Kontroverse um Politikerbesuch in Heim

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Beteiligte erheben Vorwurf der Inszenierung – Heimbetreiber wiegelt ab

Nur ein Teil der Realität: Der Politiker (l.) in Dienstkleidung engagiert sich einige Stunden in der Betreuung. (Foto: PR)

Es hätte so schön sein können: Ein CSU-Landtagsabgeordneter besucht ein Pflegeheim, informiert sich und positive Berichterstattung darüber gibt es auch. Wären da nicht die kritischen Stimmen: Der Besuch sei geschönt gewesen und die Chance verpasst, ein realistisches Bild zu vermitteln.

Auf seiner Homepage und im Memminger Kurier beschreibt der Abgeordnete Klaus Holetschek seinen Besuch in einer Einrichtung im Allgäu am Dienstag, 7. April, wo er auf zwei Pflegestationen mit den Bewohnern gebacken und Sport getrieben hat und einer alten Frau um die Mittagszeit Essen reicht. Mit seiner Aktion „Seitenwechsel“ wolle er ein realistisches Bild der Pflegesituation gewinnen und sich „für bessere Arbeitsbedingungen einsetzen.“ Der Regionalsender Allgäu TV berichtet tagesaktuell ähnlich darüber.

Kritik: „wieder einmal eine Gelegenheit verpasst

In den Tagen darauf diskutieren Angehörige und Beteiligte den Verlauf des mehrstündigen Besuchs. Dieser sei „geschönt“ oder „inszeniert“ gewesen, ist da zu hören. Und einig sind sich die Kritiker, die der kirchlichen Einrichtung im Grunde wohl gesonnen sind, dass hier „wieder einmal eine Gelegenheit verpasst worden“ sei, die Realität im Pflegealltag „ungeschminkt“ zu zeigen. Letztlich, um damit den öffentlichen Druck zu erhöhen, damit mehr Geld in die Pflege fließt.

Deutliche Brüche zur Realität konkret und sachlich benannt

Öffentlich mag sich von den Kritikern keiner zitieren lassen. Die Angst vor Repressalien scheint groß zu sein. Der Politiker sei aber erst um 8.30 Uhr nach dem Frühstück zum Tagesprogramm auf Station gekommen, „wenn der größte Stress und Personalengpass des Morgens zu Ende ist“ und „alle satt und sauber“ da säßen. Mehr noch: Es seien viele Bewohner nicht da gewesen, um wegen des TV-Senders nicht in die Öffentlichkeit zu kommen. Manchen habe man auch auf dem Zimmer belassen, weil er „laut, oder vielleicht unbequem“ ist. Dagegen seien statt üblicherweise ein, zwei Alltagsbetreuern gleich fünf im Einsatz gewesen, um die Betreuungsvielfalt und –qualität zu demonstrieren.

Inhaltlich äußern sich Verantwortliche nicht, wiegeln ab

Auf Nachfrage wollte sich die Einrichtungsleiterin, die explizit von vielen als engagierte Kraft gesehen wird, zu den Vorwürfen nicht äußern. Und tags darauf heißt es aus der Pressestelle des Trägers in Leutkirch: Man habe dem Politiker ein „authentisches Bild dargestellt“ und es sei „ein Event gewesen, auf das man sich üblicherweise vorbereitet.“ Weil die Sprecherin mehr nicht sagen will, kann auch nicht geklärt werden, ob im Vorfeld des Politbesuches etwa umherliegende Zeitungen oder Schmusepuppen so gründlich weggeräumt wurden, dass die teils verwirrten Bewohner durch die Veränderung verängstigt worden sein könnten.

Verdi: “Heimbetreiber hübschen häufig ihre Häuser auf”

Die Kemptener Verdi-Gewerkschaftssekretärin für die Altenpflege ist über das Vorgehen nicht überrascht. „Heimbetreiber hübschen häufig ihre Häuser für die Öffentlichkeit oder die Heimaufsicht auf,“ so Kathrin Weidenfelder. Die Gewerkschafterin stellt bei Besuchen und in Gesprächen mit pflegenden Mitgliedern sogar fest, dass Vorgaben mit vielen Tricks versucht würden einzuhalten. Dies sei primär ein strukturelles Problem. „Wenn Politiker bei solchen Gelegenheiten nicht schonungslos konfrontiert werden, kommt es zu keinem Systemwechsel“, so Weidenfelder.

