Pflegekräfte: Überlastet bis zum Break-Down – Teil 1

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Welche Maßnahmen in der Praxis ankommen

Das Burn-Out-Syndrom ist unter Pflegekräften weit verbreitet (Foto: Fotolia)

Altenpflege macht krank. Eine Studie der AOK belegt, dass Pflegekräfte ein 30 Prozent höheres Risiko haben, berufsbedingt zu erkranken. Nicht selten länger als sechs Wochen. Schuld sind: Zu viele Überstunden, Hektik und emotionaler Stress. Die Devise lautet, wie so oft, vorbeugen. Wir haben mit Experten auf Träger- und Mitarbeiterseite gesprochen.

Für deutsche Pflegeträger gleichen Personalausfälle einer mittleren Katastrophe. Sie leiden ohnehin unter Fachkräftemangel. Kollegen müssen Aufgaben fehlender übernehmen und kommen dabei selbst an Belastungsgrenzen. Ein Teufelskreis, der immer mehr Pflegekräfte in den Abgrund zieht. Höchste Zeit zu handeln. Arbeitgeber sollen Mitarbeiter in schwierigen Arbeitssituationen unterstützen und dauerhaft entlasten.

Schichten besser planen

„Der erste Schritt ist ein langfristiger, verlässlicher Dienstplan“, sagt Andreas Leimpek-Mohler, Geschäftsführer des Verbands katholischer Altenhilfe (VKAD). Oft werde auf Basis ständig wechselnder Monatsdienstpläne gearbeitet. Eine langfristige Planung privater Events – unmöglich. Dazu sei es in zahlreichen Einrichtungen alltäglich, Mitarbeiter kurzfristig aus dem „Frei“ abzurufen. Eine weitere Maßnahme, die das Personal stark belastet. Leimpek-Mohler erklärt: „Wenn ich jederzeit damit rechnen muss, zum Dienst abkommandiert zu werden, bleibt der Erholungseffekt eines freien Tages aus.“ Mithilfe von durchlaufenden Grund-Dienstplänen ließen sich derartige Situationen verhindern, so der Experte, dessen Verband zur Caritas gehört. Mitarbeiter durchlaufen dabei versetzt einen mehrwöchigen Dienstplanzyklus, der sich fortwährend wiederholt. Die Pflegekraft weiß lange im Voraus, wann sie arbeiten muss und kann private Termine dementsprechend planen. „Wichtig ist, dass Pflegedienstleiter mögliche Ausfälle bereits beim Planen bedenken“, so Leimpek-Mohler. Beispielsweise können sie Stand-By-Dienste einrichten, das heißt: Einzelne Mitarbeiter haben Rufbereitschaft und springen im Notfall ein. Auch Menschen, die gerne flexibel arbeiten, sogenannte Springer, können eine Option sein.

Praxis sieht anders aus

Martin Nestele, selbst Altenpfleger bei einem diakonischen Träger, sieht dies kritisch: „Die Personaldecke ist viel zu dünn, als dass es einen Rufbereitschaftsdienst geben könnte. Von der Finanzierung ganz zu schweigen.“ Als Mitglied der ver.di-Initiative Altenpflege in Bewegung weiß Nestele, dass nicht der Fachkräftemangel, sondern die geringe Personalbemessung in den Heimen Schuld am Notstand ist. „Es gibt zu wenig refinanzierte Stellen, Heimbetreiber können sich kein zusätzliches Personal leisten“, erklärt er. Den Pflegedienstleitern bleibe bei einem Ausfall nichts anderes übrig, als ihre freihabenden Mitarbeiter zu mobilisieren. „Das führt zu einer Spirale aus krank-Ausfall-Einspringen-krank.“

Workshops zu Tod und Sterben

Thomas Mäule, Pfarrer der Evangelischen Heimstiftung in Stuttgart, weiß dass Pflegekräfte vor allem im Arbeitsalltag unterstützt werden müssen. Ständig von Leid, Sterben und Tod umgeben zu sein, überfordere viele Mitarbeiter. In Deutschland stirbt etwa die Hälfte der Heimbewohner innerhalb eines Jahres nach Einzug. Täglich werden Mitarbeiter mit der Vergänglichkeit anderer aber auch mit der eigenen konfrontiert. „Es gehört zur Professionalität eines Pflegers sich mit diesen Themen auseinanderzusetzen“, sagt Mäule. Um dies zu erleichtern, bietet die Heimstiftung jährlich rund 30 Grundkurse an, die sich eingehend mit dem letzten Lebensabschnitt beschäftigen. Nicht nur Pflegefachkräfte sondern das gesamte Heimpersonal kann daran teilnehmen – von der Hauswirtschaftshilfe bis zum Techniker.

