schwester drückt der alten Dame eine dampfende Tasse Kamillentee in die Hand. Hildegardt P. lächelt. Hier fühlt sie sich geborgen.

Schlafmedikamente erhöht Sturzgefahr

„Bei fortgeschrittener Demenz verschwindet oft der Tag-/Nachtrhythmus“, erklärt Jutta Brestel-von Haussen, langjährige Betreuungskraft. Betroffene sind unruhig, wachen oft auf und irren umher. Das sogenannte Sundowning-Syndrom kann nervenaufreibend sein, sowohl für andere Bewohner, die sich gestört fühlen, als auch für den Nachtdienst. Trotzdem: Medikamente sind keine Lösung. Meist hält deren Wirkung auch am nächsten Tag noch an, was zu einem unsicheren Gang führt und die Sturzgefahr erhöht.
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Zusammen sitzen wie am Familientisch

Besser Einrichtungen gehen auf die veränderten Bedürfnisse ihrer Bewohner ein. Etwa mit einem Nachtcafé. Immer mehr Häuser setzen auf die spätabendliche Betreuungsform. So auch ein Pflegeheim bei Ulm. Seit sieben Jahren treffen sich Nachtaktive, Heimwehgeplagte und Einsame ab 17:30 Uhr im Aufenthaltsraum.  Zusammen sitzen wie früher am Familientisch – das ist die Idee hinter dem Betreuungsangebot.

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Nachtlicht (Foto: Dusyma)

Nachtlicht/Projektor
Was zum Gucken: Nachtlichter, die Sterne oder andere Formen an Decke und Wand zaubern sorgen für Atmosphäre.
Zudem fördert der Lichtreiz die Wahrnehmung von Formen und Farben.
Nicht nur für Menschen mit Demenz oder Bettlägrige eine willkommene Abwechslung. Mehr dazu

Gemütlich, warm und gesellig

Und wie Zuhause sollten Betreuungskräfte im Nachtcafé für eine angenehme Atmosphäre sorgen. „Gemütliche Sessel, ruhige Musik und viele indirekte Lichtquellen“, gibt Brestel-von Haussen Beispiele. Ein konkretes Programm ist meist nicht nötig. „Vieles ergibt sich von selbst.“ Bewohner und Betreuungskräfte spielen Gesellschaftsspiele, verrichten kleine Hausarbeiten oder sehen gemeinsam fern. „Manchmal lesen wir auch Geschichten vor oder schauen Bildbände an“, erzählt Pflegedienstleitung Astrid Meyer. Dazu gibt es leichte Snacks und Heißgetränke wie Tee und Kaffee. Meyer: „Koffein hat eine paradoxe Wirkung auf Menschen mit Demenz. Es macht sie nicht wach sondern müde.“

Der Effekt sei spürbar. Ein Großteil der Nachtcafé-Besucher schläft im Anschluss besser. „Die Nächte sind insgesamt ruhiger“, berichtet Meyer. Da alle Nachtschwärmer sich an einem Ort sammeln, gebe es weniger umherirrende Bewohner: „Gleichzeitig werden Senioren, die gern früh zu Bett gehen, nicht gestört.“
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Schlaflichter mit Motiv
Schlaflichter zaubern Geborgenheit und helfen bei der nächtlichen Orientierung. Besonders empfehlenswert für Senioren, die nachts oft aufwachen oder aufstehen müssen.
   

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Jahrgang 1989, „Die Pflegebiblerin“ hat Medienwirtschaft in Stuttgart studiert, langjährige Jugendleiterin, lernte den Online-Journalismus bei ProSiebenSat.1 Digital kennen, arbeitete in einer Londoner Nachrichtenagentur, hat die besten Ideen beim Wandern und ist begeisterte Köchin. Ihr Lebensmotto: Wenn Plan A nicht funktioniert, bleiben noch 25 andere Buchstaben.

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