Kritik betrifft System und Strukturen, nicht Personen

Experten wie Pflegeheim-Zertifizierer Gregor Vogelmann gibt ein Beispiel: „Selbst die besten Häuser konnten während der Grippewelle diesen Winter ihre Qualität nicht mehr sicherstellen, wenn 30 Prozent des Personals krank ist und für deren Ausfall kein zusätzliches Personal zur Verfügung steht.“ Ebenso unverantwortlich sei es, so der Geschäftsführer des Instituts für Qualitätskennzeichnung von sozialen Dienstleistungen (IQD), dass in diesem Zeitraum unangemeldete Prüfungen durch den Medizinischen Dienst der Krankenkassen (MDK) und der Heimaufsicht erfolgten, was zusätzlich Pflegepersonal bindet und somit eine adäquate Betreuung der Pflegebedürftigen an solchen Tagen nicht ermöglichte.

Inszenierte Realität hat Methode und Tradition in der Branche

Für Schlagzeilen hat der Pflege-TÜV-Beauftragte der Bundesregierung, Karl-Josef Laumann (CDU) gesorgt, der im Juni 2014 erstmals öffentlich machte, dass die Pflegebestnoten des MDK die Realität längst nicht mehr abbildeten. Doch solange Realitäten inszeniert oder ausgeblendet würden, ändere sich nichts an der Situation der alten Menschen und der Mitarbeiter in pflegenden Berufen.

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Leonhard Fromm (Jg. 1963) ist Gründer der Pflegebibel. Der Theologe und Wirtschaftsjournalist, der sich vielfach sozial engagiert, schreibt vor allem über Management in der Pflege. Der zweifache Vater interessiert sich für Zahlen, Daten, Fakten: „Verändern kann das System nur, wer seine Spielregeln versteht.“

3 KOMMENTARE

  1. Ich bin ehemalige gelernte und gestresste Altenpflegerin. Ich weiß, wovon hier gesprochen wird. Immer wird bei Veranstaltungen, bei denen Öffentlichkeit zugegen ist, alles Personal gestellt. Es gibt von Pflegeheim zu Pflegeheim sicher Unterschiede und ich würde nicht alle über einen Kamm scheren. Jedoch verdiene ich heute mein Geld leichter und mit angenehmeren Arbeitszeiten als damals. Ich habe nochmals völlig umgelernt und es hat sich gelohnt.
    Um qualifiziertes Personal zu holen und zu halten, muss sich die Pflegebranche deutlich verbessern. Arbeitszeiten und Lohn stehen in keinem Verhältnis. Verantwortlichkeit , Gewissenhaftigkeit, Sorgfaltspflicht sind in diesem Bereich unabdingbar. Engagement und Beziehungsfähigkeit ebenso.
    Alle Pflegekräfte – gelernt und ungelernt – haben meinen vollen Respekt, meine Wertschätzung und Anerkennung, wenn sie ihren Beruf mit Herz ausüben und der Branche treu bleiben.
    Doch ich rufe euch auf, stellt ein realistische Bild dar. Euch kann doch letztlich nichts geschehen. Ihr werdet doch nach wie vor gesucht und seid Mangelware auf dem deutschen Markt. Warum wohl?

  2. VIELEN DANK für den aufrichtigen Artikel, der endlich die bewusst in Kauf genommene BLINDHEIT der POLITIK darstellt! Und Pflegekräfte, die bei Besuchen von Politikern dafür sorgen, dass alles glänzt in in bester Ordnung ist, schaden nicht nur sich selbst, sondern allen BerufskollegInnen und damit der gesamten Branche – und letztlich den pflegebedürftigen Menschen.

    Dass es durchaus anders gehen kann und es Pflegekräfte gibt, die erkannt haben, dass sich unbedingt etwas ändern muss, beweisen Aktionsbündnisse, wie z.B. http://www.pflege-am-boden.de/ oder https://de-de.facebook.com/Pflege.steht.auf

    Es muss endlich die tagtägliche REALITÄT im Kranken- und Pflegebereich dargestellt und öffentlich gemacht werden. Wie sonst kann sich etwas ändern?!

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