Im nächsten Teil “Pflegekräfte: Überlastet bis zum Break-Down” erklären unsere Experten wie sich Sterbekultur und Palliativpflege auf Mitarbeiter auswirkt.

Die Experten

Andreas Leimpek-Mohler
Geschäftsführer
Verband katholischer Altenhilfe
Martin Nestele
Altenpfleger
ver.di
Thomas Mäule
Pfarrer
Evangelische Heimstiftung

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4 KOMMENTARE

  1. Oben wurde geschrieben: “Arbeitgeber sollen Mitarbeiter in schwierigen Arbeitssituationen unterstützen und dauerhaft entlasten.”

    Geht das? – Ja, das geht!

    Wer kennt die 35-Stunden-Woche in der Pflege?
    Wer weiß, dass hiermit mehr Pflegezeit für die Pflegebedürftigen zur Verfügung steht?
    Wer weiß, dass hiermit Pflegekräfte in ihrem anstrengenden Arbeitsalltag entlastet werden?

  2. Wir verfügen heute bereits über Möglichkeiten, eine langfristige persönliche Lebensplanung des Arbeitnehmers sicher zu stellen. Hierzu ist erforderlich, die Arbeits- und persönliche Lebensgestaltung voneinander zu trennen. In der 7-Tage-Woche, wie sie im Hause Maranatha bereits seit 23 Jahren praktiziert wird, ist dies gelungen. Jeder Mitarbeiter arbeitet zusammenhängend 7 Tage und hat anschließend 7 Tage Arbeitsfrei! Hierfür ist gegenüber einer 5-Tage-Woche mit täglich 7,7 Stunden (38,5 – Std. – Woche) oder täglich 8 Stunden (40 – Std. – Woche) eine geringfügige Ausweitung der täglichen Arbeitszeit auf 10 Stunden erforderlich. Mit der Verkürzung der Arbeitstage von 10 Tagen auf 7 Tage wird ein ausreichender Freiraum für eine sinnvolle Gestaltung der persönlichen Lebensführung gewährleistet. http://altenpflege-heute.com/informatio…/die-7-tage-woche/

  3. Jetzt, im Jahre 2017 sieht die Pflegewelt allerdings wieder ganz anders aus.

    Das von Herrn Gröhe so gepriesene Pflegestärkungsgesetz II ist eine Klatsche für alle Pflegenden, sowohl die pflegenden Angehörigen als auch die professionell Pflegenden. Mir scheint, man hat den Bock zum Gärtner gemacht. Statt bei den versprochenen Mehrleistungen, die für Pflegebedürftige angeboten werden, auch für die hierzu erforderlichen mehr Pflegekräfte zu sorgen, wurden die Pflegezeiten drastisch beschnitten!

    Jetzt, in der Übergangsphase von Pflegestufen auf Pflegegrade fällt das noch nicht auf, weil hier noch der Wandelbonus zum Tragen kommt. Wer sich aber die künftigen Personalschlüssel betrachtet – in Baden-Württemberg sind sie bereits festgelegt – stellt fest, dass in jedem Pflegegrad die Personalschlüssel abgesenkt wurden. Das ist ein Skandal und ein Politikum.

    Ich kann Pflegekräften nur raten, endlich aufzustehen und diesem Spuk ein Ende zu machen. Pflegt nur noch mit der von den Verantwortlichen festgelegten Zeit und lasst das, was darüber hinaus geht, liegen. Ansonsten werdet ihr noch schneller verheizt, als bisher.

    Ich wünschte mir, jene nur einen Monat lang so versorgen zu dürfen, wie sie es sich vorstellen mit ihren Vorgaben. Ob sie dann immer noch bei ihren Vorgaben bleiben?

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