Jung und Alt: Vorlesen verbindet trotz Alterskluft

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Herzliche Kontakte über Generationen hinweg

Nähe durch Geschichten im Seniorenwohnen Hemau (Foto: SSG)
Nähe durch Geschichten im Seniorenwohnen Hemau (Foto: SSG)

Ein Begegnungsprojekt bringt Jugendliche von der Mittelschule am Mönchsberg mit älteren Menschen vom Seniorenwohnheim der Sozial-Servicegesellschaft des Bayerischen Roten Kreuzes in Hemau zusammen und fördert das Verständnis füreinander. Über Generationen hinweg haben sich herzliche Kontakte entwickelt, die für alle ein Gewinn sind.

Aktiv und neugierig zu bleiben, sich an der Gemeinschaft zu beteiligen, das sind bewährte Rezepte, um im Alter nicht abzubauen oder gar depressiv zu werden. Im Hemauer Seniorenwohnheim werden die Bewohner täglich ermuntert, beim abwechslungsreichen Programm mitzumachen. So kommen seit fünf Jahren jeden Montagvormittag Schüler ins Haus, um den Bewohnern Geschichten vorzulesen.

Kontakte zwischen Jung und Alt

„Es ist eindeutig eine Win-Win-Situation“, beschreibt Einrichtungsleiter Sebastian Halser das Projekt. Denn wenn die Zehn- bis Dreizehnjährigen von der Mittelschule am Mönchsberg einen Text vortragen, hören die älteren Menschen interessiert zu. Im Gegenzug üben die Schüler ihre Lesefertigkeit und haben daran oft mehr Spaß als am Unterricht. Ab und zu singen sie auch oder spielen mit den Bewohnern Karten. Dabei entstehen auf lockere Art und Weise soziale Kontakte zwischen Alt und Jung.

Viel zu erzählen

Die Heimbewohner freuen sich jede Woche auf die lebhafte Truppe, die frischen Wind in den Alltag bringt. Sie haben den Jungen viel zu erzählen, aus ihrem Leben, aus ihrer Jugend. Immer wieder entwickeln sich richtig gute Gespräche. Die Älteren interessieren sich zum Beispiel dafür, welchen Beruf sich die Jugendlichen vorstellen. Diese kommen wiederum auf natürliche Art und Weise mit Alter, Schwäche und Krankheit in Berührung, eine wichtige Erfahrung. „Nach einer Weile haben sie keine Berührungsängste mit alten Menschen mehr, das ist weg und das Miteinander wird ganz normal“, betont Schulleiter Erwin Geitner.

Die Senioren sind Feuer und Flamme, wenn zu Wochenbeginn der Besuch ansteht und fragen auch nach: „Heute ist Montag, da kommen doch die Schüler wieder?“ Sie tauchen dann ein in Geschichten wie „Weißwurst-Connection“ oder „Leberkäs-Junkie“. Wie Polizist Franz Eberhofer entweder in einem Luxus-Hotel auf dem Dorf ermittelt, weil eine Leiche in einer noblen  Marmorbadewanne liegt oder eine Frau in der Pension von der Mooshammer Liesl ermordet wird.

Highlight der Woche

Danach folgt ein Highlight, das gemeinsame Brezenessen. Ein Bewohner hatte genau zugehört, wie der Eberhofer immer abends in seiner Stammkneipe eine Maß Bier trinkt und eine Leberkässemmel verspeist. Das kommentierte er mit den Worten: „Da sieht man mal wieder den Unterschied, die studierten Polizisten kriegen Bier und Leberkäs und wir Limo und trockene Brezen.“

Wenn auch einige betagte Zuhörer beim Vorlesen einschlafen, so folgen doch die meisten aufmerksam dem Geschehen. Das Konzentrieren auf Geschichten und Abläufe hält geistig fit und trägt dazu bei, dass das Gedächtnis nicht schlechter wird. Besonders bei Demenzkranken hilft Training dem Gehirn auf die Sprünge. Beim Zuhören kommt oft die Erinnerung zurück.

Berührungsängste abbauen und Integration leben

Der Gewinn für die Schüler ist ebenfalls groß, sie haben inzwischen ihre Lesekompetenz deutlich verbessert und sind auch viel sicherer geworden. Sie üben die Texte, die Religionslehrer Josef Meyer ausgewählt hat, schon vorab. „Manche waren am Anfang zaghaft und trauten sich nicht so recht, vor dem Publikum zu stehen. Jetzt haben sie keine Hemmungen mehr“, berichtet Maria Bartels, die im Heim das Projekt begleitet. Unter den Vorlesern sind auch einige mit Migrationshintergrund, die reines Hochdeutsch sprechen, während die einheimischen einen deutlichen bayerischen Einschlag haben. Das fiel auch einer Seniorin auf, die dazu meinte: „Man müsste die heimischen Schüler erst einmal zu ihnen in den Unterricht schicken, damit sie vernünftiges Deutsch lernen.“ Hier wird also auch noch zusätzlich Integration gelebt.

Mit der Zeit hat sich ein aktives Miteinander von Jung und Alt, von Einheimischen und Migranten entwickelt. Der Kontakt von den Schülern zu den Senioren ist so kontinuierlich gewachsen, dass sie sich auch über das Leseprojekt hinaus in der Einrichtung engagieren. „Manche kommen freiwillig am Nachmittag und helfen zum Beispiel bei der Gartenarbeit“, freut sich Heimleiter Halser. Das Leseprojekt hat der Religionslehrer der fünften bis achten Klassen, Josef Meyer, aufgebaut und betreut es nach wie vor. Sebastian Halser und Erwin Geitner möchten es auf jeden Fall auch in der Zukunft weiterführen. Nach den Ferien, Mitte September, ist es dann wieder so weit: „Die Schüler kommen!“

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Jahrgang 1989, „Die Pflegebiblerin“
hat Medienwirtschaft in Stuttgart studiert, langjährige Jugendleiterin, lernte den Online-Journalismus bei ProSiebenSat.1 Digital kennen, arbeitete in einer Londoner Nachrichtenagentur, hat die besten Ideen beim Wandern und ist begeisterte Köchin. Ihr Lebensmotto: Wenn Plan A nicht funktioniert, bleiben noch 25 andere Buchstaben.

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